Mein Vater sagte: "Wenn du zur Schule gehst, hacke ich dir die Füße ab!"

Statt zur Schule zu gehen, mussten sie im Haus und auf den Feldern arbeiten. Bildung war in ihren Heimatdörfern Männersache. Jetzt üben die Großmütter von Phangane in Indien das Lesen, Schreiben und Rechnen – und entdecken ein ganz neues Selbstbewusstsein.

Eine einzigartige Schule

Punkt zwei Uhr, wenn die Mittagssonne nicht mehr so gnadenlos auf diesen dürren Landstrich im Westen Indiens brennt, kommen die ältesten Frauen von Phangane zusammen. In pinkfarbene Saris gehüllt, versammeln sie sich im Garten hinter dem vorletzten Haus ihres Dorfes in einem strohgedeckten Bambusverschlag und hocken sich im Schneidersitz auf den Boden.

Die Vorbeterin in der ersten Reihe richtet ihre Worte an Saraswati, die hinduistische Göttin des Lernens und Wissens. Sie kann zwar nicht mehr gut hören, aber ihre Stimme ist noch immer durchdringend. Nachdem sie die erste Zeile gesprochen hat, stimmen die anderen ein.

So beginnt der Tag in der "Aajibaichi Shala", was auf Marathi "Haus der geliebten Großmütter" bedeutet. Der Name steht in kunstvoll geschwungenen Lettern an der Wand dieser einzigartigen Schule.

Das Mindestalter für die Einschulung ist 60

27 Frauen lernen hier Lesen, Schreiben und Rechnen. Viele von ihnen kennen ihr wahres Alter nicht, finden aber, dass sie durchaus wie 65 aussehen. Sehr einig sind sie sich jedenfalls, dass keine von ihnen weniger als 60 Jahre zählt: Für die Einschulung ist 60 das erforderliche Mindestalter.

Phangane liegt rund 100 Kilometer nördlich von Mumbai im Bundesstaat Maharashtra. Selbst bis hier reicht Mumbais Smog. Ein grauer Himmel hängt über der Landschaft, die wenigen Bäume haben die Blätter abgeworfen. Die einzige Wohltat der Dürre: Es gibt keine Mücken.

Das Leben der 70 Familien von Phangane ist mühsam. Die Sonne hat die Erde über Monate knüppelhart gebacken. Nur in der Monsunzeit, rund vier Monate im Jahr, können sie Reis, Bohnen, Erdnüsse und Linsen anbauen. Die meiste Zeit sind sie auf die Notrationen der Regierung angewiesen, die jeden Monat Weizen, Zucker und Öl an Millionen bedürftige Familien im Land verteilt.

Die Alten lernen von den Jungen

Nachhilfe: Viele ihrer Enkel und Urenkel helfen den Großmüttern bei den Lese- und Schreibübungen

Mandalas, Bilder aus Farbpigmenten, verzieren den Boden vor den Haustüren, die immer offen stehen. So bieten sich beim Spaziergang durch das Dorf ungewöhnliche Einblicke: Mittags, wenn die Kinder aus der Grundschule zurück sind, hocken die alten Frauen mit ihren Enkeln auf dem Boden. Gemeinsam beugen sie sich über Schulhefte. Das Besondere: Die Alten lernen von und mit den Jungen.

Selbst die alleinstehende Gangubhai Baduji Kedar muss nicht allein lernen. Die Nachbarskinder kommen gern bei ihr vorbei. "Anfangs haben die Kinder uns belächelt", sagt die 65-Jährige. "Jetzt sind sie stolz darauf, dass wir alten Frauen zur Schule gehen." Ihr Vorname Gangubhai bedeutet "wunderschön". Ringe aus Kupferspiralen zieren ihre Zehen. Ihr Gesicht ist gezeichnet von Lachfalten und tiefen Furchen. Ihren rissigen Fersen ist anzusehen, dass ihre Füße Hunderte Kilometer zurückgelegt haben.

"Mein Vater drohte,  mir meine Füße abzuhacken, wenn ich noch mal zur Schule gehe"

Erstklässlerinnen: Wer im "Haus der geliebten Großmütter" zur Schule geht, ist 60 Jahre und älter

"Schon als Kinder mussten wir Mädchen auf dem Feld arbeiten", sagt Gangubhai. Ihre Geschichte ist typisch für viele Frauen in Indien: "Unser Vater sagte, er habe nicht genug Geld, um alle Kinder in die Schule zu schicken. Also gingen nur meine beiden Brüder, während meine drei Schwestern und ich zu Hause blieben und arbeiten mussten." Doch nicht nur aus Geldmangel wurde den Mädchen die Bildung verweigert. Weibliche Nachkommen gelten in manchen Familien in Indien bis heute als minderwertig, die meisten Eltern wünschen sich Jungen.

"Einmal bin ich meinem Bruder in die Schule gefolgt. Ich habe mich einfach mit in den Klassenraum gesetzt, bei so vielen Schulkindern fiel das gar nicht auf", erzählt Gangubhai. "Als ich nach Hause kam, schrie mich mein Vater an. Er drohte, dass er mir meine Füße abhacken werde, wenn ich es noch einmal wagen sollte, in die Schule zu gehen." Die Drohung wirkte. Gangubhai konzentrierte sich fortan ganz auf die Haus- und Feldarbeit. Wie ihre Schwestern und viele andere Frauen von Phangane wurde sie bereits als Jugendliche verheiratet.

Eine Schule betrat sie erst wieder am 8. März 2016, dem Internationalen Weltfrauentag, an dem die "Oma-Schule" von Phangane feierlich mit Blaskapelle und Festessen eingeweiht wurde. Hinter der einzigartigen Einrichtung steht ein vermögender Bauunternehmer aus Mumbai, der bereits über 30 Grundschulen in der Region gestiftet hat. Seine Mission ist es, Bildung in die Dörfer tragen.

Und weil die Männer von Phangane zumindest einige Jahre eine Schule besucht hatten, waren sich die Frauen einig:

Jetzt sind wir an der Reihe!

Alle waren sofort von der Idee begeistert, sie wollten nachholen, was sie in ihrer Jugend verpasst hatten. Aber sie mussten auch dafür sorgen, dass ihre Arbeit umverteilt wurde, denn zu ihren Aufgaben gehörte es, Wasser in Eimern vom Fluss ins Dorf zu tragen und in den umliegenden Wäldern Brennholz zu sammeln. Der Bauunternehmer half auch dabei und sorgte mit Wasserpumpen und einem Wiederaufforstungsprojekt dafür, dass sich die Lebensqualität in Phangane verbessert hat, die Frauen auch die nötige Zeit haben, um zwei Stunden am Tag unter dem Bambusdach zu lernen.

Das Projekt basiert auf der Idee, dass es nur wenige Menschen braucht, um Veränderungen zu bewirken. Diese Vorstellung ist tief in der indischen Kulturgeschichte verankert, Ende des 19. Jahrhunderts formulierte bereits Swami Vivekananda, ein hinduistischer Mönch: "Gib mir 100 gläubige junge Männer und ich werde Indien zu einer großen Nation machen." Gläubigkeit setzte Vivekananda mit dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten gleich. Im 21. Jahrhundert können nicht nur junge Männer, sondern auch die alten Frauen von Phangane dieses Selbstvertrauen weitergeben – und zum Vorbild werden für die Eltern und Kinder im Dorf: Wenn sie sehen, wie gern die Großmütter lernen, kann das alle motivieren.

Die Schuluniform ist ein Tabubruch

Es ist Zeit, die Schuluniform anzuziehen. Die goldbestickten pinkfarbenen Saris sind ein gewollter Tabubruch, denn traditionell tragen Witwen wie Gangubhai, deren Mann bereits vor 20 Jahren verstorben ist, weiße Kleidung – weiß ist die Farbe der Trauer.

In der Klasse angekommen, setzt sich Gangubhai in die hinterste Reihe, dort kann sie besser mit ihren Freundinnen tuscheln und scherzen. Die Frauen holen Schiefertäfelchen aus ihren roten Ranzen. Die Kinder, die ihre Omas und Uromas begleitet haben, intonieren im Chor: "A, B, C ...", die Alten wiederholen.

Auch Gangubhais Sitznachbarin ist mit ihrer Enkelin gekommen. Geduldig beobachtet das Mädchen, wie ihre Oma Buchstabe um Buchstabe auf ihre Tafel malt. Als sie stockt, weil sie ein Wort nicht schreiben kann, übernimmt kurzerhand die Enkelin. Die alte Frau greift glücklich nach der Tafel, meldet sich und zeigt der Lehrerin stolz ihr Diktat.

Die Schule hat die Hierarchien auf den Kopf gestellt

Lehrerin Shital Prakash More, 29, ging selbst nicht lang zur Schule. Jetzt will sie sich weiterqualifizieren.  

Shital Prakash More ist nicht mal halb so alt wie ihre Schülerinnen, gerade einmal 29 Jahre. Und sie hat auch nur eine einfache Ausbildung, vergleichbar einem Hauptschulabschluss. Doch Shital unterrichtet die Seniorinnen so gekonnt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Sie erzählt, dass noch immer ein Viertel aller Frauen im Bundesstaat Maharashtra nicht lesen und schreiben können. Bei den Männern fällt die Rate viel niedriger aus, denn rund 90 Prozent haben eine Schule besucht.

Bis vor einem Jahr war Shital Prakash More Hausfrau und blieb als Mutter von zwei Söhnen daheim. Doch als die Idee geboren war, in Phangane eine Schule für Seniorinnen zu gründen, war sie von der Idee begeistert, ihr Wissen weitergeben zu können.

Zu ihren Schülerinnen gehört auch ihre Schwiegermutter. "Anfangs war es seltsam, Frauen zu unterrichten, die viel älter und erfahrener sind", sagt sie. "Doch sie akzeptierten mich sofort als ihre Lehrerin." Traditionell haben im Dorf die Alten das Sagen, doch die Schule hat die Hierarchie auf den Kopf gestellt. Keinen stört das. "Meine Schülerinnen sind wissbegierig, ich muss nie mit ihnen schimpfen", sagt Shital. Sie lehrt gelassen und langsam. Bald will sie selbst wieder zur Schule gehen, um einen höheren Abschluss nachzuholen.

Für die Schülerinnen geht es nicht um Zeugnisse oder Abschlüsse 

Umdenken: Dass sich die Großmütter bilden, verändert die Familien

"Dass wir in unserem Alter zur Schule gehen, gibt uns Würde zurück", findet Gangubhai. Als Analphabetin hat sie sich oft geschämt, dass sie nur einen Daumenabdruck hinterlassen konnte, wenn ihre Unterschrift gebraucht wurde. Inzwischen können alle Schülerinnen ihre Namen selbst buchstabieren. Auch die 90-jährige Sitabhai Bandu Dehsmuk, Dorfälteste, die von ihren Enkeln gestützt wird.

Vor Kurzem starb eine der Schülerinnen. "Aber nicht als Analphabetin", sagt Gangubhai. "Ich selbst werde es wohl auch nie zu einem Buch bringen", sagt sie. "Aber ein paar geschriebene Worte werde ich mit in die nächste Welt nehmen."

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Wer hier schreibt:

Marius Münstermann

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