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Birgit Prinz: "Ich habe schon ans Aufhören gedacht"

Birgit Prinz ist dreifache Weltfußballerin des Jahres, Kapitänin des deutschen Teams und ein Vorbild für junge Spielerinnen in aller Welt. Doch in all den Jahren ihrer Fußballkarriere hat sie sich immer noch nicht daran gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen. Im Interview spricht sie über Selbstzweifel, Geld und die Unterschiede zwischen Frauen und Männern.

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Birgit, schaust du oft Fußball im TV? Ein WM-Finale würde ich schon anschauen. Der Rest, na ja.

Man hat den Eindruck, dass es dich langweilt, wenn du über Fußball sprichst. Ich finde, viele Sachen wiederholen sich in schöner Regelmäßigkeit, und die finde ich dann nicht so spannend. Und ich weiß natürlich, was erwartet wird und was die Leute hören wollen.

Gibt es noch viele Dinge, die die Öffentlichkeit nicht von dir weiß? Das hoffe ich doch. Ich glaube, ich trenne in der Öffentlichkeit meine Welten ganz gut voneinander. Es gibt ein paar Informationen, die werden auch immer wieder gerne zitiert. Aber da ist dann einfach auch Schluss.

Wie lässt sich so eine Einstellung mit dem ganzen Medienrummel heutzutage vereinbaren? Ich bin nicht die, die auf jeden Termin hüpft, die jede Homestory mitmacht. Da habe ich mich als jüngere Spielerin einfach mit auseinandersetzen müssen, weil ich da die Chance gehabt hätte, die Fußballerin Birgit Prinz komplett zu vermarkten. Ich habe mich aber ganz bewusst dagegen entschieden. Ich wollte es nicht. Und ich habe jetzt eine Rolle gefunden, mit der ich gut leben kann. Die Öffentlichkeit hat einfach Anforderungen an einen, der im öffentlichen Leben steht. Und das ist halt nicht jedermanns Sache.

So eine Einstellung bedeutet auch finanzielle Einbußen. Klar. Das war ja auch das, was mir mein Umfeld immer gesagt hat. Ich hatte die Chance, relativ gut Geld zu verdienen und bekannt zu werden. All das, was viele so anstreben. Ich war mir bewusst, dass ich Geld liegen lasse.

Du wolltest das Geld nicht? Jedenfalls nicht so, wie ich es hätte kriegen können.

Der Preis war dir zu hoch. Ja, man wollte einfach zu viel von mir. Ich habe eben keine Lust, mich zu verkaufen. Oder irgendwas zu verkaufen, was die Umgebung von mir sehen will. Das fand ich einfach anstrengend. Wenn man merkt, dass es nicht glücklich macht und man das Gefühl hat, man entfremdet sich total, dann hat es keinen Sinn.

Was ist dir denn wichtig? Ich verbringe lieber meine Zeit mit etwas, wo ich das Gefühl habe, da kommt auch was rum. Ich lerne noch was, ich habe spannende Stunden mit spannenden Menschen, gehe mit dem Hund weg, arbeite was Sinnvolles.

Ist Fußball sinnvoll? Es macht Spaß.

Aber es hat nicht den Anspruch, den du an gewisse Dinge stellst? Also gegen den Fußball als solchen habe ich nichts. Das mache ich immer noch gerne. Ich würde nicht mehr spielen, wenn ich sagen würde: Fußball erfüllt nicht meinen Anspruch. Es ist mehr das Drum-herum, das mich langweilt.

Aha. Ich weiß, dass man das so nicht sagen sollte.

Du bist ein Weltstar und für viele ein Vorbild. Vorbild zu sein für Kinder, das ist definitiv in meiner Rollenbeschreibung als Fußballerin enthalten. Das ist auch gut. Das ist für die Kinder, für die Mädchen wichtig, dass sie Vorbilder im Frauenfußball haben.

Was kannst du denen mit auf den Weg geben? In Bezug auf was?

Auf eine Karriere, die sie sich wünschen. Dass sie Spaß dabei haben und das Durchhaltevermögen. Dass sie mit Niederlagen sinnvoll umgehen und dass es ihnen Spaß machen muss, sonst hat es eh keinen Sinn.

Gab es Stellen in deiner Karriere, wo du nicht mehr dieses Durchhaltevermögen hattest? Ja klar. Das ist auch ganz normal. Man kann nicht über so eine lange Zeit immer gleich motiviert bleiben. Zumal es nicht immer so läuft, wie man es sich vorstellt. Und man selbst hat natürlich auch gewisse Erwartungen. Und wenn das dann nicht so klappt, dann ist der Spaßfaktor nicht mehr so da.

Kann man sich Schwäche im Spitzensport erlauben? Gute Frage.

Kann man sich darüber mitteilen? Ich hätte es früher nie gemacht. Definitiv. Ich glaube nicht, dass man es mir angesehen hat, dass ich Selbstzweifel hatte. Mittlerweile mache ich die Erfahrung, dass, wenn man es kommuniziert, man eigentlich eher Verständnis erntet als Ablehnung. Aber solange man das nicht tut, hat man einfach das Gefühl, dass man es nicht kann.

Viele können sich aber nicht mitteilen. Es ist natürlich auch noch mal schwieriger, wenn man sein Leben darauf aufhängt. Ich glaube, man kann da besser mit umgehen, wenn man auch noch andere Dinge im Leben hat.

Hast du schon mal einen Psychologen in Anspruch genommen? Ja. Nach der WM 2003. Über einen längeren Zeitraum.

Was war genau das Problem? Ich fand es extrem schwer, immer im Mittelpunkt zu stehen. Egal, wie ich gespielt habe, es war immer eine Meldung wert. Ich hatte das Gefühl, dass ich immer unter Beobachtung stehe und Topleistungen abrufen muss. Das hat mir damals die Freude genommen.

Hast du damals ans Aufhören gedacht? Kurzzeitig schon, ja.

Eine der weltbesten Fußballspielerinnen hatte Selbstzweifel? Ja, Selbstzweifel und eine eigene Erwartungshaltung. Wenn die hoch ist, dann ist es immer schwierig, sie zu erfüllen. Dann bleibt der Rest auf der Strecke.

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Hast du immer noch Selbstzweifel? Ich glaube, das treibt einen immer mal an.

Wirklich erstaunlich bei deiner Vita. Die hilft mir dann auch nicht. Im Fußball zählt nur das Jetzt, nicht das, was war. Auf dem Fußballplatz bringt mir das alles nichts.

Bist du stolz auf deine Leistung? Ich finde, Stolz ist ein schwieriges Wort. Fußballgeschichten sind nix, worauf man stolz sein kann.

Du hast vor Olympia gesagt: »Die Goldmedaille ist nicht das, was mich motiviert«. Gott sei Dank, sonst hätte ich jetzt ein Problem. (Anmerkung: Deutschland wurde bei den Olympischen Spielen in Peking Dritter.)

Ein ungewöhnlicher Satz für eine Leistungssportlerin. Titel oder Medaillen treiben mich nicht an. Das ist das Ergebnis, wenn man gut gespielt hat. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich sage: Ich mache es, damit ich eine Medaille gewinne. Das ist eine Belohnung, die man von außen bekommt. Nichts, was mich von innen heraus antreibt. Das sind andere Dinge: Spaß, Befriedigung, etwas für meinen Selbstwert.

Das verstehe ich nicht: Die Belohnung von außen ist nicht so wichtig, dafür nimmst du dir die Kritik von außen umso mehr zu Herzen? Die Kritik von außen ist ja meist dann da, wenn es auch Kritik von innen gibt. Das ist dann das Problem. Wenn ich völlig souverän sage: Hey, ich bin super. Die haben alle keine Ahnung, dann könnte ich da drüber- stehen. Aber wenn diese Kritik auf mein negatives Gefühl trifft, dann ist es schwer, das nicht ernst zu nehmen.

Du hattest 2003 dieses Angebot des Präsidenten vom AC Perugia aus der ersten italienischen Männerliga. War das damals die reelle Chance, als Frau in eine Männerdomäne einzubrechen? Der Typ hätte mir das Geld gezahlt. Er hätte das ziemlich cool gefunden, wenn er es geschafft hätte, eine Frau in seine Mannschaft zu kriegen. Aber sportlich war es nicht interessant.

Aber finanziell. Ich hätte mit einem Male so viel verdienen können wie in meiner gesamten Karriere. Klar überlegt man sich das dann auch.

Bist du froh, dass du abgesagt hast? Ja. Es hätte zu dem Moment auch nicht gepasst. Ich war Mitte 20, Olympia stand vor der Tür, da hatte ich fußballerische Ambitionen. Da hatte ich mir nicht vorstellen können, als Attraktion in einen italienischen Männerverein zu wechseln.

Würdest du heute anders entscheiden? Heute könnte ich mir das vorstellen. Doch mit der WM 2011 wäre das eh ausgeschlossen.

Würdest du dich als Frau in eine solche Männergruppe wirklich reintrauen? Ich glaube, ich hätte keine Angst vor den Männern.

Das spricht für dich. Die würden schon auf mich aufpassen.

Und wie ist es andersrum für die Männer im Frauenfußball? Die Frauenfußballwelt ist schon anders.

Erklär sie uns mal. Frauen ticken anders. Man muss als Trainer im Frauenbereich kommunikativ sein. Auf eine andere Art, als man es im Männerbereich sein muss.

Es werden viel mehr Fragen gestellt? Nein, es ist eine andere Art des Umgangs. Frauen wollen schon alles genau erklärt haben.

Männer brauchen also weniger Erklärungen? Ich glaube, dass Männer, gerade im Fußball, andere Umgangsformen pflegen. Die Kommunikation ist im Männerbereich ­direkter als bei Frauen.

Das klingt positiv. Ja, ist es auch.

Wie ist denn die Kommunikation im Frauenbereich? Manchmal ein wenig über Umwege.

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Das Interview stammt aus dem Buch "1:1. 30 Fußballidole im Gespräch" von Klaus Smentek und Dirk von Nayhauß. Verlag Delius Klasing, 189 Seiten, 29,90 Euro.

Birgit Prinz

Geboren am 25.10.1977 in Frankfurt am Main Größe 1,79 m, Gewicht 79 kg

Ihre Vereine: 1986 – 1988Germania Dörnigheim 1988 – 1992FC Hochstadt 1992 – 1998FSV Frankfurt 1998 – 8/98SG Praunheim 8/98 – 5/021. FFC Frankfurt 6/02 – 8/02Carolina Courage 9/02 – 3/031. FFC Frankfurt 4/03 – 9/03Carolina Courage seit 10/20031. FFC Frankfurt

Ihre Einsätze/ihre Tore: 204 A-Länderspiele126 Bundesligaspiele sind statistisch nicht komplett erfasst

Ihre Erfolge: Weltmeisterin 2003 und 2007, Europameisterin 1995, 1997, 2001, 2005 und 2009, UEFA-Cup-Siegerin 2002, 2006 und 2008, Deutsche Meisterin 1995, 1998, 1999, 2001, 2002, 2003, 2005, 2007 und 2008, DFB-Pokal-Siegerin 1995, 1996, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2007 und 2008, US-Meisterin 2002, WM-Rekordtorschützin (14 Tore), Bundesliga-­Torschützenkönigin 1997, 1998, 2001 und 2007, Weltfußballerin des Jahres 2003, 2004 und 2005, achtmalige Fußballerin des Jahres in Deutschland (2001 bis 2008)

Ihre Turniere: WM 1995 (Zweite), 1999 (Viertelfinale), 2003 (Weltmeisterin) und 2007 (Weltmeisterin), EM 1995 (Europameisterin), 1997 (Europameisterin), 2001 (Europameisterin), 2005 (Europameisterin) und 2009 (Europameisterin), Olympia 1996 (Vorrunde), 2000 (Dritte), 2004 (Dritte) und 2008 (Dritte)


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