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Kopfkarussell Ich bin keine Prinzessin, ich bin der Ritter, der sich selbst rettet

Mädchen spielt mit Schwert und Krone im Wohnzimmer
© FG Trade / Getty Images
Wie oft wurdet ihr schon mit "Hey, Prinzessin!" oder "Entschuldige, meine Schöne." von einem fremden Typen begrüßt? Ich für meinen Teil kann und will das nicht mehr hören.

Als Frau sind dumme Sprüche oft die Realität. Ein "Ciao, Bella"  oder das klassische hinterher pfeifen sind wir oft schon so sehr gewöhnt, dass wir uns nur kurz darüber ärgern und die Männer ignorieren. Dabei haben all diese Sprüche und Reaktionen vieler Männer eins gemeinsam: Sie zeigen uns, dass wir für sie eben nur ein fleischliches Gelüst sind.

Sobald wir im Sommerkleid oder Rock etwas mehr Haut zeigen, und wenn wir alleine im Park sitzen und uns am Morgen für eins unserer schickeren Outfits entschlossen haben, laufen wir Gefahr, dumm von der Seite angequatscht zu werden. Das kennen die meisten von uns schon und kalkulieren es oft direkt in ihre morgendlichen Outfits mit ein – auch wenn diese Dinge uns genauso komplett ungeschminkt oder im Hoody passieren.

Der Mann in freier Wildbahn

Ich frage mich oft, ob diese Männer, denen man manchmal in "freier Wildbahn" begegnet, mit ihren Freundinnen wohl auch so respektlos umgehen, – ob sie jemals darüber nachdenken, dass andere Männer ihren Schwestern und Müttern gegenüber so ein Verhalten ebenfalls an den Tag legen. Oder wird all das aus dem Gedächtnis gestrichen, da ihr Verhalten nur fremden Frauen gegönnt ist, bei denen sie ruhig riskieren können, dass der unbedachte Spruch oder das aufdringliche Verhalten dazu führt, dass sie sich nächstes Mal noch einmal überlegt, was sie anzieht oder ob sie alleine unterwegs sein kann.

Freundinnen von mir sind schon an ihrer  Halskette zu einem Fremden gezogen worden oder wurden ohne Vorwarnung an den Po oder die Brüste gepackt. Viele von uns wurden schon ungefragt auf den Arsch gehauen oder mit dem Finger hinein gepikst, als wäre das total normal – und vor allem: superwitzig. Doch uns zeigt das stattdessen, dass wir für einige anscheinend nur eine lebende Fleischbeschau sind. 

Andere sprechen uns auf so seltsame Dinge an, dass wir einfach nur perplex und ungläubig reagieren oder dastehen können. Einige Männer kommen mit Sprüchen wie "du nimmst die da drüben, ich nehm die andere" oder spielen unsere Intelligenz mit einem "ich dachte, du lackierst nur deine Nägel" herunter. Andere sagen Dinge wie "dass du so etwas magst, hätte ich gar nicht gedacht, du siehst so brav aus" und dazu ein "aber die Braven sind ja meistens sowieso die schlimmsten". Ähm...Ihgitt? Mehr als dass sich uns die Fußnägel hoch kräuseln und die Haare im Fluchtinstinkt aufrichten, erreichen solche Sprüche nicht – oder eben pure Wut mit rasendem Puls. 

Was mich wirklich rasend macht, ist der Spruch "Hey, Prinzessin" oder eben "ich habe sofort gesehen, dass du eine Prinzessin bist". Als wäre das ein Kompliment! Entschuldigt bitte, aber eine Prinzessin will ich, seit ich die Sechs-Jahr-Marke geknackt habe, nicht mehr sein. Für Männer heißt das oft: Schönheit, Eleganz und all solche Dinge. Mit ein bisschen Überlegung findet man aber schnell heraus, warum dieser Spruch bei erwachsenen Frauen oft nicht so gut ankommt.

Was Prinzessinnen (nicht) können

Viele von uns sind mit Märchen von Prinzessinnen aufgewachsen. Von Rittern in strahlender Rüstung, Prinzen, die Frauen wach küssen und Fröschen, die sich in Prinzen verwandeln. Was sagen uns diese Geschichten? Prinzessinnen sind vor allem eins: Jung und unerfahren – und sie finden erst ihre Lebensgrundlage, wenn sie einen Mann an ihrer Seite haben. Sie dürfen selbst oft nicht das Königreich regieren, weil das Männersache ist. Sie werden entführt, gefangen gehalten und von Männern gerettet, oft anderen versprochen, ohne ein eigenes Mitspracherecht zu haben. Sie sollten ihre optischen Vorstellungen auf ein Minimum reduzieren und werden auf Händen getragen, weil sie so zart und zerbrechlich sind.

Jetzt mal ehrlich: Das ist doch nichts, was eine Frau ab den 20ern normalerweise noch anstrebt, oder? Statt die Prinzessin zu sein, die keine eigene Stimme und keine eigene Macht über ihren Körper hat, wäre ich lieber der Ritter, der sich selbst rettet. Können wir in Zukunft solche veralteten Sprüche, die nur aufs Äußere abzielen oder darauf, dass man uns mit Samthandschuhen anfassen muss, bitte sein lassen?

Wie es anders geht

Manchmal verliere ich wirklich den Glauben an das männliche Geschlecht. Gerade dann, wenn man mehrere Tage in Folge wieder oben genannte Sprüche und Aktionen erlebt hat. Und dann: ein Lichtblick. Auf einmal trifft man im Zug oder auf einer Party jemanden, der einfach nur normalen Small Talk halten kann, ohne alles auf das Äußerliche zu beziehen und der tatsächlich mit einem redet, als ob man ein Gehirn hätte.

Weiterer Pluspunkt: Wenn diese Person nicht sofort deine Handynummer einfordert und wirklich einfach nur ein bisschen was von sich erzählen und von dir wissen will. Aufmerksamkeit ist übrigens die beste Taktik. Wenn einem Mann auffällt, dass ich total fixiert im Zug einen Artikel schreibe und mich darauf anspricht, worum es geht, ist mir das hundert Mal lieber als jemand, der mich in der Stadt anhält, um mich auf meine langen Beine anzusprechen. 

Wir sind mehr als nur unser Körper und ich sage DANKE an all die Männer, die uns das in kleinen Momenten zeigen oder fühlen lassen – und natürlich an all die großartigen Männer, die mit uns befreundet sein können, ohne uns auf unser Geschlecht zu reduzieren. Denjenigen, denen unsere Interessen und unser Verhalten nicht "zu männlich" sind, mit denen wir diskutieren und denen wir die Meinung sagen können, ohne dass sie uns sagen, dass wir "freundlicher" oder "netter" sein und natürlich "mehr lächeln" sollten. Kleiner Fun Fact: Wenn wir nicht freundlich sind, dann meistens weil der Einstieg schlichtweg scheiße war.

Brigitte

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