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Unsere Serie zur Bundestagswahl – Teil 2 Meike Dinklage, Leiterin des Zeitgeschehen-Ressorts, über den Hass im Netz

Hass im Netz: Meike Dinklage
© Andreas Sibler
Frauen entscheiden die Wahl – aber wie steht es um die Themen, die für Frauen entscheidend sind? Was ist da in den letzten vier Jahren vorangegangen? Und wen müssen wir wählen, damit mehr passiert? Wir fragen Expertinnen – und lassen unsere Redakteurinnen zu Wort kommen, die sich immer wieder intensiv mit diesen Fragen beschäftigen. 

Dass ich auch eine von denen bin, die lieber den Mund halten, wurde mir spätestens klar, als ich im vergangenen Jahr eine BRIGITTE-Geschichte über das Thema Hass im Netz betreute. Frauen, hieß es da, würden sich mit Meinungen und Fotos zunehmend zurückhalten, weil sie nicht Zielscheibe abwertender und sexistischer Reaktionen werden wollen. Corona habe die Lage noch verschärft, weil sich das Leben im Lockdown in die sozialen Medien verlagert habe, und Hater gezielter Jagd auf Menschen machten, deren Geschlecht, Lebensweise oder Aussehen ihnen nicht passt.

"Ich schweige präventiv" – Beschränkung im Netz durch Silencing 

Stimmt für mich: Die Ahnung möglicher Konsequenzen hält mich automatisch in der Deckung, weil ich weiß, dass mein Fell bei Häme nicht besonders dick ist. Ich schweige präventiv – wie 58 Prozent aller Frauen, denn so viele sagen laut einer Studie des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, dass sie sich bei politischen Äußerungen im Netz lieber selbst beschränken, als sich danach fertigmachen zu lassen. Silencing nennt man diese Haltung. Ein Desaster für den politischen Diskurs.

Felldicke oder Nehmerinnen-Qualitäten dürfen bei der Entscheidung, seine Meinung zu sagen, natürlich kein Kriterium sein. Vielmehr muss es einfach unmöglich werden, Hass, Rassismus und Sexismus unverblümt und ungestraft zu posten. Wer so was hochlädt, der lädt auch durch, richtet die Waffe auf den Pluralismus als solchen. Und, im schlimmsten Fall, tatsächlich auch ganz real auf Menschen – die Morde von Halle und Hanau haben es gezeigt.

Die Gewalt, die Frauen entgegenschlägt, ist dabei anders als jene, die Männer erleben. Frauen sind häufiger Opfer pornografischer Kampagnen – ihre Gesichter werden in Pornos montiert, Ex-Partner verbreiten Nacktbilder. Noch verbreiteter sind sexualisierte Beleidigungen, abwertende Kommentare zu Körper, Aussehen, dem Weiblichen an sich. Meine Kollegin Sina Teigelkötter aus dem Balance-Ressort erzählte mir nach ihrer Recherche zum Thema neue Körperbilder, wie erschüttert sie darüber war, mit welcher Brutalität Frauen, deren Körper nicht der Norm entsprechen, fertiggemacht werden. Seither fragt sie sich, "warum trotz aller Diskussionen über Body Positivity neue weibliche Körperbilder so starke Gefühle auslösen, dass die hassenden Menschen anderen das Schlimmste wünschen".

Mechanismen, die bei Hass greifen

Was also hilft, was schützt, jenseits des politischen Willens, gegen den Hass vorzugehen, wie etwa Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), die mehr spezialisierte Sokos bei den Staatsanwaltschaften fordert, von Amts wegen aber real wenig verändern kann? Was hilft, außer öffentlichkeitswirksamer Klagen wie die der Grünen-Politikerin Renate Künast?

Sie war 2019 vor dem Landgericht Berlin mit dem Versuch gescheitert, sich von Facebook die Daten mehrerer Hater herausgeben zu lassen, die sie "Stück Scheiße", "altes grünes Dreckschwein" und noch Schlimmeres genannt hatten; das Gericht sah darin keine Diffamierung. Renate Künast ging erfolgreich in Revision. Gerade hat sie Klage gegen Facebook eingereicht, um ein Grundsatzurteil zur Verbreitung von Falschaussagen zu erwirken – wegen eines ihr zugeordneten Zitats, einer Äußerung, die sie nachweislich nie getätigt hat.

Ganz sicher helfen gute Gesetze. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von 2017 und das Gesetz zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität, das seit April 2021 in Kraft ist, weisen in die richtige Richtung. Aber es ist immer noch zu schwierig, sich zivilrechtlich gegen Verunglimpfungen zu wehren, die Hürden sind hoch und die Prozesse, wenn man wirklich so weit gehen will, zu teuer.

Was mich ermutigen würde, vor einem Post nicht mehr über mögliche Folgen nachzudenken? Mechanismen, die bei Hass sofort greifen. Wachsames Plattform-Management, das erkennt, wenn ein Kommentar nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun hat; die Sicherheit, dass ein gemeldeter Inhalt, egal, wie schwerwiegend, sofort gelöscht wird; eine Polizei, die Beleidigungsanzeigen von Frauen ernsthaft verfolgt. Und eine Kultur, die wertschätzt, dass Menschen im Netz ihre Meinung sagen, egal, wie sie aussehen.

70 Prozent

... der Mädchen und jungen Frauen in Deutschland haben laut einer Studie der Hilfsorganisation Plan International schon Belästigung und digitale Gewalt erlebt.

In mehr als 5 Prozent

der Kommentare, wegen derer sich Frauen bei HateAid beraten lassen, geht es konkret um Androhungen von Vergewaltigung.

In der nächsten Folge unserer Serie: Wie geht es Alleinerziehenden?

BRIGITTE 18/2021 Brigitte

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