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Miriam hat Flüchtlinge aufgenommen "Helfen ist kein Gegengeschäft. Niemand sagt, dass man etwas zurückbekommt"

Flüchtlinge aufgenommen: Mutter küsst Kind vor Ukraine-Farben
© Marko/Adobe Stock
Unsere Kollegin Miriam Collée hat eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Kindern bei sich zu Hause aufgenommen. Hier erzählt sie, was das mit ihr und dem Rest der Familie gemacht hat.
Miriam Collee
© Anatol Kotte

 Vorweg: Dies ist kein Gutmenschen-Text. Ich versuche, hier so ehrlich wie möglich zu sein. Als der Krieg in der Ukraine begann, saß ich bei strahlend blauem Himmel mit meiner Familie auf einer Skihütte, Aperol Spritz in der Hand, Spinatknödeln im Bauch, und unsere einzige Sorge war, ob man allen Ernstes jetzt noch einen Kaiserschmarren hinterherschieben kann. Wir waren erstaunlich gut darin, die Bilder der Frauen und Kinder, die zu der Zeit in Massen an der polnischen Grenze ankamen, zu verdrängen – immerhin hatten wir doch einem privaten Hilfstransport Geld gespendet. Vermutlich hatte ich gehofft, mit der Überweisung das schlechte Gewissen ein wenig leichter zu machen, und für ein paar Tage funktionierte das sogar. 

Doch dann landete die Rundmail einer Schulleiterin in meinem Postfach, ihre Schule hatte in der Turnhalle 20 Mütter mit Kindern aufgenommen, die dringend eine Unterkunft brauchten. Und plötzlich wurde die Stimme lauter, die ich seit Tagen versuchte kleinzuhalten: Mit Spenden ist es diesmal nicht getan, ich wollte etwas tun. „Wir können doch eine Klappmatratze bei den Nachbarn leihen, dann passen drei Leute in mein Zimmer und ich ziehe aufs Schlafsofa“, sagte unsere Elfjährige, als ich die Mail vorlas. Mit einer Mischung aus Stolz, Rührung, Gefühlsduseligkeit und Aperol beschlossen wir mit unseren beiden Töchtern im Merkel-Duktus: Wir schaffen das. Es war ein schöner Moment, eine Familienentscheidung. 

So zogen im März Daria, 35, und ihre Kinder Artem, 8, und Angelina, 4, mit einem Koffer und zwei kleinen Rucksäcken bei uns ein. Sie kommen aus Lwiw, nahe der polnischen Grenze. Daria spricht fließend deutsch und kennt dank eines Jobs in einer deutschen Wälzlagerfabrik sogar Wörter wie „Rüttelplatte“ und „Wellendichtring“. Das erste Wort, das ich von Angelina höre, ist „Rakety!“ Dabei zeigt sie mit dem Finger auf ein Flugzeug am Himmel. 

„Warum macht ihr das?“

Wir sitzen in unserer Küche. Daria zeigt Bilder von ihrem Mann, der Oma, der Katze. Angelina, die mit ihren blonden Locken so aussieht wie sie heißt, sitzt bei unserer Tochter auf dem Schoß und lässt sich die Haare flechten, mein Mann baut im Garten ein Fußballtor auf, die andere Tochter jagt mit Artem durchs Haus – er hatte die Spielzeug-Laserpistolen entdeckt. „Stop, Rosiyskyy!“, bleib stehen, Russe, ruft er, unsere Tochter legt sich pflichtergeben als abgeschossener Russe auf den Boden, Artem reckt die Arme in die Höhe.  

Ehe ich darüber nachdenken kann, wie ich das finden soll, sagt Daria mit Blick auf die 5-Kilo-Steige Tomaten, die ich auf dem Markt gekauft hatte: „Seid Ihr Tomaten-Oligarchen?“ Und dann prusten wir alle laut los, das Eis ist gebrochen.  

„Warum macht ihr das?“, fragt Daria. „Wir sind doch Fremde.“ Sie fragt das völlig sachlich, fast emotionslos. „Weil wir, wenn bei uns Krieg sein sollte, dann auch bei Euch auf der Matte stehen“, witzele ich zurück. Denn wenn ich ehrlich bin, habe ich keine griffige Antwort darauf. Um die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht besser ertragen zu können? Um mein Karma-Konto aufzuwerten? Um unseren Kindern mitzugeben, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Air Jordan Sneaker?  

Die ersten Wochen sind kraftraubend, ein Marathon von Amt zu Amt, zur Bank, Schule, Kita, zu Krankenhäusern, die einen Bänderriss ohne Krankenversicherung behandeln, kurz: ein zweiter Vollzeitjob. Im Gegenzug lerne ich viel von Daria: delegieren und sagen, was man braucht und was nicht. (Kannst du mich nach A oder B bringen, Artem von C abholen, ich brauche jetzt ein Glas Wein, nein, ich brauche keine COVID-Impfung.) „Warum helfen deine Mädchen nicht?“ fragt sie nüchtern, als wir nach dem Essen den Abwasch machten, und ich erröte vor Scham.  

Wie kann man von jemandem Dankbarkeit erwarten, der gar nicht hier sein will? 

Es fühlt sich gut an, nach zwei Jahren pandemischer Schockstarre endlich wieder aktiv zu werden und vor allem: etwas zu bewirken. Unsere pubertierenden Kinder, die sonst mit Handy in ihren Zimmern verschwinden, sind plötzlich in der Küche, spielen Uno, kneten oder spielen Fußball. Freundinnen haben Fahrräder, Ranzen, Klamotten, Fußballschuhe und Spielzeug herbeigekarrt, Daria hat alles entgegengenommen – mit einem Nicken, ohne ein Dankeschön.  

Ein bisschen mehr Emotion oder Dankbarkeit wäre auch schön, denke ich immer öfter, und schäme mich noch im selben Moment dafür. Wie kann man von jemandem Dankbarkeit erwarten, der gar nicht hier sein will? Wie Emotionen erwarten von, der krank vor Sorge ist? Um die Großeltern, den Mann, die Zukunft? 

Und vielleicht ist genau das die größte Erkenntnis: Helfen ist kein Gegengeschäft. Niemand sagt, dass man etwas zurückbekommt. Es ist einfach ein Gefühl, das sich von tief drinnen seinen Weg nach draußen bahnt, manchmal sogar durch Kaiserschmarren. Aber wissen Sie was? Es ist ein sehr warmes Gefühl.   

Brigitte

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