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Ida Marie Sassenberg "Frauen dürfen nicht als Objekte gesehen werden"

Ida Marie Sassenberg: "Frauen dürfen nicht als Objekte gesehen werden"
© instagram.com/wellshesassy
Sexuelle Belästigung ist ein Thema, das uns alle betrifft. In Deutschland haben 58 Prozent der Frauen und Mädchen zwischen 16 und 85 Jahren bereits Übergriffe erlebt – das ist mehr als jede zweite. Ida Marie ist eine davon. Für unsere starke Frau des Monats haben wir die Feministin getroffen und mit ihr über Frauenpower, Selbstliebe und das "Upskirting-Gesetz" gesprochen.

Es war eine Kurzschlussreaktion im Jahr 2019, die knapp eineinhalb Jahre später ein deutliches Zeichen gegen sexuelle Gewalt setzte. Hannah Seidel war selbst Opfer von "Upskirting" geworden und rief als Reaktion darauf eine Petition ins Leben, die das heimliche Fotografieren unter den Rock strafbar machen sollte. Als starke Partnerin holte sie sich Ida Marie Sassenberg dazu. Die Münchnerin setzt sich auf Instagram für mehr Selbstliebe ein, erzählt offen von Erlebnissen mit sexueller Belästigung und will ihren Follower:innen Mut machen, sich nicht zu verstecken und zu sich selbst zu stehen.

Dieses Gesetz muss es doch schon geben, oder?

"Mir selbst war "Upskirting" zum Glück noch nicht passiert, aber ich fand Hannas Geschichte furchtbar", erzählt Ida Marie. Sie und Freundin Hanna beschließen, eine Petition zu unterschreiben – aber tatsächlich existierte bis dato noch keine gegen "Upskirting". "Wir waren so verblüfft. Dagegen muss es doch schon ein Gesetz geben." Die beiden waren nicht die Einzigen, die es nicht glauben konnten, und so wurde ihre Petition innerhalb von kürzester Zeit von mehr als 10.000 Menschen unterschrieben. Nicht nur in den sozialen Medien wurde die Petition gegen "Upskirting" immer größer thematisiert, auch die Petitions-Plattform "change.org" unterstütze die Freundinnen bei dem Kampf für das Gesetz, welches Täter auf der einen Seite in ihre Schranken weisen soll, aber auf der anderen Seite einen viel tiefen Hintergrund hat, so Ida Marie.

Wir wollten nicht nur, dass Täter bestraft werden. Das Gesetz soll ein klares Zeichen setzen und zeigen, auf welcher Seite wir als Gesellschaft stehen!

Du bist nicht schuld an dem, was dir passiert ist

Die beiden Frauen haben es geschafft! Seit Anfang des Jahres 2021 wird das ungefragte Fotografieren und Filmen unter den Rock einer anderen Person nach § 184k StGB mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft. Ein großer Meilenstein für Ida Marie und Freundin Hanna Seidel. Aber damit nicht genug. Auch auf ihrem Instagram-Account macht sich Ida weiterhin für Frauenrechte stark. Der persönliche Austausch mit ihrem Follower:innen, von denen 95% weiblich sind, ist Ida wichtig. Offen und ungeschönt spricht sie auf ihrem Instagram-Kanal über die Beziehung zu ihrem eigenen Körper, räumt mit unrealistischen Vorstellungen von Frauen und Sexualität auf und macht auch mal ihrem Ärger über sexuelle Belästigung im Alltag Luft. Sie will den Frauen da draußen Mut machen, aufzustehen und zu sagen, wenn ihnen etwas Schlimmes passiert ist und dafür sensibilisieren, dass es für sexuelle Belästigung jeglicher Art keine Rechtfertigung oder Entschuldigung gibt und dass Opfer nicht selber Schuld an Übergriffen haben.

Es kann doch nicht sein, dass ich als Frau permanent als Objekt gelesen werde, an dem sich bedient werden darf. Ist das die Gesellschaft, in der wir leben wollen?

Ida selbst wurde schon in den unmöglichsten Situationen Opfer von Belästigungen. Nachdem ein Lieferbote sich heimlich ihre Handynummer notierte und Ida dann ungefragt eine private Nachricht schickte, platzte ihr der Kragen und sie machte ihr Erlebnis auf Instagram öffentlich. Daraufhin wurde sie von Nachrichten überhäuft, in denen ihr Frauen erzählten, dass sie solche Erfahrungen auch schon machen mussten und bedankten sich für Idas Offenheit.

"Angst ist immer der schlechteste Berater."

Ida Marie ist davon überzeugt, dass hinter den meisten Unsicherheiten von Menschen eine Angst steht. Die Angst, was andere von uns denken, die Angst, nicht dazuzugehören, die Angst, verurteilt zu werden. Angst ist das Gefühl, welches im Menschen am ausgeprägtesten verankert ist. Sie kann uns schützen, macht das Leben aber nicht selten schwerer, als es eigentlich sein müsste. Ida kennt dieses Gefühl gut. Zu oft wollte sie nicht ins Schwimmbad gehen, weil sie Angst hatte, dass andere über ihre Cellulite an den Beinen urteilen und sie sich beobachtet und unwohl fühlt, oder war still, weil sie Angst hatte, die Unsympathische im Raum zu sein. 

Erst als sie verstand, dass in den meisten Fällen von Angst schlussendlich überhaupt nichts passiert, wovor man sich gefürchtet hat, konnte sie ihre Angstgefühle ablegen und zu sich, ihren Entscheidungen und ihrem Körper stehen. Und genau mit dieser Einsicht will sie Frauen Mut machen.

Wenn wir unsere Ängste überwinden, werden wir meist mit etwas ganz Großartigem belohnt.

Frauen müssen sich gegenseitig unterstützen

Ida selbst wuchs in einem Umfeld auf, welches sie immer unterstütze und ihre Gefühle ernst nahm. Verstecken musste sie sich nicht. Auch zu ihrer Mutter hat sie eine enge Beziehung. "Meine Mutter hat so eine tolle Persönlichkeit und eine Wahnsinnsausstrahlung, war aber immer unzufrieden mit ihrem Körper. Und ich habe mich dann gefragt, wie diese tolle Frau so furchtbar über sich reden kann?" Ida will sich nicht ihr Leben lang so fühlen. Sie will mit sich im Reinen sein und Gegebenheiten annehmen, die sie nicht ändern kann. Und sie will anderen Frauen bewusst machen, dass die Sorge und die Kritik an sich und dem eigenen Optischen wertvolle Lebenszeit raubt. Ihre wichtigste Nachricht an alle Frauen: Steht zu euch, versteckt euch nicht, sagt auch "Nein" und liebt euch selbst!

Es ist so bereichernd, sich gegenseitig Kraft und Mut zu geben. Ich liebe Frauen, die Kante zeigen und zu sich stehen!

Denn will man wirklich irgendwann in den letzten Momenten seines Lebens darüber nachdenken, dass man sich eigentlich die ganze Zeit nur zu dick, zu laut und nicht gut genug fand? Auf diese Frage kennt Ida nur eine Antwort.

Brigitte

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