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Abschiebung statt Zukunft: Merkel versucht, weinendes Mädchen zu trösten

Abschiebung statt Zukunft: Merkel versucht, weinendes Mädchen zu trösten
© picture alliance / dpa / NDR
Keine Hoffnung auf Zukunft: Angela Merkel sagt einem verzweifelten Flüchtlingsmädchen, dass ihre Familie abgeschoben wird - und versucht, sie nach dieser bitteren Wahrheit zu trösten.

Bittere Tränen: Keine Hoffnung für Sechstklässlerin

Schluchzend blickt Schülerin Reem auf Angela Merkel, die nur wenige Meter von ihr entfernt steht. Die mächtigste Frau der Welt hat gerade die verzweifelte Frage des Flüchtlingsmädchens beantwortet: Gibt es nicht doch Hoffnung für mich und meine Familie, nicht abgeschoben zu werden? Die Antwort: Sachlich, nüchtern und ganz Politik-Profi - sinngemäß in etwa "Bedauerlich, aber da können wir nichts tun." Man kann förmlich zusehen, wie die Zukunft, von der das Mädchen träumt, für sie unerreichbar wird.

"Ich habe Ziele wie jeder andere"

Die Begegnung von Flüchtlingsmädchen und Kanzlerin ereignete sich im Rahmen der Veranstaltung "Gut Leben in Deutschland", bei der Merkel an einer Schule mit Jugendlichen diskutierte. Die Schülerin erzählte der Kanzlerin, wie dramatisch die Bedrohung durch Abschiebung für ihre Familie und sie selbst sei. Sechstklässlerin Reem schafft es, ihre Verzweiflung mit sehr höflichen Formulierungen abzumildern. "Es ist wirklich sehr unangenehm mitansehen zu müssen, wie andere das Leben genießen können, und man selber halt nicht", so ihre diplomatische Zusammenfassung der beständigen Angst, plötzlich ihre Heimat Deutschland verlassen zu müssen und ihre Träume von Studium und besserer Zukunft zu begraben.

"Das ist manchmal auch hart, Politik ..."

Merkel zeigt Bedauern, kann aber nichts für Reem tun. "Du bist ein sympathischer Mensch, aber du weißt ja auch: In den palästinänsischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende, und wenn wir jetzt sagen 'Ihr könnt alle kommen' (...) das können wir jetzt auch nicht schaffen."

Die Kanzlerin geht zu den nächsten Fragen über. Reem, die sich vielleicht zumindest einen Hoffnungsschimmer versprochen hat, beginnt leise neben ihren Mitschülern zu weinen. Ein herzzerreißender Anblick, der auch Merkel ins Stocken bringt. Mitten in einer Antwort bricht sie ab und geht auf das Mädchen zu.

"Ich weiß, dass das eine belastende Situation ist ... "

"Du hast das doch prima gemacht", sagt sie zu dem weinenden Mädchen. Felix Seibert-Daiker, Moderator der Veranstaltung, gibt zu Bedenken, dass es weniger um "prima" gehe, als vielmehr um die wahnsinnige Belastung, unter der Reem leide.

"Ich weiß, dass das eine belastende Situation ist - aber trotzdem möchte ich sie einmal streicheln", antwortet Merkel und legt der Schülerin die Hand auf die Schulter.

Eine spontane Reaktion, die zeigt, dass die Kanzlerin das Schicksal des Mädchens nicht kaltlässt - wirklich trösten kann sie sie aber nicht.

Mangelnde Empathie oder klare Ansage?

Seit das Video aufgetaucht ist, diskutiert das Netz darüber, ob Antwort und Streicheleinheit wirklich angemessen waren. Niemand erwartet, dass die Kanzlerin mal eben spontan die komplette Asylpolitik ändert - aber die sehr nüchternen Worte, die Merkel zunächst für das Mädchen fand, stoßen auf wenig Verständnis.

#merkelstreichelt - die Diskussion auf Twitter

Viele identifizieren sich vor allem mit den Abschlussworten der Veranstaltung von Moderator Saibert-Daiker: "Wäre schön, wenn Sie das Gesicht des Kindes mitnehmen. Und immer wenn Sie über das beschleunigte Verfahren reden, rufen Sie sich das nette Gesicht des Kindes ins Gedächtnis."

Merkel und Reem - das komplette Gespräch

UPDATE: Der oben verlinkte NDR-Bericht stellt eine stark verkürzte Schnittfassung der Begegnung von Flüchtlingsmädchen und Kanzlerin dar. Auf der Seite der Bundesregierung gibt es das komplette Video der Veranstaltung zu sehen. Am Ergebnis des Gespräches ändert sich nichts, aber man sieht, dass Merkel zumindest deutlich länger mit der Schülerin geredet hat und auf ihre Fragen eingegangen ist (etwa ab Minute 38).

heh

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