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Hatice Schmidt Wie die Armut mich geprägt hat

Fehlendes Selbstvertrauen: Hatice Schmidt
© Alexander Hassenstein / Getty Images
Hatice Schmidt, 34, zeigt auf ihrem Youtube-Kanal Make-up und Mode und wird von jungen Mädchen dafür angehimmelt. Früher trug sie alte Klamotten auf und wurde dafür gemobbt.

"'Wie siehst du überhaupt aus? Was bist du denn für eine? Guckt mal, wie die rumläuft!' Das waren die Fragen meiner Kindheit, die tägliche Demütigung in der Schule, die mich begleitete. Dieses bittere Gefühl, nicht dazuzugehören, am Rande zu stehen, gemobbt zu werden – das sollte keinem Kind widerfahren.

Als Kind nicht 'gut genug'?

Ein fremdländisches Kind zu sein, war schon schlimm, aber ein armes noch dazu? Das brennt sich so in dein Selbstbild ein, ich habe heute noch damit zu kämpfen. Immer wieder traust du dir Dinge nicht zu, hältst dich zurück – weil du denkst, die anderen wollen dich nicht. Auch wenn ich heute taff wirke, kriege ich noch immer schnell Panik, wenn sich mir neue Herausforderungen stellen. Dann ist sie schnell wieder da, die Stimme der Kindheit, die mir flüstert: Das schaffst du eh nicht, du bist nicht gut genug!

Meine Eltern kamen als türkische Gastarbeiter nach Berlin-Neukölln, es war ein harter Start für mich und meine Geschwister. Auch wenn ich damals noch nicht in Kategorien wie 'arm' und 'reich' dachte, so fiel mir immer auf, dass die anderen Kinder in der Schule nach Seife und Waschpulver rochen, eine 'Capri-Sonne' oder ein 'Kinder Pinguí' dabeihatten und sich nur schwer von ihren Müttern trennten. Ich lief in abgetragenen, umgenähten oder aus dem Müll gefischten Klamotten herum, die Hosen waren zu kurz, die Pullover zu lang, und manchmal gab mir mein Vater zwei Mark für eine Streuselschnecke mit, die dann Frühstück und Mittagessen zugleich war.

Mein Vater arbeitete hart, meine Mutter fühlte sich fremd in Deutschland, ließ ihren Frust an uns aus, auch zu Hause gab es keinen Halt. Heute kann ich beide besser verstehen, aber damals hätte ich ihre Unterstützung gebraucht.

Stolz auf den Werdegang

Im Unterricht war ich oft völlig abwesend und in Tagträumen unterwegs, und die Lehrer fragten sich, was mit mir los sei. Sie erkundeten aber nicht, welche Umstände mich so hatten werden lassen, sie schickten mich zum Psychologen. Der zeigte mir Bilder, fragte, ob ich die Lokomotive darauf erkenne. Das hat mich noch mal extra geschmerzt, weil ich von nun an auch dachte: Du bist nicht nur arm, du bist auch noch dumm! Vielleicht kein Wunder, dass ich später dann eine Zeit lang nur noch aggressiv war und mit den Schlägern abhing. Es erschien mir damals als einzige Möglichkeit, mir Respekt zu verschaffen. Ich musste laut sein, um überhaupt gehört zu werden.

Trotzdem hat mich all das nicht untergekriegt. Und ich bin nur die Hatice, die ich heute bin, gerade weil es hart war, sogar grausam oft. Ich bin stolz auf mich und auf das, was ich geschafft habe. Es ist langsam gewachsen, ich habe kleine Schritte gemacht. Ich habe einige Jahre als Krankenschwester gearbeitet, aber letztendlich hat es mich doch mehr zu Beauty und Mode gezogen, schon als kleines Mädchen schaute ich den Businessdamen auf dem Ku’damm in ihren Chanel-Kostümen sehnsüchtig hinterher. So wollte ich auch sein: schön, stark, selbstbewusst. Und geliebt wollte ich werden.

Für mich ist das schönste Kompliment, wenn die User meines Youtube-Kanals sagen, dass ich eine Inspiration für sie bin. Weil sie mein Tages-Make-up toll finden – oder weil sie mein Buch gelesen haben und deswegen meine Lebensgeschichte kennen. Ich bekomme viele Fragen aus der Community, aber spreche auch offen dazu. Das Thema ist immer präsent.

Mehr als nur eine Influencerin

Ich teile gern diese – ich sag mal – oberflächlichen Themen wie Beauty und Fashion, aber in mir drin brennt auch eine soziale Flamme. So kann ich auch noch was dagegen tun, dass Influencer:innen nicht nur als oberflächlich wahrgenommen werden. Und die anderen trösten, wenn sie in einer Kindheit drinstecken, wie ich sie hatte. All denen möchte ich das mit auf den Weg geben: Sucht euch eine Vertrauensperson, bleibt nicht still, teilt euch mit – ihr seid niemals ganz allein!"

Hatice Schmidt ist Unternehmerin und lnfluencerin mit einem Youtube-Beauty-Kanal. Ihre Geschichte erzählt sie in “Dein Leben ist kein Zufall – Mein Weg zu mir” (Rowohlt). Sie unterstützt die Kampagne #StopptKinderarmut der Bertelsmann Stiftung.

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