Ich bin obdachlos - und keiner weiß es

Nicole Förster, 60, trägt elegante Kleidung, macht sich aufwendig zurecht und sitzt gern in schönen Cafés. Doch sie lebt auf der Straße. Hilfe will sie nicht.

Ich habe mich bewusst für dieses Leben entschieden: Es ist mein Jakobsweg

Nachdem ich meine Wohnung verloren hatte, habe ich erst in meinem Auto geschlafen, einem Fiat 500 Cabriolet. Doch ohne festen Wohnsitz keine Zulassung, ohne Zulassung kein Auto. Also rollte ich meine Isomatte unter freiem Himmel aus, bis mir ein Bekannter für eine Weile einen Autoanhänger mit Plane lieh. Momentan komme ich immer mal wieder bei Bekannten unter und schlafe dort auf der Couch. Meine Situation war nicht geplant, aber dennoch empfinde ich sie als selbstbestimmt. Und genauso versuche ich auch zu leben.

Ich habe früher als freie Künstlerin gearbeitet und in einer Mietwohnung gelebt, aus der ich aufgrund einer komplizierten Geschichte recht plötzlich ausgezogen bin. Um es kurz zu machen: Ich stand ohne Bleibe da. Die ersten Nächte in meinem Auto waren geprägt von Zweifeln und Zukunftsängsten. Dann aber entschloss ich mich zu einem klaren Schnitt, den ich schwer erklären kann und den viele Leute nicht nachvollziehen können: Das war jetzt eben mein neues Leben, und ich möchte bewusst keine staatliche Hilfe. Meine Obdachlosigkeit ist mein persönlicher Jakobsweg und ich werde ihn in Würde gehen. Ich muss mich dafür vor niemanden rechtfertigen. Auch meine Mutter, die in einer anderen Stadt lebt, hat dies akzeptiert.

Ich bin obdachlos, aber ich schäme mich nicht

Ich sehe nicht aus, wie sich die meisten Menschen eine Obdachlose vorstellen. Ich mache nach dem Aufstehen Sport und wasche mich so sorgfältig wie jeder andere. Mein Bad ist ein öffentliches WC oder die Duschen in einer meiner Obdachloseneinrichtungen. Das Wichtigste aber ist meine Kleidung, Schätze, die ich aus Altkleidercontainern fische. Oft brauche ich Stunden, bis alles zusammenpasst: Schuhe, Rock, Bluse, Schmuck und Frisur müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein. Meine Frisur, meine Kleidung, mein Make-up - all das sind äußere Merkmale meiner inneren Haltung. Ich bin obdachlos, aber ich muss mich dafür nicht schämen. Und die tägliche Routine gibt mir Halt.

Ich bin ein gern gesehener Gast in meinem Lieblingscafé an der Alster

Ich liebe alles, was schön ist. Ich würde sogar sagen, ich liebe den Luxus. Deshalb liegt mein Lebensmittelpunkt auch immer noch an der Hamburger Alster. Hier gehe ich spazieren, füttere die Tauben oder sitze in meinem Lieblingscafé. Der Cappuccino ist zwar sündhaft teuer, aber dafür gibt es kostenloses WLAN und es ist warm. Dort kann ich stundenlang aus dem Fenster schauen, lesen oder ganz einfach Teil des täglichen Lebens sein. Die meisten Mitarbeiter kennen mich schon. Keiner schickt mich weg. Im Gegenteil: Oft bekomme ich meinen Cappuccino sogar geschenkt. Ich bin dort ein gern gesehener Gast.

Für andere Obdachlose bin ich eine Exotin

Früher habe ich mir etwas Geld durch das Sammeln von Pfandflaschen verdient. Wie da die Leute manchmal geguckt haben, wenn ich in Samtrock und Spitzenbluse ellbogentief neben ihnen in einem Mülleimer herumwühlte. Das Bild in ihren Köpfen passte wohl einfach nicht so recht zu dem, was die sahen. Herrlich!

Heute helfe ich für ein paar Euro in einer meiner liebsten Obdachloseneinrichtungen aus. Anfangs war es schwer, das Vertrauen anderer Wohnungsloser zu gewinnen. Für sie bin ich ein Exot, keine von ihnen. Mittlerweile hat sich das Verhältnis gebessert. Sie respektieren mich und ich sie. Einige Frauen bewundern mich sogar für meine Disziplin oder fragen mich nach meinem Rat. Ich glaube, dass die Menschen mich so positiv wahrnehmen, hat viel mit meinem gepflegten Äußeren zu tun.

Ich kann auch ohne Geld glänzen - und darauf bin ich stolz

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber wir leben in einer oberflächlichen Gesellschaft. Wie wir aussehen bestimmt in weiten Teilen, wie andere auf uns reagieren. Gerade, wenn man auf der Straße lebt, kommt man immer wieder in brenzlige Situationen. Halbstarke Jugendliche, die mir aus Spaß den Weg versperren. Männer, die mir nachts bedenklich nah kommen. Dann richte ich mich auf, präsentiere mich und verstecke meine Furcht hinter lauten, klaren Worten.

Bislang ist es immer gut gegangen. Doch am Ende mache ich das alles natürlich nicht für die anderen. Zwar schmeichelt es mir, wenn jemand mich attraktiv findet und gerne in meiner Nähe ist, trotzdem tue ich all das vor allem für mich. Wenn ich in den Spiegel sehe, bin ich sehr stolz auf mich. Ich kann auch ohne Geld glänzen, das weiß ich. Und was die Zukunft mir bringen wird, lasse ich auf mich zukommen.

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BRIGITTE 03/2019

Wer hier schreibt:

Protokoll: Yvonne Adamek
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