Ingrid Betancourt: "Ich will meinem Leid einen Sinn geben"

Über sechs Jahre wurde Ingrid Betancourt im kolumbianischen Dschungel gefangen gehalten - als Geisel der FARC-Rebellen. Jetzt hat sie ein Buch über diese Zeit geschrieben: "Kein Schweigen, das nicht endet". Ein Interview mit Ingrid Betancourt über ihr Leid und ihr neues Leben.

BRIGITTE.de: Sie sind am 23. Februar 2002 zusammen mit Clara Rojas, ihrer damaligen Wahlkampfleiterin, entführt worden. So eine Extremsituation schweißt zusammen, würde man denken. Sie aber haben sich im Laufe der Gefangenschaft immer mehr voneinander entfernt. Wie ist es dazu gekommen? Und haben Sie heute wieder Kontakt zu Clara?

Ingrid Betancourt: Ich denke, so etwas schweißt auf jeden Fall zusammen, aber es gab auch Momente der Verzweiflung. Was zwischen uns passiert ist, ist einfach menschlich - wir waren die ganze Zeit wie aneinandergekettet und brauchten Abstand und Freiräume.

BRIGITTE.de: Es gab keinerlei Rückzugsmöglichkeiten?

Ingrid Betancourt: Das einzige Stück Privatsphäre, das uns vergönnt war, war einfach zu schweigen. Ich glaube, Clara und ich brauchen beide Zeit, bis unsere Wunden verheilt sind.

BRIGITTE.de: Was hat Ihnen geholfen, die Jahre in Gefangenschaft durchzustehen?

Ingrid Betancourt: Vor allem mein Glaube an Gott. Die Liebe meiner Kinder und meiner Mutter. Die Solidarität unter uns Geiseln und natürlich der bloße Selbsterhaltungstrieb.

BRIGITTE.de: In Ihrem Buch schreiben Sie: "Ich war fest entschlossen, mein Leben zu ändern, sobald ich wieder in Freiheit war." Inwiefern haben Sie Ihr Leben verändert?

Ingrid Betancourt: Alles hat sich geändert. Ich bin keine Politikerin mehr. Ich habe das Schreiben für mich entdeckt. Ich lebe nicht mehr in Kolumbien, ich habe keinen Ehemann mehr. Meine Kinder leben nicht mehr Zuhause.

BRIGITTE.de: Ein neues Leben ohne Heimat?

Ingrid Betancourt: Meine Heimat ist jetzt da, wo die sind, die ich liebe - was bedeutet, dass ich jetzt aus meinem Koffer lebe.

BRIGITTE.de: Sie erzählen in dem Buch sehr detailliert von den Jahren Ihrer Gefangenschaft, beschreiben jedes Lager, jede Wache dort. Wie haben Sie so viele kleine Einzelheiten für sich konservieren können?

Ingrid Betancourt: Wie könnte ich das auch vergessen? Ich habe kein Problem, mich an diese Details zu erinnern, mein Problem ist, das alles nicht vergessen zu können.

"Kein Schweigen, das nicht endet", Droemer, 734 S., 22,99 Euro

BRIGITTE.de: Haben Sie das Buch denn auch in der Hoffnung geschrieben, einen Schlussstrich unter diese Geschichte ziehen zu können, diese mehr als sechs Jahre in Geiselhaft hinter sich lassen zu können?

Ingrid Betancourt: Ich habe das Buch aus drei Gründen geschrieben: erstens, um meinen Kindern, meiner Mutter und meiner Familie zu erzählen, was in den sechseinhalb Jahren passiert ist. Zweitens, um zu dokumentieren, was ich alles mitangesehen habe.

BRIGITTE.de: Und drittens?

Ingrid Betancourt: Um meinem Leid einen Sinn zu geben. Nicht nur für mich, sondern auch für all die Gefangenen, die noch im Dschungel sind, und die wir nicht vergessen dürfen.

Interview: Katharina Wantoch Fotos: GUILLERMO LEGARIA/epa/Corbis, JEAN-PHILIPPE ARLES/Reuters/Corbis

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