"Natürlich bin ich eine Feministin"

Nur ausgewählten deutschen Medien gewährte Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton zum Erscheinen ihres neuen Buches ein Interview. Ihre Wahl fiel auch auf die BRIGITTE. Chefreporterin Meike Dinklage über einen ungewöhnlichen Besuch in New York.

Ich flog mit dem schwersten Handgepäck meines Lebens: "Entscheidungen" ist ein 900-Seiten-Wälzer und covert nahezu alle Schauplätze, auf denen sich Hillary Clinton in ihrer Zeit als Außenministerin zwischen 2009 und 2013 bewegt hat – mithin: die ganze Welt. Das Buch beginnt damit, wie sie sich nach ihrem erbitterten Vorwahlkampf gegen Barack Obama mit ihm zusammenraufte und sein Angebot annahm, Außenministerin in seinem Kabinett zu werden, und führt die Leser über China, Burma, Afghanistan und Pakistan an die politischen Brennpunkte im Nahen und Mittleren Osten.

Ein Kapitel widmet sie den Frauen – es ist im Ton leichter als die anderen, und als ich ihr schließlich im schicken Peninsula Hotel an der 5th Avenue gegenübersitze, erzählt sie, dass ihr das Kapitel tatsächlich am leichtesten gefallen ist. Sie lacht und sagt, sie nutze halt jede Gelegenheit, um immer wieder zu erklären, "warum Gleichheit und Teilhabe von Frauen essenziell sind für jedes Land".

Frauenrechte sind Menschenrechte

Hillary Clinton trägt einen graugrünen Hosenanzug, dazu ein buntes Tuch, das sie sich um die Schultern gelegt hat, sie sieht entspannt aus und ihre Züge sind straffer als in den letzten Monaten ihrer Zeit als Außenministerin. Sie ist gut gelaunt. Ich erkläre ihr, dass ich mit ihr vor allem über Frauenthemen reden möchte, und sie sagt: "Danke, dass Sie sich speziell dafür interessieren!"

Ich frage sie, ob sie von sich sagen würde, dass sie Feministin ist: "Ja, natürlich", antwortet sie. Es sei nicht sehr schwierig für sie gewesen, diese Position auch in ihrer Zeit als Außenministerin zu vertreten. "Nicht für mich", sagt sie, weil sie ja schon dafür bekannt war zu propagieren, dass Frauenrechte Menschenrechte sind und Menschenrechte Frauenrechte – so hatte sie es auf der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking formuliert, der Satz war berühmt geworden.

Auch sie hat erlebt, dass Frauen in der Politik für Männer eine Bedrohung sind. Das gelte auch im Geschäftsleben und anderen gesellschaftlichen Bereichen. "Aber in der Politik ist es besonders schwer, etwas zu verändern, auch hinsichtlich der Bereitschaft der Frauen selbst, Führung zu übernehmen."

"Die Wirtschaft leidet, wenn man Frauen ausschließt."

Die Lage der Frauen habe sie "zu einem Kernstück der amerikanischen Außenpolitik gemacht." Sehr hilfreich sei gewesen, "immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Wirtschaft leidet, wenn man Frauen ausschließt. Mit dem Argument habe ich die Aufmerksamkeit der politischen Führer bekommen."

Ihr Buch heißt im amerikanischen Original "Entscheidungen" – "Hard Choices", also "Schwere Entscheidungen". Ich frage sie, ob sie bei schweren politischen Entscheidungen auf ihre Intuition hört. Ja, sagt sie und erzählt von der Erstürmung des Anwesens von Osama Bin Laden 2011. "Ich kannte die Hinweise zu seinem Aufenthaltsort genau, ich hatte lange darüber nachgedacht, und ich hatte das Gefühl: Er ist da. Andere sagten auf Grundlage derselben Hinweise, sie seien nicht sicher. Ich sagte: Wisst ihr, dieses festungsähnliche Haus, die Leute, die wir gesehen haben... Ja, ich glaube, er ist da, wir sollten handeln."

Meike Dinklage flog für das Interview nach New York, um Hillary Clinton zu treffen.

Nicht immer habe man ein so klares Gefühl. "Es ist wie Kaffee machen: Man muss eine Entscheidung sickern lassen, man weiß nie genau, wann sie fertig ist. Ich habe manche Entscheidung falsch getroffen. Information und Intuition haben nicht funktioniert. Aber daraus lernt man."

Im Herbst bekommt ihre Tochter Chelsea, 34, ihr erstes Kind, Hillary Clinton hat lange darauf gewartet und keinen Hehl daraus gemacht, wie sehr sie sich wünschte, Großmutter zu werden. "Ich bin begeistert von der Vorstellung!", sagt sie. Was für ein Typ Großmutter sie wohl werde? "Ich muss es erleben, bevor ich es weiß. Ich glaube, Großeltern versorgen ein Kind mit einem größeren Set an Erfahrungen. Ich weiß von meinen Freunden, die schon Großeltern sind, dass es eine wunderbare Zeit im Leben ist, und ich kann kaum erwarten, daran teilzuhaben."

Unsere Zeit ist um, draußen wartet der nächste Interviewer, ein Kollege aus den Niederlanden, der mir vorher in der Hotellobby erzählt hat, er habe vor lauter Aufregung die ganze Nacht nicht geschlafen. Natürlich war auch ich mit erhöhtem Puls in das Gespräch gegangen, aber der normalisierte sich nach der ersten Frage – denn Clinton, von der es immer heißt, sie könne sehr schroff werden, war so entspannt, als würde sie eine neue, sympathische, unehrgeizige Seite von sich zeigen wollen. Man kann überlegen, inwieweit das in die Strategie zur Vorbereitung einer möglichen Kandidatur zur US-Präsidentschaft passt – fast 70 Prozent der Anhänger der Demokraten jedenfalls wünschen sie sich als Kandidatin, und sie liegt in landesweiten Umfragen 12 Punkte vor Jep Bush, dem wahrscheinlichsten Kandidaten der Republikaner. Sie wäre sicher keine schlechte Wahl.

Text: Meike Dinklage
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