VG-Wort Pixel

Impfscham Ich wurde geimpft! Wieso habe ich ein schlechtes Gewissen?

Corona aktuell: Impfung
© uniqueton / Shutterstock
Nach dem Impfneid ist vor der Impfscham. Unsere Redakteurin wurde geimpft. Und ertappt sich seither dabei, sich vor sämtlichen Menschen rechtzufertigen.

Ich muss euch etwas sagen. Kommt mal ein bisschen näher (mit Maske natürlich), denn ich muss die Stimme dafür senken: Psst… ich wurde geimpft! Ja, genau! Gegen das Coronavirus! Und auch noch mit Biontech!

Eigentlich möchte ich diese Tatsache euphorisch in die Welt hinausschreien. Habe ich auch, für ein paar Stunden nach Impftermin, nur eben nicht in die Welt, sondern ins Handy und das auch nur einer Handvoll bester Freund*innen und Familie. Wenn ich jetzt im Alltag mit entfernteren Freunden, Bekannten und Kolleg*innen spreche, habe ich das Herausschrei-Bedürfnis noch immer. Doch ich zögere. Denn immer öfter höre ich statt vorheriger "Wow!", "Mega!" und "Glückwunsch!", eine ganz bestimmte Frage: "Wieso das denn?"

So ertappe ich mich dabei, dass ich immer weniger Menschen von meiner neusten Errungenschaft berichte, obwohl ich doch so stolz auf sie bin. Nicht, weil ich den Grund dafür nicht erzählen mag: Meine enge Freundin und einzige Corona-Kumpanin ist schwanger und diese Nachricht bedeutet gleich doppeltes Glück für mich, denn sie hat mich als eine ihrer Kontaktpersonen eingetragen.

Herzlichen Glückwunsch zur Impfung – und willkommen in der Rechtfertigungs-Achterbahn

Darum geht es mir aber nicht – das sollte nämlich eigentlich niemanden außer dem Gesundheitsamt groß interessieren. Mich stören an dieser kleinen Frage zwei ganz andere Dinge: Zum einen ist sie sensibler, als sie zunächst klingt. Mein Grund für die Corona-Impfung ist ein äußerst schöner, von dem man gerne erzählt. Es gibt aber auch weniger positive, dafür höchst private Kriterien, die einen derzeit zu einer Impfung verhelfen: Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie. Eine Krebserkrankung. Die Pflege schwerkranker Angehöriger. Das alles sind Dinge, über die man weniger gerne mit jedem, schon gar nicht nebenbei im Smalltalk, spricht. 

Zum anderen ist es der bittere Unterton, der in der süßen Frage nach dem Warum oft mitschwingt. Der mir Bauchschmerzen erzeugt und mich direkt mit vollem Tempo in die Rechtfertigungs-Achterbahn katapultiert. Wenn hinter dem "Warum?" die unausgesprochenen Worte "…du und nicht ich?" stehen. Ich kann sie hören, auch wenn du sie nicht sagst. Und damit den Vorwurf, der dahintersteht: dass es nicht fair sei, dass man sich die Impfung irgendwie erschlichen und sie eigentlich gar nicht verdient hätte.

Ich möchte damit niemanden angreifen, denn: Das geht mir ja nicht anders. Ich selbst fühlte mich schlecht, als ich aus dem Impfzentrum zu meinen Eltern fuhr, die dort noch keinen Termin haben, diesen aber viel dringender bräuchten. Ich selbst habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich langsam traue, wieder eine Zukunft ohne Corona und die Angst der Ansteckung zu planen – weil so viele andere noch darauf warten. Und ja, auch ich selbst kenne Gefühl des Impfneides. Als meine Freund*innen aus ihren sozialen Jobs geimpft wurden, gönnte ich es ihnen aus vollem Herzen – und bereute trotzdem, nicht einen etwas weniger systemirrelevanten Beruf gewählt zu haben.

Ich bin dann mal weg, mich freuen!

Trotzdem: Ich habe mich immer für sie gefreut. Nicht nur weil sie das gute Zeug eindeutig verdienten, nachdem sie sich monatelang einem deutlich größeren Risiko als ich ausgesetzt hatten. Sondern auch wenn dem nicht so gewesen wäre: Jede, wirklich jede Impfung bringt uns dem großen Traum der Normalität ein Stück näher, nach der wir uns alle sehnen. Lasst uns uns die Vorfreude darauf nicht gegenseitig durch ein schlechtes Gewissen vermiesen, nach einem Jahr, das ohnehin von negativen Gefühlen geprägt war.

Ich mache jetzt mal den Anfang und traue mich: Also liebe Leute, diesmal bitte nicht näher kommen, sondern extra Abstand halten, denn ich möchte es ganz laut rufen und dabei werden bestimmt Aerosole frei, aber ich trage nach wie vor meine Maske, keine Sorge: Ich wurde geimpft!!! Und ich genehmige mir jetzt mal eine ordentliche Portion Freude ohne schlechtes Gewissen, wenn ihr erlaubt. 

Brigitte

Mehr zum Thema