Straßenkinder in Deutschland: Wo sie herkommen, wie sie leben

Auch in Deutschland gibt es Straßenkinder - und sie werden immer jünger. Die wichtigsten Zahlen und Infos.

Nach offiziellen Schätzungen sind zur Zeit insgesamt 10.000 Kinder in Deutschland obdachlos. Bis zu 2500 Kinder und Jugendliche geraten jährlich auf die Straße. Etwa 300 davon werden zu Straßenkindern, die vor Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch geflohen sind. Sie sind häufig unauffällige Minderjährige und stammen aus allen Gesellschaftsschichten.

Das Alter der Kinder, die sich für ein Leben auf der Straße entscheiden, sinkt. Viele dieser Kinder sind nicht 14, 15 oder 16 Jahre alt, sondern immer öfter erst 12 oder 13, manchmal sogar jünger als zehn Jahre. Täglich haben sie mit existentiellen Fragen nach Essen, Übernachtung und Körperhygiene zu tun. Sie verlernen mehr und mehr die grundlegenden Strukturen eines geregelten Tagesablaufs. Die Kinder betteln, stehlen oder prostituieren sich. Sie geraten zudem schnell in die Abhängigkeit von Alkohol und Drogen. Oft suchen junge Mädchen Unterschlupf bei älteren Jugendlichen, was regelmäßig zu Übergriffen, Infektionen wie HIV oder Hepatitis und ungewollten Schwangerschaften führt.

Straßenkinder dürfte es in Deutschland eigentlich gar nicht geben. Denn Kinder und Jugendliche gelten offiziell bis zum 18. Lebensjahr als "obhutlos". Werden sie von der Polizei aufgegriffen, bringt diese sie zu den Eltern zurück. Von dort reißen sie meist aber wieder sofort aus, zurück auf die Straße. Häufig weigern sich auch die Eltern, einen neuen Versuch des Zusammenlebens zu starten. Sie fühlen sich überfordert, leben oft in einer von Gewalt geprägten Beziehung, sind nicht selten alkoholabhängig, haben keinerlei emotionale Bindung zu ihrem Kind oder möchten, was häufig der Fall ist, einfach ihre Ruhe. In solchen Härtefällen ist das Jugendamt gefordert, eine andere Lösung zu finden. Diese heißt in den meisten Fällen, dass das Kind in einem Heim untergebracht wird.

Ein Großteil der Straßenkinder entscheidet sich früher oder später, in eine der deutschen Großstädte zu gehen, da sie sich dort bessere Bedingungen erhoffen. Großstadt bedeutet für sie vor allem ein hohes Maß an Anonymität, denn die meisten versuchen, sich dem Einfluss der für sie zuständigen Behörden zu entziehen, weil sie wissen, dass ihnen die Rückkehr zu den Eltern oder ins Heim droht, wenn man sie aufgreift. Das Eintauchen in die Anonymität bedeutet aber auch das Ende des Schulbesuchs, was die späteren Chancen auf einen Arbeitsplatz deutlich mindert.

Die Städte sind bemüht, den Straßenkindern den Wiedereinstieg in ein geregeltes Leben zu ermöglichen oder ihnen zumindest Anlaufstellen zu bieten - durch Wohnprojekte, Übernachtungsmöglichkeiten, unbürokratisch arbeitende Kontakt- und Beratungsstellen sowie durch Notdienste. Viele Städte beschäftigen zudem sogenannte "Streetworker" die die bevorzugten Aufenthaltsorte oder Schlafplätze der Kinder kennen und behutsam versuchen ihnen Wege aus ihrer Situation aufzuzeigen. Daneben gibt es nicht staatlich finanzierte Institutionen, die sich um die Straßenkinder kümmern.

Videoempfehlung:

Warum dieser Junge sein Spielzeug verschenkt
Text: Beatrix Gerstberger
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.