Ingrid Betancourt: "Dich zu lieben, ist ein schweres Los"

Kurz bevor Ingrid Betancourt Anfang 2002 entführt wurde, traf Anja Jardine die Politikerin für ein BRIGITTE-Porträt in Kolumbien. Dann wurde die damalige Präsidentschaftskandidatin im Dschungel überfallen und verschleppt. Anja Jardine hielt seither Kontakt zur Familie der Geisel. Jetzt ist Ingrid Betancourt frei. Ein persönlicher Brief an die Frau, um deren Leben Millionen Menschen in aller Welt bangten.

Nach der Befreiung: Ingrid mit ihrer Mutter Yolanda Pulecio.

Liebe Ingrid,

da bist Du wieder, endlich. Und nicht nur das. Unglaublicher noch - Du bist ungebrochen. Eine einzige Geste genügte, um das zu begreifen: Stehst neben Deiner Mutter, kaum dem Helikopter entstiegen, der Dich in die Freiheit brachte, selbst noch fassungslos, und streichst ihr in einer Art übers Haar, nimmst es im Nacken zusammen, als wolltest Du es ordnen - so, wie man es bei kleinen Mädchen tut. Die Mütterliche, Tröstende, die Starke bist Du. Noch immer. Und vermutlich mehr denn je. Es kommt nicht von ungefähr, dass der halbe Planet vor Freude weint. Selbst Deine Kritiker, Deine politischen Gegner. Und wir weinen nicht nur, weil Du die Geisel aller Geiseln warst, das schöne, kluge, kostbare Faustpfand einer Verbrecherbande, und nun frei bist. Wir weinen, weil wir spüren, dass solche wie Du rar sind. Nicht nur Dein Mut, die zähe Kraft; vor allem Deine moralische Integrität, Deine absolute Unbestechlichkeit sind für jeden eine Herausforderung.

Dich zu lieben, Ingrid, aus allernächster Nähe, muss manchmal ein schweres Los sein. Auf den Fernsehbildern suche ich Deinen Mann Juan Carlos Lecompte, nur ganz am Anfang sehe ich ihn einmal an Deiner Seite. Zwei Jahre ist es her, da traf ich ihn am Pariser Flughafen, ein Restposten seiner selbst. Unendlich traurig, gealtert, zermürbt von Sorge, vergeblichen Hoffnungen. "Nachts", sagte er, "schwindet jede Gewissheit." Dann stehe er auf, zappe sich durch die Fernsehprogramme, warte auf den Morgen und mache weiter "wie auf Autopilot". 24 Stunden am Tag kämpfte er um Deine Befreiung. Wie Deine Mutter, Deine Kinder, Mélanie und Lorenzo. Die Maßstäbe für ihr Handeln setztest Du in Deinem Dschungel-Kerker.

Juan Carlos traf Politiker und Diplomaten rund um den Globus, besuchte Rebellen im Gefängnis, besetzte eine Kirche, schrieb ein Buch. Er ging jedem noch so abstrusen Hinweis nach. Er charterte ein Flugzeug und warf 7000 Flugblätter mit den Fotos Deiner Kinder über dem Dschungel ab, in der Hoffnung, dass Dir die Bilder Kraft geben. All das ohne zu wissen, ob Du überhaupt noch lebst. "Seit zwei Jahren und drei Monaten kein Lebenszeichen", sagte er damals und fügte tapfer hinzu: "Ich bin sicher, dass sie es ist, die ein Lebenszeichen verweigert. Sie lässt sich von der Farc nicht vor den Karren spannen."

In einem Video im September 2003 hattest Du Deiner Familie mitgeteilt, dass Du keinen humanitären Austausch wünschst. Der sei Polizisten und Soldaten vorbehalten, Krieger gegen Krieger. Du aber seist eine zivile Geisel, da bleibe nur die militärische Befreiungsaktion. Damit hast Du Deine Familie um nichts Geringeres gebeten als um Verständnis dafür, Dich gegebenenfalls erschießen zu lassen. "Sehr mutig, sehr frei, sehr Ingrid", sagte Juan Carlos, "aber es ist mir egal. Ich liebe sie, ich bewundere sie für diese Haltung, aber ich kämpfe trotzdem für ihren Austausch".

Ingrid Betancourt mit ihren Kindern Mélanie und Lorenzo.

Und er erzählte, wie Lorenzo bei ihm war, Dein Sohn, und er ihn in Deinem Kleiderschrank fand, wo er hockte, um Deinem Geruch nachzuspüren. Mélanie ist stark, sagte Juan Carlos damals, doch Lorenzo strauchelt. Und jetzt stehst Du in ihrer Mitte, zwischen diesen zwei jungen Menschen, inzwischen 23 und 19 alt, die Kinder waren, als Du verschwunden bist. Sie sind größer und kräftiger als Du, und sie halten Dich doppelt umschlungen, so, als gäben sie Dich nie wieder her.

Dich von ihnen zu trennen war die letzte, entscheidende Zäsur auf Deinem Weg zu der Frau und Politikerin, die Du heute bist. Das ist mir klar geworden, damals bei unserer Begegnung vor bald sieben Jahren. Nach dem Interview in Deiner Wahlkampfzentrale haben wir bei einem Italiener gegessen, Du, Juan Carlos und ich. Später waren wir bei Euch zu Hause, haben vom Balkon über das nächtliche Bogotá geschaut. Und Du hast erzählt, wie Du Deine Kinder Mélanie und Lorenzo in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Neuseeland zu ihrem Vater gebracht hast, nachdem Du das Foto einer zerstückelten Kinderleiche im Briefkasten vorgefunden hattest, eine Drohung Deiner politischen Gegner. Wie Du dort in Auckland ihre Schule ausgesucht, ihre Zimmer eingerichtet, ihre Lehrer getroffen hast, den Schulweg abgegangen bist, Kleider auf Jahre gekauft - und Dir jedes Detail einzuprägen versucht hast, damit Du sie Dir immer vorstellen kannst.

"Was ist das für eine Mutter, die ihre Kinder weggibt?", haben Deine Gegner gefragt: "Kaltherzig, egoistisch, krankhaft ehrgeizig." Wenn ein Mensch, zumal eine Frau, sich zu etwas berufen fühlt, was über ihr privates Glück hinausgeht, sehen das viele, vor allem Männer, nicht gern. Auch jetzt wird die Kritik nicht lange auf sich warten lassen, schon jetzt entdecken Journalisten an Dir "einen missionsähnlichen Pathos". Ich glaube nicht, dass Dir das noch etwas anhaben kann.

Mit Juan Carlos ist Betancourt seit 1996 verheiratet.

"Die Chancen stehen gut, dass Ingrid noch immer Ingrid ist, wenn sie eines Tages befreit wird", sagte Juan Carlos, als ich ihn vor zwei Jahren zum Gate brachte. "Aber ich bin ein anderer. Früher war ich ein lustiger Typ, unbeschwert und easy going. Heute nicht mehr. Vielleicht wird es mit uns nicht mehr funktionieren. Aber ich muss auf sie warten, dann werden wir sehen." Nun ist sie da. Und es sieht nicht gut aus für diese Liebe.

Fotos: AFP/Getty Images Text: Anja Jardine Ein Artikel aus der BRIGITTE 17/08
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