Shitstorms: Wenn der Hass explodiert

Das Internet ist voll mit Häme, Hetze und so genannten Shitstorms. BRIGITTE-Digital-Redaktionsleiterin Inga Leister fragt sich, wieso es im Netz dermaßen bösartig zugeht.

Als dieser Text entstanden ist, lagen die hämischen Reaktionen auf die BRIGITTE-Akkreditierung im NSU-Prozess noch vor uns. Kein echter Shitstorm. Aber wieder mal ein Grund, sich zu fragen: Warum so viel Wut?

Entschuldigen Sie bitte, dass Sie gleich Worte lesen müssen, die Schmerzgrenzen überschreiten. "Schlampe!"; "Hure!!"; "Fotze!!!" Sagt man nicht? Doch. Sagt man. Öffentliches Anpöbeln von Promis und Normalos mit genau so einem Vokabular macht sich im Internet breit und breiter. Wenn das viele gleichzeitig tun, hat das sogar einen eigenen Namen, der genauso dumm klingt wie die Schimpfworte: Shitstorm.

15 000-mal Hass in 48 Stunden hat Katja Riemann kürzlich erlebt. So viele Kommentare kamen als Reaktion auf ein schlechtes Fernseh-Interview. Der Moderator des Magazins "DAS" nervte die Schauspielerin sehr offensichtlich mit seinen Fragen. Katja Riemann verschränkte die Arme, antwortete nicht oder stöhnte gelangweilt - dann war das Internet voll mit Hass, Hass, Hass. Der sympathischste Auftritt war das tatsächlich nicht, von beiden Seiten. Ohne Internet hätten wir jedoch einfach auf der Couch mal kurz über der Chipstüte den Kopf zur Seite gedreht und gesagt: "Schatz, die Katja, die mögen wir jetzt nicht mehr." Heute greifen wir zum Smartphone und posten unseren Unmut in die Welt. Einfach raus damit. Rechtschreibung und das Gewicht der Gründe sind dabei übrigens egal. Katja Riemann sperrte nach zwei Tagen das Gästebuch ihrer Homepage und ihr Facebook-Profil, weil der Hass zu viel wurde.

In einer Hinsicht hatten es die Hexen im Mittelalter gut: Damals gab es das Internet noch nicht. Denn der Mob ist nicht neu - Menschen haben andere Menschen schon immer an den Pranger gestellt. Neu sind die Verstärker: Mit Hilfe von Facebook, Twitter, Foren und Blogs wird jeder von uns zum Lautsprecher. Weil wir einfach gern reden, "liken" und "haten", wie das Hassen nicht-deutsch beschrieben wird. Wir mögen uns und unsere Meinung am allerliebsten. Immer schön den eigenen Senf dazugeben - ob wir Ahnung haben oder nicht. Eine Harvard-Studie hat ergeben: In sozialen Netzwerken über sich selbst zu reden macht die gleichen Gehirngegenden glücklich wie essen. Etwa 80 Prozent der Twitterer sprechen nur über sich und ihre Meinung. Wir sind in einer Kultur der Besser-Besserwisser gelandet, wo man nicht nur weiß, was man tun sollte, sondern auch darüber schreibt, solange nur der virtuelle Freundeskreis zuhört.

"Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein"? Diese moralische Grundregel haben wir online längst vergessen. Im Internet wird jeder zum Kritiker - egal, wie gehaltvoll, berechtigt oder aufgeregt eine Meinung ist. Wir sind sogar so stolz darauf, dass wir mittlerweile ohne Not unter unserem echten Namen pesten und uns kein Pseudonym mehr zulegen. Wir haben so oft das Gefühl, von den Umständen und unserem Leben kontrolliert zu werden, dass es anscheinend guttut, einfach mal selber mit Pseudo-Macht die Kontrolle zu übernehmen.

Shitstorm= Scheiße-Sturm? Ein Sturm ist eine Naturkatastrophe. Netzhetze und Massenhass sind von Menschen gemacht. Böse ist nicht das Netz, böse sind die, die es so nutzen. Der Medienforscher Bernhard Pörksen vergleicht das mit der Pubertät. Wir haben alle Möglichkeiten in der hyper-vernetzten Welt, aber setzen sie nicht konstruktiv ein. Die Kontrolle entgleitet. Wer wütend ist, nutzt jeden Kanal für seine Aggressionen. Deutschland ist laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Land, in dem die Lücke zwischen Menschen mit und ohne Geld am schnellsten auseinanderdriftet. Weil wir nicht mehr wissen, was gerecht ist, ersetzten wir das mit Selbstgerechtigkeit.

Aber was macht es mit denen, die wir verbal angreifen? Ach, die sollen sich nicht so anstellen! Ist doch nur ein kleiner Kieselstein, den wir ihnen ans Bein werfen. Er tut aber trotzdem weh. Und tausende davon werden eine Steinlawine und können Todesangst beim Angegriffenen provozieren. Oder Gegenwut. Die Hochspringerin Ariane Friedrich schlug zurück, als ihr ein Mann ein Foto seines Penis schickte. Und wurde dafür - natürlich - erst recht gehasst.

Warum sind wir so grenzenlos geworden? So respektlos, unhöflich, unkontrolliert? Den einen schicken wir Küsse, weil sie geheiratet haben. Auf Hannelore Krafts Hochzeitsfoto dagegen reagierten die Menschen im Internet mit Abscheu. Weil vorgeführtes Glück aggressiv macht? Weil wir nicht mehr verstehen, wohin unsere Kritik eigentlich gehört. Weil wir im Netz mit jedem reden, ohne dass uns jemand zuhört. Weil sich hier die Öffentlichkeit privat anfühlt?

Einerseits ist es ganz einfach, so viel Kommunikationsraum ohne feste Grenzen zu schätzen, weil er eben auch Gutes ermöglicht. Dort lassen sich Spenden sammeln. Oder umweltfreundlich Autos teilen. Hilfsaktionen werden losgetreten, Petitionen verschickt. Menschen, die nicht in Demokratien leben, können sich Gehör verschaffen. Andererseits verlieren wir mit so viel Grenzenlosigkeit anscheinend manchmal den Verstand.

Das Schlimme: Wer auf andere schimpft, hat meist gar nicht richtig aufgepasst. Wenn der Erste ätzt, machen die Nächsten mit, und die anderen halten den Mund. Das hat nichts mit der so genannten Intelligenz der Massen zu tun. Im Gegenteil: Freiheit der Meinungsäußerung wird zu Feigheit. Dahinter steckt der soziale Mechanismus: Wer andere hasst, hat ein wenig Abstand geschaffen zum sozialen Abseits. Wie es die amerikanische Romanautorin Joyce Carol Oats formulierte: "Sind wir nicht alle ein bisschen Hitler?" Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle fürchtet sogar, dass wir mit Menschen im Internet nicht wie mit Menschen umgehen - sondern wie mit Gegenständen. Das wird durch eines bestimmt erleichtert: Wir müssen den Opfern nicht in die Augen schauen und keinen Preis zahlen für die Wut.

In der Netzkommunikation fehlt etwas, was wir sonst gewohnt sind: Vertrauen durch Identität. Sagen wir unserer besten Freundin unsere Meinung, wissen wir, dass sie die für sich behalten kann. Weil sie uns nahesteht, wir ein wichtiger Teil ihres Lebens sind. Aber das Menschennetz? Wir wissen gar nicht so genau, mit wem wir uns austauschen, und werden deshalb feige bis übermutig. Ist es die Macht, die so reizt? Endlich mal das Sagen haben: Das scheint hinter vielen Online-Pöbeleien zu stecken. Wer so unanständig mobbt? Männer einerseits. Weil sie aggressiver und mehr in den immer noch "neu" genannten Medien unterwegs sind. Sagt Anke Domscheit-Berg von der Piratenpartei. Stimmt aber nur bedingt. Frauen können genauso ekelhaft sein.

Nachdem sich eine BRIGITTE-Kollegin auf unserer Internetseite zu Skateboardern äußerte, eine Alltagsbeobachtung, traf auch sie der Hass. Überwiegend von Männern. Aber es gab genug Frauen, die sie - milde gesagt - zur Hölle wünschten. Auch Laura Himmelreich, die für den "Stern" die Annäherungsversuche des FDP-Politikers Brüderle aufgeschrieben hat, weiß, dass es im sozialen Netz keine weibliche Solidarität gibt.

Bei Julia Schramm von der Piratenpartei sind die Online-Hasswellen ins echte Leben geschwappt. Aus digitalen Beschimpfungen, unter anderem wegen ihres Buches "Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin", wurde ein Einbruch. Geklaut: Verlobungsring, besagtes Buch, eine Uhr. Aufräumen musste Julia Schramm ihre Wohnung wahrscheinlich selbst; um den Dreck im Internet wegzuwischen, kann man Firmen anheuern. So genannte Reputation Manager nehmen sich des Datendurchfalls an, wenn der eigene Name bei Google nur noch Schimpfworte in der Trefferliste mitbringt. Für mindestens 13 Euro im Monat gibt's sogar eine Versicherung, die im Falle des sozialen Netz-GAUs Aufräumarbeiten, Kosten für einen Anwalt und psychologische Hilfe bezahlt. Nachvollziehbar, da die Schlechte-Laune-Gewitter tatsächlich jeden treffen können, der aus Versehen etwas sagt, was viele falsch finden.

Zum Glück gibt es auch Gegenbeispiele. Nachdem die Grünen Claudia Roth bei der Urwahl erst abwatschten, schrieben ihr danach Partei und Fans vor allem bei Twitter, wie sehr sie hinter ihr stehen. Im Gegensatz zu den Anti-Gewittern, die meist gar nichts ausrichten, hat diese Massenkommunikation geholfen: Claudia Roth war doch nicht mehr beleidigt und kandidierte noch mal für den Parteivorsitz. Auch wenn das Wort "Candy Storm" kaum besser klingt als sein böser Bruder: Können wir davon bitte mehr haben? Wir sind doch eigentlich nett! Ab sofort erinnern wir uns vielleicht ein bisschen öfter daran, wenn wir den Computer anmachen.

Text: Inga Leister BRIGITTE 10/2013
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