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London Statt Hilfe bekam sie ein Flugblatt: Influencerin Georgie Clarke wurde in U-Bahn sexuell belästigt

Influencerin Georgie Clarke wird in U-Bahn sexuell belästigt: Georgie Clarke
© SOPA Images / Getty Images
In einer Londoner U-Bahn wurde die Influencerin sexuell belästigt. Außer einem anderen Fahrgast half ihr niemand. Auch die Mitarbeiter des örtlichen Verkehrsverbundes zeigten sich wenig hilfsbereit.

Immer mehr Personen in Großbritannien berichten über sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Polizei zufolge seien die Zahlen alarmierend. Auch Influencerin Georgie Clarke wurde in einer Londoner U-Bahn sexuell belästigt. Im Gespräch mit BBC schildert sie den Vorfall – und wie sehr sie sich im Stich gelassen fühlte.

Clarke erzählt, dass sie sich in einer U-Bahn hinsetzte, um ihre Flip-Flops gegen Absatzschuhe einzutauschen. Der Mann, der ihr gegenüber saß, fing an ihre Knöchel und Füße anzufassen. Daraufhin hätte sie ihn mit ihren leicht weggestoßen und gesagt: "Bitte fassen Sie mich nicht an".

"Ich machte mir Sorgen, dass er mir folgen würde, wenn ich aus der U-Bahn aussteige"

"Er holte sein Handy heraus und begann, Fotos von mir und meinen Beinen und Füßen zu machen. Ich bat ihn, keine weiteren Fotos zu machen, woraufhin er wieder nach mir griff und versuchte, mich zu begrapschen. Er nahm eine Zeit lang Körperkontakt mit mir auf", erzählt die 37-Jährige.

Daraufhin sei Clarke aufgestanden und in Richtung Bahntür gegangen, aber der Mann folgte ihr. "Als sich die Türen an der nächsten Station [...] öffneten, sah der Bahnsteig ziemlich leer aus, und ich machte mir Sorgen, dass er mir folgen würde, wenn ich aus der U-Bahn aussteige, und dass dann weniger Leute da sein würden, die mir helfen könnten", sagt sie.

Er verfolgt sie immer weiter

Die Influencerin geriet in Panik und stieg nicht aus. Stattdessen setzte sie sich zu vier Männern. "Ich dachte: ‘Ich setze mich vor zwei von ihnen und neben zwei von ihnen‘, damit er hoffentlich aufhört."

Der Mann starrte Clarke weiter an und setzte sich ebenfalls zu ihr und den Männern und versuchte, sie erneut zu begrapschen. Sie bat ihn damit aufzuhören, aber er machte weiter, woraufhin einer der anderen Männer sie fragte, ob sie sich zwischen sie setzen möchte. Clarke setzt sich zwischen sie, woraufhin ihr Verfolger sich nun auf den Platz setzte, den sie verlassen hatte und der gegenüber von ihr lag.

Der Mann fotografierte sie weiter und versuchte immer wieder, sie anzufassen, woraufhin der Mann, der ihr den Platz angeboten hatte, eingriff und Clarke fragte: "Möchten Sie, dass ich Sie nach draußen begleite, und wir gehen zum Bahnhof Victoria, um das zu melden?" Das war die nächste Haltestelle.

Clarke in Tränen aufgelöst

Er begleitete sie aus der U-Bahn, während ihr Verfolger ihnen nachkam. Als sie die Rolltreppen hinaufstiegen, lies er von ihnen ab und kehrte um. Zu diesem Zeitpunkt war Clarke in Tränen aufgelöst.

Sie gingen auf zwei Männern von Transport for London (TfL), dem örtlichen Verkehrsverbund, zu und ihr Begleiter sagte: "Ich war gerade Zeuge, wie sie in der U-Bahn sexuell belästigt wurde, der Kerl ist gerade wieder hinuntergegangen, er wird in die U-Bahn steigen und es wieder tun. Sie müssen jemanden anrufen; wollen Sie, dass wir hingehen und ihn darauf hinweisen?"

"Sie starrten mich nur an, als wüssten sie nicht, was sie tun sollten"

Der Influencerin zufolge hätten sie die beiden TfL-Mitarbeiter angestarrt und ein Flugblatt gereicht. Darauf stand: "TfL duldet keine sexuelle Belästigung." Die Mitarbeiter verwiesen auf eine Telefonnummer auf dem Flugblatt, welche Clarke anrufen und es der British Transport Police melden sollte.

"Ich sagte: "Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich bin auf dem Weg zur Arbeit, soll ich das jetzt melden?", und sie starrten mich nur an, als wüssten sie nicht, was sie tun sollten", so Clarke. Daraufhin hätte der Mann, der sie aus der U-Bahn begleitet hatte, mit ihr gewartet, bis sie ein Uber nahm.

Sie fühlte sich im Stich gelassen

"Als ich mich absichtlich zu den vier Männern setzte, bot nur einer von ihnen seine Hilfe an", sagt Clarke. Obwohl die anderen Fahrgäste ebenfalls den Vorfall mitbekommen hatten, hätten sie ihn ignoriert. "Ich dachte daran, zu schreien und zu brüllen, aber dann dachte ich, dass man mich vielleicht für betrunken und verwirrt gehalten hätte, oder dass es ihn verärgert und dazu gebracht hätte, mich körperlich zu verletzen."

Auch vom Verhalten der TfL-Mitarbeiter zeigt sich die Influencerin enttäuscht: "Es gab keinerlei Unterstützung. Sie hätten mich in eine private Ecke oder einen privaten Raum bringen können, aber ich hatte das Gefühl, dass sie sich nicht wirklich darum kümmerten, was passierte." Auch hätten sie weder ihre Daten noch die ihres Begleiters aufgenommen.

Clarke meldet erst sechs Tage später den Vorfall – aus Angst

"Ich glaube nicht, dass es ausreicht, einer Frau, die gerade eine solche Situation durchgemacht hat, ein Flugblatt in die Hand zu drücken", so Clarke.

Die 37-Jährige brauchte sechs Tage, um den Vorfall bei der britischen Verkehrspolizei anzuzeigen – aus Angst, dass man ihr die Schuld an dem Vorfall geben würde. "Ich denke, die meisten Frauen verstehen, was ich meine, wenn ich sage, dass wir in solchen Situationen daran gewöhnt sind, dass man uns die Schuld dafür gibt – du hättest keine rosa, sexy Absätze tragen sollen, du hättest ihn nicht ansehen sollen, du hättest weglaufen sollen, du hättest das tun sollen", sagt sie.

Die britische Verkehrspolizei nahm den Vorfall ernst und hatte binnen 24 Stunden Fotos von dem Täter. "Ich habe vier oder fünf Mal von ihnen gehört, und sie sind definitiv an der Sache dran", sagt Clarke.

"Ich habe es satt, mich nicht sicher zu fühlen"

Als die Influencerin den Vorfall in den sozialen Medien teilte, hätten ihr Tausende von Frauen geantwortet und von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichtet, vor allem in den öffentlichen Verkehrsmitteln in London. 

"Das Problem besteht schon seit langer, langer Zeit, aber die Frauen finden erst jetzt ihre Stimme, um zu sagen: ‘Ich habe es satt, dass man mir die Schuld dafür gibt, ich habe es satt, dass das passiert, ich habe es satt, mich nicht sicher zu fühlen.‘ Die Frauen sind an einem Punkt angelangt, an dem sie so müde und krank davon sind, dass wir endlich unsere Stimme erheben", so Clarke.

Quellen: "BBC", "Metro"

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.


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