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Hanau-Angehörige "Ein ganzes Jahr ist vergangen und wir hatten eigentlich keine Zeit zu trauern"

Hanau 2020: Gedenkstätte
© Pradeep Thomas Thundiyil / Shutterstock
Vor einem Jahr wurden in Hanau neun Menschen bei einem rassistischen Terroranschlag getötet. Nun spricht eine Angehörige über ein Jahr voller Unsicherheit – in dem kaum Raum für Trauer blieb.

Kaloyan Velkow, Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar. Neun Namen, hinter denen neun Leben stecken, die vor einem Jahr abrupt beendet wurden. Am 19. Februar 2020 erschoss ein Rassist in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln.

Nachdem sich bereits gestern Tausende Menschen in Frankfurt für einen Demonstrationszug gegen Rassismus in Frankfurt versammelt hatten, findet heute Abend die offizielle Gedenkfeier für die Opfer in Hanau statt. Dort wird unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede halten. Auch mehrere Angehörige sollen zu Wort kommen.

Hanau: ein Jahr voller Fragezeichen

Die "Tagesschau" hat im Vorfeld mit einer Betroffenen gesprochen. In einem Interview berichtet die Hinterbliebene Ajla Kurtović über ein schweres Jahr. Sie verlor bei dem rechtsextremen Anschlag ihren Bruder Hamza. In dem Gespräch geht es jedoch nicht nur um die Trauer, die die Familie in den letzten Monaten durchleben musste – sondern vielmehr um Unverständnis.

"Ein ganzes Jahr ist vergangen und wir hatten eigentlich keine Zeit zu trauern, weil wir tagtäglich damit beschäftigt sind, Antworten auf unsere Fragen zu finden", erzählt Ajla Kurtović. Denn auch wenn bereits ein Jahr vergangen ist, bleiben bis heute elementare Fragen offen – zum Beispiel die, was in der Tatnacht tatsächlich geschehen ist. Wie der Täter von Ort zu Ort gefahren ist, wann die Polizei und Rettungskräfte eintrafen, und nicht zuletzt ob die Opfer vielleicht sogar hätten gerettet werden können.

Familie des getöteten Hamza Kurtović wurde falsch informiert

Im Gespräch berichtet die Angehörige, dass sie und ihre Familie bis heute kein Treffen mit der hessischen Polizei bekommen habe. Stattdessen würde sie von Behörde zu Behörde geschickt, die Abwicklung verläuft diffus.

Dieses Gefühl der Ungewissheit begleitet die Familie von Hamza Kurtović bereits seit der Tatnacht am 19. Februar. Auch damals schon herrschte große Verwirrung. Nachdem der Familie erst mitgeteilt wurde, Hamza sei leicht verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert worden, wussten sie nicht in welches und wurden in eine Polizeihalle gebracht. Bis sein Name plötzlich auf einer Liste der Todesopfer verlesen wurde.

Eine Woche lang soll die Familie nicht gewusst haben, wo sich Hamza befand. "Ich habe meinen Bruder erst in der Leichenhalle am Friedhof gesehen, komplett abgedeckt, nur noch sein Gesicht war zu sehen. Sonst wäre der Anblick nicht zu ertragen gewesen", erzählt seine Schwester der "Tagesschau" gegenüber. Auch sei sie nicht im Vorwege informiert worden: "Wir hätten ihn gerne vor der Obduktion gesehen und würdevoll Abschied genommen", wünscht sie sich rückblickend.

Wie konnte ein rechtsterroristischer Anschlag wie dieser in Deutschland geschehen? Das Interview macht deutlich, wie viele Fragen rund um die rassistischen Morde in Hanau selbst ein Jahr später noch offen sind. Doch es zeigt auch, wie wichtig ist, die Namen der Opfer zu kennen. Denn sie sollten uns jeden Tag aufs Neue dafür sensibilisieren, dass Rassismus in unserer Gesellschaft existiert – und jeder von uns sein Möglichstes tun sollte, damit sich eine solche Tragödie nicht wiederholt.

verwendete Quellen: Tagesschau, Deutschlandfunkt

mjd

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