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Inflation in Deutschland Höhere Kosten bei geringem Einkommen – Betroffene berichten von ihrer Armut

Inflation: Geldbörse
Unter den Hashtags #Armut und #IchBinArmutsbetroffen schildern von der Inflation besonders Betroffene, was es für sie bedeutet, sich jetzt noch weniger leisten zu können (Symbolbild)
© Adobe Stock / Stanislau_V
Nur drei Minuten Warmwasser am Tag: Im April stiegen die Verbraucherpreise um 7,4 Prozent im Jahresvergleich – und damit so schnell wie seit Anfang der 80er Jahre nicht mehr. Betroffene machen ihrem Ärger im Netz Luft.

Die Teuerungsrate klettert deutschlandweit in immer neue Höhen. Den ersten Mai-Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge rechnen Experten gar mit einer Beschleunigung des Anstiegs auf 7,6 Prozent. Das soll vor allem Lebensmittel- und Energiekosten betreffen – für Menschen, denen schon vor der aktuellen Teuerung nur wenig Geld zum Leben blieb, wird es nun besonders schwierig, den Alltag würdevoll zu meistern.

Unter den Hashtags #Armut und #IchBinArmutsbetroffen schildern einige von ihnen – meist anonym – auf Twitter derzeit, was es für sie bedeutet, jetzt noch weniger Produkte fürs eh schon knappe Geld kaufen zu können, wie sie sich damit fühlen und welche Einsparungen und Kürzungen sie nun zusätzlich in Kauf nehmen müssen, um über die Runden zu kommen.

Höchste Inflationsrate seit Jahrzehnten: "Energie- und  Lebensmittelpreise machen Angst"

"Hi, ich bin Anni, 39, und habe die Schnauze voll! Ich lebe von HartzIV und es reicht ganz einfach nicht! Nein, ich kann keine weiteren Kosten senken. Nein, ich kann nicht auf das spritsparende Auto verzichten. Nein, ich gebe kein Geld 'unnütz' aus. Ich versuche nur, uns einigermaßen gesund und ausgewogen zu ernähren und meinem Kind den Anschein von Normalität zu bewahren. #IchBinArmutsbetroffen weil ich krank bin. Und ich gebe alles, um dem entgegen zu wirken", lautete der erste Beitrag zum hashtag #IchbinArmutsbetroffen vom 17. Mai dieses Jahres. Er stammt von der Twitter-Userin AikO.

Andere pflichteten ihr prompt bei. Userin Sanylogie schreibt: "Nicht nur, dass es vorne und hinten nicht reicht. Nein, zum Dank, nicht vollends verhungern zu müssen, muss man sich auch rechtfertigen, durchleuchten lassen und wehe Mutti lädt mal zum Essen ein. Wenn das Amt das erfährt, wird Geld gekürzt. Wenn Mutti 1x einladen kann, dann kann sie das ja wohl jeden Monat. So ein herabwürdigendes, verachtendes und erniedrigendes System. Hilfe ja, aber zu welchem Preis?" Dabei bezieht sie sich offensichtlich auf die Kontrollvorgänge bei Hartz-IV-Beziehenden und kritisiert den Umgang des Jobcenters mit den Bedürftigen.

Welche Gefühle ein derartiger Umgang auslösen kann, fasst der Twitter-Nutzer Kein_Lebkuchen zusammen: "Danke für deine Worte und diesen Tweet. Man fühlt sich leider oft von der Gesellschaft ausgespuckt und unwillkommen, wenn man gerade nicht arbeiten kann, sei es Studium, Krankheit, Kind oder was auch immer. Diese Leute werden mit einem menschenunwürdigen ALG-2 zusätzlich belastet."

Betroffene machen sich auf Twitter Luft

Twitter-Userin MariaWa85740570 ergänzt: "Die tägliche Angst beim Gang zum Briefkasten, die schlaflosen Nächte, die Panik vor der Kasse am Discounter... Armut bedeutet Dauerstress, Armut macht krank." Was dies ganz konkret bedeuten kann, lesen wir bei Userin @Linda48356091: "Energie- und  Lebensmittelpreise machen Angst. Bei mir ist alles genau durchkalkuliert und geht nach Plan. Mal Strommeßgerät geliehen. Größte Verbraucher: Wärme oder Kühlen mit Strom. 3 Minuten Warmwasser am Tag. Herd max. halbe Stunde pro Tag."

Die Gefühlslage der meisten Betroffenen scheint Twitter-Userin @AdelheidSchwar2 mit dem letzten Satz ihres Tweets zu treffen: "Bestelle mir nur dann etwas, wenn ich dem Bringer mindestens 10% vom Wert geben kann, meistens ist es mehr. Es kommt höchstens 1x im Vierteljahr vor. Auch ich bin #IchBinArmutsbetroffen, möchte aber auch das Leben spüren."

Userin MissTictactic schließlich macht noch auf einen weiteren schwerwiegenden Aspekt der Armutsdebatte aufmerksam: "#IchBinArmutsbetroffen bedeutet auch, paar Tage keine Medis [Medikamente; Anm. der Redaktion] nehmen zu können, weil das Risiko besteht, bald andere zu bekommen und 2x Zuzahlung nicht drin ist. (Konkret geht's um Antidepressiva und vielleicht wird mir grad klar, woher seit drei Tagen all die Symptome kommen.)"

Quelle: Twitter

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.


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