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Studentin will helfen und wird selbst zum Opfer

Studentin will helfen und wird selbst zum Opfer
© Hazat/Corbis
Drei Männer haben in Offenbach eine Frau angegriffen und ins Koma geprügelt. Dabei wollte sie nur anderen Frauen helfen. Unser Gesprächsthema des Tages.

Aktualisierung vom 3. Dezember 2014: Die verstorbene Tugce A. ist heute beerdigt worden.

Aktualisierung vom 27. November: Eineinhalb Wochen nach dem Angriff haben die Ärzte die traurige Nachricht bekannt gegeben, dass die Studentin Tugce A. hirntot sei. Trotz Notperation konnten sie das Leben der mutigen Frau nicht retten. Unser Mitgefühl gehört den Angehörigen.

Wie ist es zu dem tragischen Fall gekommen?

So genau weiß man das noch nicht. Laut Medienberichten geschah der Vorfall in den frühen Morgenstunden in einer McDonald's-Filiale in Offenbach. Die 22-jährige Studentin habe demnach beobachtet, wie drei junge Männer zwei Frauen belästigten. Sie sei dazwischengegangen und habe zusammen mit anderen Gästen dafür gesorgt, dass die Männer den Laden verließen.

Bravo, die Frau hat Zivilcourage!

Ja, nur leider wurde ihr die offenbar zum Verhängnis. Denn auf dem Parkplatz lauerten die Männer der jungen Helferin auf und beschimpften sie. Ein 18-Jähriger habe sie laut Polizeiangaben schließlich so hart geschlagen, dass sie umfiel und mit dem Hinterkopf auf den Boden knallte. Nun liegt sie mit schweren Gehirnverletzungen im Koma. Der Zustand ist kritisch.

Wie furchtbar. Hat man den Täter gefasst?

Ja, der 18-jährige Schläger wurde kurz darauf verhaftet. Er ist bereits wegen anderer Delikte polizeibekannt.

Das erinnert ja sehr an den Fall Dominik Brunner, der vor einigen Jahren totgeprügelt wurde, als er helfen wollte.

Stimmt. Auch damals wurde die Aggression der Angreifer auf denjenigen gelenkt, der Zivilcourage zeigte. Die Schläger waren ebenfalls sehr jung (18 und 19 Jahre) und wurden hart bestraft: Der Haupttäter bekam neun Jahre, der zweite sieben Jahre Gefängnis.

Wie kann man denn helfen, ohne selbst angegriffen zu werden?

Das ist schwer zu sagen, zumal wir in dem neuen Fall die Details noch nicht kennen. Und die Studentin hat ja schon viel richtig gemacht, indem sie andere Gäste mit einbezogen hat. Ganz ohne Risiko geht es wohl nicht. Aber für alle, die unsicher sind, wie sie in solchen Fällen helfen sollen, gibt es ein paar Grundregeln, die die Psychologin Veronika Brandstätter-Morawietz in einem BRIGITTE-Interview so beschrieben hat:

"Regel Nummer eins heißt: Sich nie selbst in Gefahr bringen. Deshalb sollte man sich immer auf das Opfer konzentrieren, nicht auf den Täter. Versuchen Sie, das Opfer aktiv aus der Gefahrensituation zu begleiten. Sie können zum Beispiel Ihre Hand reichen und sagen: 'Kommen Sie mit mir.' Wenn das zu gefährlich scheint, dann rufen Sie dem Opfer zu, dass Sie Hilfe holen. Vielfach fassen Helfer ja den Täter an, wollen ihn beruhigen oder vom Opfer wegziehen. Das ist das Schlechteste, was man tun kann, weil man selbst derjenige ist, der eine Grenze überschreitet. Ein Täter sollte auch immer gesiezt werden. Sonst entsteht schnell der Eindruck: Das ist ein Streit unter Bekannten. Auch wichtig ist, andere direkt zur Hilfe aufzufordern, und zwar nicht: 'Sollen wir mal schauen, was da vorn passiert?' Sondern: 'Da vorn braucht jemand unsere Hilfe, kommen Sie bitte mit! Und Sie, in der blauen Jacke, rufen Sie bitte die Polizei!' Wer Hilfe holt, macht wirklich schon viel."

Das ganze Interview mit Veronika Brandstätter-Morawietz zu der Frage "Kann man Zivilcourage lernen?" lesen Sie hier.


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