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Kopfkarussell Homophobie ist keine Angst, sondern Hass

Homophobie: Nennen wir es beim Namen und sagen "Queerfeindlichkeit"
Homophobie: Nennen wir es beim Namen und sagen "Queerfeindlichkeit"
© thirdkey / Adobe Stock
Homophobie wird bei Verbrechen wie kürzlich dem beim CSD in Karlsruhe gerne als Hintergrund genannt. Aber mit Angst hat das absolut gar nichts zu tun: Hier geht es nur um Hass.

Auf der Christopher-Street-Day-Parade (CSD) in Karlsruhe soll am Samstag eine 30-köpfige Gruppe mehrere Personen angegriffen und verletzt haben, die zuvor an der Parade teilgenommen hatten. Dabei soll auch eine Regenbogenfahne angezündet worden sein. In ihrem Instagram-Post macht unter anderem die ehemalige "Princess Charming"-Teilnehmerin Wikiriot auf die Tat aufmerksam. Unter Tränen berichtet sie von dem Vorfall und erhebt auch schwere Vorwürfe gegen die Polizei. 

Wie der SWR berichtet, übernimmt der Staatsschutz der Kriminalpolizei Karlsruhe die weiteren Ermittlungen, weil es sich hierbei um eine "politisch-weltanschauliche Tat" handeln würde. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen würden auch die Karlsruher Polizei miteinschließen, die, so lautet der Vorwurf, bei dem Zwischenfall vor Ort und in der Folge nicht mit der "gebotenen Intensität" ermittelt haben soll.

Queerfeindlichkeit reiht sich an Queerfeindlichkeit

Der Vorfall ist nur das jüngste Beispiel von vielen, in denen Queerfeindlichkeit mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit ausgelebt wird. Nicht umsonst leitet Wikiriot ihr Video mit "es gab schon wieder einen queerfeindlichen Vorfall" ein und nicht etwa mit "nach Jahren gibt es vollkommen unerwartet einen queerfeindlichen Vorfall". Kürzlich wurde in Bad Neustadt ein schwules Paar von einem "offenbar homophoben Mann" angegriffen, wie die Main Post Anfang Juni berichtete. 

Und ebenfalls pünktlich zum Pride Month veröffentlichten am 1. Juni fünf Gastautor:innen auf Welt.de ein "Meinungsstück" mit dem Titel: "Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktrinieren". Darin kritisierten die Autor:innen, dass Programme wie "Die Sendung mit der Maus" angeblich leugnen würden, "dass es nur zwei Geschlechter gibt". Kinder würden "indoktriniert" und "aufdringlich sexualisiert" werden. Happy Pride Month, sage ich dazu. Aber ich habe noch mehr dazu zu sagen.

Homophobie ist keine Krankheit

Ich weiß gar nicht, wo ich hier anfangen soll. Vielleicht mit einem Begriff, der in Verbindung mit solchen Vorfällen gerne verwendet wird: Homophobie. "Homo" kommt aus dem Griechischen und heißt "gleich", "Phobie" wird übersetzt als "Angst". Die Angst also vor homosexuellen Menschen. Nur könnte diese Bezeichnung kaum fehlleitender sein. Die Gruppe von Menschen, die queere Personen am CSD angegriffen haben soll, die hatte keine Angst vor diesen Leuten. Angst ist laut dem Lexikon der Psychologie ein "emotionaler Zustand, gekennzeichnet durch Anspannung, Besorgtheit, Nervosität, innere Unruhe und Furcht vor zukünftigen Ereignissen".

Anspannung empfinde ich, wenn ich in einer Situation bin, in der ich nicht einschätzen kann, ob die Person mir gegenüber unter Umständen aggressiv auf meine Regenbogen-Brosche an der Jacke reagiert. Ich bin besorgt ob ihres musternden Blicks, nervös aufgrund meiner Unsicherheit, wie sie auf meine bloße Existenz reagiert, ich empfinde innere Unruhe und Furcht davor, verbal oder körperlich angegangen zu werden. Die Menschen, die im Karlsruher Schloßpark geschlagen und getreten wurden, die haben sicherlich Angst verspürt.

Die Menschen, die sie geschlagen und getreten, die die Regenbogenflagge genommen und verbrannt haben sollen, die taten das nicht mit innerer Anspannung, sie waren nicht besorgt, nervös, unruhig oder furchtsam. Hier ging es nicht um Angst, hier ging und geht es um Hass.

Wo leben wir eigentlich?

Deutschland, so offen, so tolerant. Und das Wort meine ich mit seiner eigentlichen Bedeutung, denn es gibt einen Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz. Immer wieder zeigt sich, wie feindselig das Thema Queerness von wenigen, lauten, hasserfüllten Menschen behandelt wird. Es zeigt sich in großen Momenten wie diesen in Karlsruhe, in gewalttätigen Ausbrüchen, die ihre perverse Krönung in der Verbrennung einer Flagge haben, um symbolisch eine klare Botschaft zu vermitteln. Es zeigt sich in einem "Meinungsstück", das (zunächst) vom Nachrichtenmedium vollkommen ungefiltert, unhinterfragt und unreflektiert ohne jede Einordnung und Distanzierung verbreitet wird, als wäre Queerness etwas diskussionswürdiges nach dem Motto: "Das wird man ja wohl mal sagen dürfen."

Apropos diskussionswürdig: Durch Instagram stieß ich auch auf das Oktoberfestportal, ein Magazin für besagtes Münchener Fest, das so freundlich ist, homosexuellen Wiesn-Gänger:innen einige "Benimmregeln" an die Hand zu geben. Ein paar Highlights: Es wird davon abgeraten, auf den Wiesn zu flirten, schließlich sei "nicht jeder Besucher des Oktoberfests so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann". Man dürfe natürlich flirten, es wird aber nahegelegt "ein bisschen zurückhaltend zu sein", schließlich sei ja das Bierzelt nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie "Toleranz" und "Gleichberechtigung" zu erklären. 

Auf das mediale und entsetzte Feedback schreibt das Magazin übrigens, dass es wunderbar sei, dass über ihre Seite nun auch von der schwul-lesbischen Community diskutiert werde. "Eine lebendige Diskussion mit konträren Meinungen ist die Grundlage einer bunten Gesellschaft!" Menschenrechte sind keine Meinung. Queerfeindlichkeit auch nicht.

Eine wunderbar bunte Gesellschaft ist das, in der wir leben, darauf können wir stolz sein und uns alle auf die Schultern klopfen, oder uns im Zweifel wegen unserer sexuellen/romantischen Orientierung oder Geschlechtsidentität verprügeln und gegenseitig unsere Flaggen verbrennen. Das dürfte den durchschnittlich drei queeren Menschen, die pro Tag das Opfer von Hasskriminialität werden, zumindest wie die so gerne gepriesene "Normalität" vorkommen - schließlich kennen sie es ja nicht anders.

Verwendete Quellen: dorsch.hogrefe.com, welt.de, spiegel.de, ms.niedersachsen.de, swr.de, oktoberfestportal.de, mainpost.de, instagram.de

Brigitte

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