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Unsere Serie zur Bundestagswahl – Teil 3 Heidi Thiemann im Interview: "Wir brauchen eine Kindergrundsicherung!"

Heidi Thiemann: Heidi Thiemann
© Marcos Angeloni
Die geschäftsführende Vorständin der bundesweiten Stiftung für Alleinerziehende "Alltagsheld:innen", Heidi Thiemann, sieht einen positiven, wenn auch langsamen Wandel. Was sie jetzt von den Parteien fordert.

BRIGITTE: Was hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert, und welche Partei hat sich dafür eingesetzt?

Heidi Thiemann: 43 Prozent aller Alleinerziehenden sind heute von Armut bedroht. Obwohl sehr viele von ihnen arbeiten, reicht das Geld oft nicht. Das liegt auch daran, dass sie steuerlich fast so stark belastet werden wie Singles ohne Kind! Es wirkt wie eine Abstrafung, nach dem Motto: selber schuld, wenn du dich trennst. Immerhin gibt es durch die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) seit 2013 einen gesetzlichen Kitaanspruch für unter Dreijährige. Manuela Schwesig (SPD) erhöhte 2017 den Unterhaltsvorschuss – wenn der Ex nicht zahlt – von sechs auf 18 Jahre. Nachdem Alleinerziehende während Corona erst vergessen wurden, hat Franziska Giffey (SPD) immerhin die Kinderkrankentage von 10 auf 30 Tage pro Elternteil und Kind erhöht, für Alleinerziehende gab es 60 Tage. Nur haben Ein-Eltern-Familien die kaum genutzt, aus Angst ihren Job komplett zu verlieren.

Was ist für Sie das Wichtigste, das nach der Wahl passieren muss?

Die prekäre Situation von Alleinerziehenden ist in einem reichen Land wie Deutschland unerträglich. Ein Beispiel: Ein Elternpaar wendet für ein Kind rund 20 Prozent seines Lohns auf. Bei einer Alleinerziehenden sind das 35 Prozent, da sie viel weniger verdient! Sie muss zudem Leistungen wie Kinderbetreuung extra bezahlen, die sonst durch einen Partner "umsonst" aufgefangen worden wäre. Deswegen fordern wir zuerst eine solide Kindergrundsicherung, die die tatsächlichen Bedarfe der Kinder abdeckt und die nicht wie bisher z.B. bei Kindergeld oder Unterhalt auf Hartz IV angerechnet wird. Wir brauchen kostenfreie Kinderbetreuung bis zum Ende der Grundschule, finanziellen Ausgleich für Care-Arbeit, eine gerechtere Besteuerung von EinEltern-Familien und die Abschaffung des Ehegattensplittings – dem gefühlt letzten Fels in der Brandung des Patriarchats.

Auf welche Partei setzen Sie vor allem?

Grüne, Linke und SPD planen eine Kindergrundsicherung. Das Kinderchancengeld der FDP klingt ähnlich, bei näherem Hinsehen kriegen Kinder da aber weniger als jetzt schon. Steuerliche Entlastungen für Alleinerziehende wollen alle Parteien, hier haben die Pläne der Linken und Grünen besonders positive Effekte. Immerhin wurde durch einen Vorstoß der CSU während Corona der jährliche Entlastungsbetrag für Alleinerziehende von 1908 Euro auf 4008 Euro erhöht. Das ist zwar gut, aber nicht genug. Der Betrag müsste realistisch eher bei 9000 Euro liegen.

Wo sehen Sie dieses Thema gar nicht?

Union und FDP zielen eher auf steuerliche Entlastungen der Topverdiener ab und halten zusammen mit der AfD am Ehegattensplitting fest. Im 140 Seiten langen Wahlprogramm der Union taucht das Wort "Alleinerziehende" genau dreimal auf – an zwei Stellen steht einfach ein- und derselbe Satz.

19/2021 Brigitte

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