Wiebke Rösler: "Die Heftigkeit hat mich überrascht"

Kaum ein Politiker hat in letzter Zeit so viel einstecken müssen wie Vizekanzler Philipp Rösler. Wie geht seine Frau damit um? Ein Gespräch mit der Ärztin Wiebke Rösler.

Philipp und Wiebke Rösler sind seit 2002 verheiratet und seit 2008 Eltern von Zwillingen

BRIGITTE: Anfang des Jahres wurde Ihr Mann mit Häme geradezu überschüttet. Wie hält man das aus?

Wiebke Rösler: Seit der Niedersachsen-Wahl hat sich das ja zum Glück geändert. Aber klar, vorher war es nicht einfach. Da hilft es, nicht alles zu lesen.

BRIGITTE: Trauen Sie sich das jetzt wieder?

Wiebke Rösler: Ja, aber es ist auch eine Zeitfrage. Ich langweile mich den Tag über ja nicht. Aber natürlich versuche ich, mich auf dem Laufenden zu halten.

BRIGITTE: Ruft er Sie auch mal an und beschwert sich, wenn alle so gemein sind?

Wiebke Rösler: Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich jemals beschwert hat. Er war immer sehr zuversichtlich.

BRIGITTE: Und Sie hatten wirklich nie das Gefühl: Jetzt schmeiß doch den ganzen Kram einfach hin?

Wiebke Rösler: Das wäre ja noch schöner! Und es gibt ja auch keinen Grund dafür.

BRIGITTE: Sie sind erstaunlich gelassen. Ist das norddeutscher Pragmatismus?

Wiebke Rösler: Zugegeben: Manchmal hat mich die Heftigkeit der öffentlichen Bewertungen überrascht. Allerdings war klar, dass vieles von dem, was gesagt oder geschrieben wurde, nicht der Realität entsprach. Wenn man das weiß, sieht man vieles gelassener.

BRIGITTE: Wie sieht eigentlich ein normales Wochenende bei den Röslers aus?

Wiebke Rösler: Philipp kommt, wenn möglich, am Freitag so aus Berlin zurück, dass er unsere vierjährigen Zwillingstöchter noch ins Bett bringen kann. Das ist ungefähr um 20 Uhr. Am Samstag haben wir dann gemeinsam Zeit. Da treffen wir Freunde, machen den Wochenendeinkauf und lassen den Tag abends ruhig ausklingen. Am Sonntag muss er dann häufig schon wieder los, manchmal auch eher.

BRIGITTE: Also ist nichts planbar?

Wiebke Rösler: Ich bekomme immer Anfang der Woche seinen Kalender für die nächsten zwei Wochen, dann kann ich planen (lacht).

BRIGITTE: Nervt das nicht?

Wiebke Rösler : Nein, ich stehe voll und ganz hinter Philipp. Ich glaube, wir haben uns beide bewusst keinen Partner ausgesucht, der darauf wartet, dass der andere um 16 Uhr nach Hause kommt. Und wenn jemand viel Verantwortung übernommen hat, geht es halt nicht anders. Das versuche ich auch den Kindern zu vermitteln.

BRIGITTE: Sie selbst arbeiten ja als Ärztin in einer Klinik. Wie organisieren Sie das alles?

Wiebke Rösler: Ich arbeite von 8.30 Uhr bis offiziell 13 Uhr, aber meistens bleibe ich länger.

BRIGITTE: Die typische Teilzeitfalle...

Wiebke Rösler: Aber selbst gewähltes Schicksal. Mir macht meine Arbeit Spaß, und ich lerne im Moment sehr viel.

BRIGITTE: Und die Kinder sind beim Au-pair?

Wiebke Rösler: Nein, die sind in der Kita. Ich hole sie am Nachmittag ab. Aber wir haben auch wirklich eine tolle Familie im Rücken. Meine Eltern und meine zwei Schwestern springen ein, wenn es nötig ist.

BRIGITTE: War das auch ein Grund, nicht mit nach Berlin zu gehen?

Wiebke Rösler : Ja. Wir haben natürlich mehrfach darüber nachgedacht. Aber hier in Hannover ist unsere Heimat, hier leben unsere Freunde. Und ich würde meinen Mann in Berlin ja auch nicht häufiger sehen. So ist es zumindest planbar: Von Montag bis Freitag ist er weg. Punkt.

BRIGITTE: Sie sind nach einem Jahr wieder in Ihren Job eingestiegen. Mit Zwillingen recht sportlich, oder?

Wiebke Rösler : Ich wollte meinen Facharzt in Innerer Medizin machen und jetzt die Weiterbildung in Hämato-Onkologie. Das hat mich natürlich motiviert.

BRIGITTE: Was machen Sie da genau?

Wiebke Rösler: Ich beschäftige mich mit der Behandlung von bösartigen Tumoren.

BRIGITTE: Vorher haben Sie als Palliativ-Medizinerin gearbeitet, das heißt mit Menschen, denen nicht mehr zu helfen ist ...

Wiebke Rösler: Das ist so nicht ganz richtig. Wir können nicht alle heilen, aber helfen können wir schon. Ich kann dazu beitragen, dass jemand die Zeit, die ihm noch bleibt, nach seinen Wünschen verbringen kann.

BRIGITTE: Ihr Wiedereinstieg in den Beruf war allerdings nicht ganz einfach - Sie haben sich in dem Zusammenhang einmal über veraltete Strukturen im Medizinbereich beklagt. Haben Sie deswegen die Klinik gewechselt?

Wiebke Rösler: Das hatte mehrere Gründe. Früher habe ich ganztags in einer Klinik gearbeitet. Das wollte ich ändern. Zudem wollte ich mich weiterentwickeln. Jetzt arbeite ich an der medizinischen Hochschule.

BRIGITTE: Mit besseren Teilzeit-Konditionen?

Wiebke Rösler: Der damalige Präsident der Hochschule war bekannt dafür, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu stärken. Das macht viel aus und fördert das Verständnis für Teilzeit-Jobs. Außerdem habe ich jetzt Chefs mit kleinen Kindern, die in einer ähnlichen Lebenssituation sind wie ich.

BRIGITTE: Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Politik diesbezüglich noch ändern?

Wiebke Rösler: Das ist zuallererst ein Thema, bei dem sich beide Partner verständigen müssen. Wenn beide arbeiten gehen, muss das von beiden getragen werden. Das gilt im Übrigen auch, wenn nur einer arbeitet. Das soll jeder selber entscheiden. Was mich nervt, ist dieses Einteilen in Schwarz und Weiß.

BRIGITTE: Was meinen Sie genau?

Wiebke Rösler: Vollzeitmütter gegen Teilzeitmütter und dann alle zusammen gegen Mütter, die ganz zu Hause bleiben. Diese Diskussion hilft niemandem. Besser wäre es, Familien - und ich sage bewusst Familien, nicht Frauen - in den Mittelpunkt zu stellen, bei denen das gewünschte Lebensmodell funktioniert. Aber ich habe selbst erst lernen müssen, da entspannter zu sein.

BRIGITTE: Wurden Sie schief angeguckt, als Sie wieder anfangen wollten zu arbeiten?

Wiebke Rösler: Manche Bedenken von Arbeitgeberseite haben mich schon überrascht. Ich hatte da mehr Offenheit erwartet. Es ist doch eigentlich toll, wenn gut ausgebildete Frauen wieder in den Beruf einsteigen wollen. Gerade in der Medizin ist es nicht einfach, qualifizierte Fachkräfte zu finden.

BRIGITTE: Wie stand Ihr Mann zu Ihrem Wiedereinstieg?

Wiebke Rösler: Er steht voll hinter mir und hat mir immer zugeredet, wenn es darum ging, meinen Beruf wieder aufzunehmen, weil er wusste, dass es mir wichtig war.

BRIGITTE: Kann er denn Privatleben und Arbeit gut trennen?

Wiebke Rösler: Wir haben da zwei Mitbewohner, die schon dafür sorgen, dass sie nicht zu kurz kommen...(lacht).

BRIGITTE: Sie haben sich über die FDP kennen gelernt. War Ihnen damals schon klar, dass er mal so eine Karriere macht?

Wiebke Rösler: Nein. Als ich ihn kennen lernte, war ich 16, da macht man sich über so was keine Gedanken.

BRIGITTE: Sie fanden ihn aber schon da ziemlich gut und dachten: Der isses!

Wiebke Rösler: Ja nun, mit 16. . . (lacht). Aber es war ja richtig! Zusammengekommen sind wir allerdings erst später, als ich 19 war.

BRIGITTE: Was hat Sie so an ihm fasziniert?

Wiebke Rösler: Abgesehen von den Dingen, die im Unterbewusstsein ablaufen, war sehr schnell klar, dass wir grundsätzliche Einstellungen und Interessen teilen. Die Politik auf der einen und die Medizin auf der anderen Seite. Zudem ist er sehr humorvoll und ein wahnsinnig loyaler Mensch. Das schätze ich sehr.

BRIGITTE: Fliegen im Hause Rösler auch mal die Fetzen?

Wiebke Rösler: Selten. Es wäre sicher merkwürdig zu behaupten, dass wir uns nie gestritten haben. Denn gerade wenn man Kinder hat, prallen manchmal unterschiedliche Erziehungsvorstellungen aufeinander. Aber das kriegen wir ganz gut hin.

BRIGITTE: Sie haben mal gesagt, dass Sie dazu neigen, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Ist das der Trick für so viel Harmonie und Entspanntheit?

Wiebke Rösler: Na ja, ich glaube, da muss man unterscheiden. Im Alltag lege ich viel Wert auf Organisation, das geht nicht ohne. Anders ist es, wenn es etwa die berufliche Zukunft betrifft. Vieles von außen kann ich gar nicht beeinflussen. Da hilft eine gesunde Portion Gelassenheit. Und wissen Sie, am Ende des Tages liegen wir alle gesund in unserem Bett und haben uns. Wenn man es darauf runterbricht, ist das Leben ziemlich lebenswert.

Interview: Nikola Haaks Fotos: Imago
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