Irak-Krieg: Wenn die große Liebe als verkrüppelter Veteran zurückkehrt

Kann man jemals aufhören zu weinen, wenn man erst 20 ist, zwei kleine Kinder hat und einen Ehemann, der als Veteran mehr tot als lebendig aus dem Irak-Krieg zurückkommt? Abby Jackson hatte die Kraft dazu.

Interview mit Annett Heide, Journalistin und Buchautorin in New York: "Amerika hat sich verändert, als die ersten Toten zurückkehrten."

Der Zweite Irak-Krieg - die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten

Der Mann, den Abigail Jackson dort liegen sah, im vierten Stock dieses mächtigen Militärkrankenhauses in San Antonio, Texas, hatte keine Beine mehr und nur noch eine halbe Nase. Er konnte nicht hören und nicht sehen und Haare hatte er auch nicht. Die Haut des Mannes war schwarz und klebrig und blasig, rohes Fleisch blickte darunter hervor. Er war am Leben, seine Brust hob sich leicht, wenn er mit Hilfe eines Geräts atmete. Der Mann in Zimmer 401 war, sie sagt das mit Respekt, ein verkohlter Krüppel auf dem Weg ins Jenseits. Er war ihr Ehemann.

Mehr als ein Jahr später sitzt Specialist Robert Jackson, 23, BJ, wie ihn alle nennen, an einem milden Wintertag auf einem schwarzen Ledersofa in seinem kleinen Wohnzimmer in Des Moines, Iowa, und hantiert an seinen Beinprothesen herum. Den oberen Teil hat er mit Comicbildern beklebt, die Füße, wenn man so will, stecken in großen schneeweißen Turnschuhen, die er zum Geburtstag bekommen hat, aber eine Schraube ist kaputt und deshalb zischen die Prothesen bei jedem Schritt wie ein geplatzter Fahrradschlauch.

Weihnachts-Shopping: Der optimale Zeitpunkt, um deine Geschenke zu besorgen

"Eigentlich sind das gute Prothesen", sagt BJ, "aus Deutschland. Otto Bock. Kennen Sie die Firma? Abby, wo sind die neuen?" Abby, wie sie alle nennen, holt die neuen Prothesen, sie sind auch von Otto Bock aus Deutschland. BJ hat die neuen Prothesen mit Bildern von Feuerwehrleuten am Ground Zero beklebt, aber sie machen ihn sieben Zentimeter größer als die 1,88 Meter, die er mal war, seine Hosen sind mit ihnen zu kurz, und wie sieht das bitte aus? BJ wirft die neuen Prothesen, Paar Nummer sechs, in die Ecke und schnallt Paar Nummer fünf wieder an. Sollen sie eben zischen.

Sie muss ihn tragen - zur Toilette, unter die Dusche, überall hin

Abby, 22, sitzt auf dem Fußboden vor ihm in Jeans und T-Shirt, eine hübsche, mädchenhafte Person mit langen braunen Haaren, und lackiert ihren Töchtern gelassen die Fußnägel. Sie hat heute schon 244 Dollar für die Geburtstagsparty ihrer älteren Tochter ausgegeben, den gebrochenen Finger ihrer jüngeren Tochter röntgen lassen, die Kotze ihres jungen Hundes aus dem Auto gewischt und ihren Mann aus dem Bett zur Toilette getragen und in die Dusche. Er wiegt 20 Kilo mehr als sie. Es ist drei Uhr nachmittags, gegessen hat sie noch nicht. Sie ist bester Laune und sagt: "Das ist das Leben. Das Leben ist nicht perfekt."

Fünf Tage bevor Abby ihren Mann in dem Militärkrankenhaus in Texas wiedersah, räumte sie gerade die Küche auf, als um 21.42 Uhr das Telefon klingelte. Es war ein Donnerstag und seit Tagen heiß. Ihr Mann sei durch eine Bombe verletzt worden und in kritischem Zustand, sagte eine fremde Frauenstimme, man werde ihr morgen Blumen bringen und mehr Informationen.

Abby war damals zwanzig, in jenem Alter, in dem andere Partys feiern, zu viel trinken und nicht vor Mittag aufstehen. Sie lebte in einer umgebauten Tankstelle außerhalb von Des Moines, der Hauptstadt Iowas. Sie hatte zwei Töchter, Brilynn und Hailey, beide nierenkrank, und seit vier Monaten einen Mann im Krieg. Abby hörte nicht viel von ihm. Einmal in der Woche rief er an, manchmal schrieb er in Briefen, wie heiß es im Irak sei, viel heißer als in Iowa, dass er viele Mückenstiche habe und Bonbons für irakische Kinder kaufe. Er schickte auch Fotos von den irakischen Kindern. Aber das, was sie in den Nachrichten hörte, klang nicht gut. Tote in Falludscha, Tote in Nadschaf, Tote am Rand von Bagdad, dort, wo BJ mit der 186. Militärpolizei-Kompagnie stationiert war.

Der Soldat im ausgebrannten Humvee war ihr Mann

Auch am Morgen des 7. August hatte Abby gleich nach dem Aufstehen den Fernseher angestellt. Sie sah einen ausgebrannten Humvee an einem Kran in Bagdad hängen und hörte, dass ein US-Soldat lebensgefährlich verletzt worden war. Und nun, zwölf Stunden später, hatte sie diese fremde Frau am Apparat, die ihr mitteilte, dass der Soldat im verkohlten Humvee ihr BJ gewesen sei. Abby fing an zu schreien. Die Frau hörte es nicht mehr, sie hatte aufgelegt.

Bis dahin war Abby der Krieg unwirklich erschienen. Hailey war gerade zwei Monate alt, als BJ, ihr blasser, noch bartloser Freund, ihr mitteilte, dass er in den Irak gehe. Dass seine Einheit ihn eigentlich nicht mitnehmen wollte, er aber so lange gebettelt habe, bis sie sich erweichen ließen. Irak, dachte sie. Wir haben zwei kleine Töchter. Du bist 21. Wir sind gerade der Pubertät entlaufen. Krieg? Jetzt? Und wo? Irak? Was willst du im Irak? Er sagte: "Mein Vaterland verteidigen." Abby kannte diese Haltung. Dem Vaterland zu dienen, ist eine der höchsten Ehren hier in Iowa, im Herzen Amerikas, wo die Menschen sonst vom Weizen leben und von dem, was das flache Prärieland hergibt.

Sie fragte sich, ob dieser Krieg Sinn macht. Wieso riskieren junge Männer ihr Leben in einem Krieg, den der Präsident einfach so beschließt? Sie weiß noch, wie sie das immer wieder mit BJ diskutierte. Wie BJ sagte: "Der Krieg mag richtig oder falsch sein, aber wir haben ihn nun mal. Wenn ich nicht gehe, geht ein anderer, also gehe besser ich." Schließlich landeten sie an dem Punkt, an dem alle hier in Iowa landen: Der Mann entscheidet, die Frau verspricht zu warten.

Eine Woche, bevor BJ eingezogen wurde, heirateten sie. Sie machten sogar ihr Testament. Die Monate darauf waren nicht einfach für Abby, aber sie hatte Träume. Sie wollte neun Kinder, Krankenschwester werden und ein Leben auf dem Land, in einem großen Haus zwischen goldenen Weizenfeldern. Der Gedanke, dass BJ nicht zurückkehren könnte, kam ihr nicht. Er ist ja nicht direkt an der Front, dachte sie, er ist Militärpolizist und hilft den Irakern beim Wiederaufbau. Irgendwie wird er wieder vor mir stehen, vielleicht verändert, aber er wird doch mein BJ sein, hoffte sie.

Eine Phosphormine ging hoch, der Humvee brannte

Auf dem Weg ins Krankenhaus ging ihr zum ersten Mal ein anderer Gedanke durch den Kopf: Was ist, wenn er es nicht packt? Sie wusste noch nicht genau, was passiert war. Sie wusste nicht, dass BJ an jenem Morgen früh aufgebrochen war, es war sein erster freier Tag seit Monaten, um in einem Basar eine Barbiepuppe für Brilynn zu kaufen. Er stieg gerade wieder in den Humvee, als die Phosphormine hochging. Der Humvee wurde brennend in die Luft geschleudert, BJs linkes Bein flog auf die Straße, das rechte wickelte sich um das Bremspedal. »Becker hat mich rausgezogen«, sagt BJ. "Er musste meine Bänder durchreißen, um mich rauszukriegen. Mein Kumpel Becker hat mir das Leben gerettet." Erinnert er sich an irgendetwas davon? "Nichts, ich weiß noch nicht mal, was ich vor dem Unfall gemacht habe, meine Kumpel haben mir später alles erzählt. Obwohl ich nicht bewusstlos war, mein Sergeant hat drei Stunden lang auf mich eingeredet."

Dann wurde BJ nach Kuwait transportiert, wo man ihm das rechte Bein abnahm, einen Tag später weiter nach Landstuhl in Deutschland. 24 Blutinfusionen bekam er in dieser Zeit, er hatte schwerste Verbrennungen. Das Ärzteteam aus San Antonio, das ihn heim fliegen sollte, stand zunächst ratlos an BJs Bett. Sie hatten noch nie einen wie ihn transportiert. Kann man einen wie ihn, fragten sie sich, überhaupt transportieren?

Abbys erste Gedanken auf der Intensivstation waren: Gleich flippe ich aus. Oder wird mir schlecht? Oh, gleich wird mir schlecht. Aber dann dachte sie: Das ist er, mein BJ. »Er hat so rote Linien auf den Augenlidern, die waren immer noch zu sehen«, sagt sie. »Wir wissen nicht, ob BJ es schafft«, sagten die Ärzte. Er schafft es, dachte sie, wenn es einer schafft, dann BJ. Seine Fingernägel sind schwarz und blutverkrustet, ich muss sie sauber machen. War sie nicht schockiert? "Nein, überhaupt nicht. Ich war glücklich, ihn lebend zu sehen." Gab es keinen größeren Moment des Entsetzens? "Nein", sagt sie und lacht, "das versteht kein Mensch, ich weiß. Aber für mich und BJ ist der 7. August, der Tag des Unfalls, ein Feiertag." Sie nennen ihn "den Beginn unseres neuen Lebens", und am ersten "Jahrestag" sind sie tanzen gegangen. Abby tanzte wild, mit BJ auf den Armen, ihre Jeans zerriss. Sie zog sie einfach aus, drückte sie dem verblüfften Gastwirt in die Hand und sagte: "Hier, schenke ich dir." Heute ist die Jeans an die Decke der Kneipe genagelt.

BJs Tochter schlägt auf ihn ein: "Wo ist Dad?"

Als BJ sechs Wochen nach dem Unfall aus dem Koma erwachte, wog er nur noch 60 Kilo und konnte nicht sprechen. Seine Stimmbänder waren gelähmt und blieben es weitere fünf Monate. Wenn er etwas sagen wollte, sollte er schreiben, aber er konnte auch nicht mehr schreiben mit seinen von Phosphor zerfressenen Händen. Nach wenigen Tagen schon bewarf er die Krankenschwestern mit den Kugelschreibern, die sie ihm reichten.

Abby stand an seinem Bett, auf der linken Seite, immer auf der linken Seite, seiner starken Seite, wie sie glaubte. Seine Beinstümpfe waren mit einer Art Brett verschraubt, auf dem die Ärzte ihn noch im Koma aufgerichtet hatten, um sein Gleichgewichtsgefühl zu sichern. Ohne das Brett wäre er umgekippt beim ersten Aufstehen im Wachzustand. Aber BJ nahm das Brett gar nicht wahr: "Wo ist Brilynn?", tippte er auf eine Buchstabentafel, mit der die Physiotherapeuten die Kugelschreiber ersetzten. "Sie ist bei Großmutter", antwortete Abby.

Als Brilynn zum ersten Mal in BJs Zimmer stand, schlug sie auf ihn ein und fragte: "Wo ist Dad?" Am Abend verprügelte sie mit ihrer Barbiepuppe Barbies Ehemann Ken. Sie hatte ihn mit Wachsmalstiften geschwärzt, er sei gerade aus dem Krieg zurückgekehrt und sei zu nichts zu gebrauchen, erklärte sie Abby. Abby nahm ihre Tochter in den Arm und sagte, das sei nur in Barbies Welt der Fall, nicht bei Papa.

Wenige Tage später erschien der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld an BJs Bett und heftete ihm den Verdienstorden Purple Heart an die Brust. BJ stand aufrecht, mit Hilfe, auf dem Brett, es war sein ausdrücklicher Wunsch. Dann wurden die Stummel seiner Beine freigelegt. "Das war schlimm", sagt BJ. "Ich sah diese Stummel und dachte: Wie soll ich damit meinen Töchtern schwimmen beibringen? Ich wollte es sein, der ihnen schwimmen beibringt." War das der schlimmste Moment? "Ja, vermutlich", sagt BJ. Mehr sagt er nicht. Er redet nicht gerne über schlimme Momente. Oder über Schmerzen. Oder ob es wackelig ist, auf Prothesen zu laufen.

Davon redet nur Abby. Sie war neun Monate lang Tag für Tag an seinem Bett. Sie wohnte in der Fisher House Foundation, einem Haus für Angehörige im Militärkrankenhaus San Antonio, das bald nach BJs Einlieferung so überfüllt war, dass es keine Angehörigen mehr aufnehmen konnte, und hatte ihre Kinder nachkommen lassen. In Iowa gab sie solange alles auf.

Während die Mädchen im Kindergarten des Krankenhauses spielten, stand Abby bei 38 Grad an BJs Bett und schwitzte. In langen Jeans. Sie wollte nicht, dass er Beine sieht. Einmal warf sie zur Unterhaltung ein Video ein, Ladder 49, einen Feuerwehrfilm, "das war unbedacht und gemein von mir, ihm als Erstes Feuer vorzuführen". Sie holte danach nur noch Filme, die in Chicago, London oder Buenos Aires spielten, aber weder Feuer enthielten noch die arabische Welt. Mittags legte sie ihm Mango und Wassermelone in den Mund, zum Schmecken, schlucken konnte er nicht. Später, während des Interviews, als BJ die Mädchen zu Bett bringt und ihnen eine Geschichte vorliest, fragt Abby unvermittelt: "Wissen Sie, wie gegrilltes Hühnchen aussieht?"

BJ muss ständig würgen, wenn er an den Irak denkt

Sie sitzt auf einem ihrer beiden großen schwarzen Ledersofas, die mit dem riesigen Fernseher und dem riesigen Hundekorb konkurrieren. Indianerstatuen stehen daneben, große Indianerbilder hängen an der Wand, Abby und BJ glauben an die beruhigenden Kräfte indianischer Götter. "So sah BJ aus. Schwarz. Verkohlt." Seitdem isst sie kein Hühnchen mehr. Kriegt es einfach nicht runter, sie würgt dann wie BJ, der ständig würgen muss, wenn er an den Irak denkt, weshalb die Ärzte ihm eine besondere Schlucktechnik beigebracht haben, um diese Momente zu überspielen. Sie kocht auch nicht mehr in ihrer lilafarbenen Küche mit den vielen Pfannen über dem Herd, alles, was zu Hause mit Hitze verbunden ist, macht sie nervös. Sie muss eigentlich auch nicht mehr kochen. Noch immer erhalten sie Geschenkkörbe voller Früchte und Lebensmittel, von Fremden, die BJ für seinen Einsatz danken, manchmal passen sie kaum in den Kühlschrank.

Im Kinderkrankenhaus von Des Moines, in dem Abby an diesem Dezembermorgen 2005 den eingeklemmten Finger ihrer Tochter röntgen ließ, flüsterte eine Frau im Wartezimmer ihr zu: "Ihr Mann, das ist doch der BJ Jackson." Sie deutete heimlich auf BJ, der auf der Wartebank saß. Abby drückte ihr lächelnd die Hand wie eine First Lady. Auch das ist Amerika. Nicht jeder Amerikaner mag den Krieg unterstützen, aber sie ehren dennoch die Soldaten. "So habe ich mir das Leben mit 23 natürlich auch nicht vorgestellt", sagt BJ, nachdem er seine Töchter zu Bett gebracht hat, "ohne Beine, mit Glatze, in Rente. Aber ich kann jetzt auch nicht den ganzen Tag rum sitzen und heulen."

Bei Vorträgen reicht BJ seine Prothesen herum - zur Auflockerung

Es klingelt, Tim steht vor der Tür, BJs bester Freund. Er will ein bisschen reden, hat Bier mitgebracht und will pokern. BJ kann keine Karten mehr halten mit seinen papierdünnen Fingern, deshalb spielen sie Videopoker. "Abby", ruft BJ plötzlich, "Abby, irgendwas klemmt zwischen meinen Zehen!" – "Oh Schatz, deine Socke", antwortet Abby wie selbstverständlich, beugt sich über seinen Stumpf und zieht kommentarlos und imaginär die Socke aus dem imaginärem Fuß. Phantomschmerzen. Tim spielt weiter und sagt nichts. Während seiner öffentlichen Vorträge behauptet BJ, er habe keine Phantomschmerzen. Er reicht dann lieber seine Prothesen durchs Publikum, "das lockert die Stimmung".

30 333 Soldaten wurden bis zum Juni 2008 im Irak nachoffiziellen Angaben verletzt, 4094 wurden getötet, beide Zahlen sind nicht mehr aktuell, jeder Tag fordert Opfer in diesem Krieg. Die Zahl der irakischen Opfer lässt sich schon gar nicht festlegen – hunderttausend? Eine Million? Sie schwirren im Internet herum. Sie lassen sich einsetzen, missbrauchen, je nach Gesinnung. Welchen Zahlen soll man glauben?

"Vor BJ habe ich nie geweint", sagt Abby. Doch manchmal musste sie während des Krankenhausaufenthalts in San Antonio raus rennen, sie gehe eine rauchen, sagte sie dann schnell, und schon auf dem Weg aus dem Zimmer strömten ihr Tränen über das Gesicht. Einmal traf sie auf dem Parkplatz draußen einen einbeinigen Soldaten im Rollstuhl. "Hey, wie fühlt sich das an ohne Bein", fragte sie ihn. "Was ist denn das für eine unhöfliche Frage?", erwiderte er. "Erstens", antwortete Abby, "bin ich nicht blind, und zweitens hat mein Mann gerade beide Beine verloren, ich dachte, vielleicht können Sie mir sagen, wie er sich jetzt fühlt." Der einbeinige Soldat besuchte BJ von da an regelmäßig. Er führte ihm seine Prothese vor, "guck, ich kann gehen, das wirst du auch können". "Du gehst nicht", antwortete BJ nüchtern, "du stehst auf Krücken." Darauf schleuderte der Soldat die Krücken weg und ging. Alleine. Bis heute.

"Abby war meine beste Unterstützung und härter als jeder andere", sagt BJ. "Härter als mein Physiotherapeut. Wenn der sagte, du bist fertig, entgegnete Abby: Nein, ist er nicht." "Ja, natürlich", unterbricht Abby, "was bitte hätten dir dreißig Minuten Physiotherapie pro Tag gebracht?" Also stachelte sie ihn an: "Komm, das kannst du besser. Weiter, BJ, weiter. Wenn du nach Hause kommst, will ich, dass du gehst. Das Material dafür gibt es. Mach es." Wo hat sie sich Kraft geholt? "Bei BJ", sagt sie ohne Zögern. "Ich habe nie etwas verheimlicht. Ich habe ihm zum Beispiel gesagt, dass ich den Rollstuhl nicht leiden kann. Ich auch nicht, hat er geantwortet, alle gucken mich darin so mitleidig an. Das ist der Punkt, habe ich gerufen. Es ist doch viel cooler, wenn du in Shorts und Prothesen herumläufst. Dann denken die Leute, wow, was ist das für ein Kerl!"

Nach neun Monaten wurde Robert Jackson aus dem Krankenhaus entlassen, aufrecht, auf Prothesen aus Titan und Carbon, wie sie die Sieger der Paralympics tragen. Das erste Paar hatte Abby den Ärzten zurückgegeben. "Mit diesen Gurken können wir nichts anfangen", sagte sie, "sind die noch aus Vietnam?"

Die Fotos zeigen einen Krüppel - und ungebrochenen Mann

Es gab große Empfänge in Des Moines. "Welcome back", titelten die Lokalzeitungen, inzwischen sind sie alle da gewesen, die großen Nachrichtensender, die New York Times, Oprah Winfrey und auch Präsident George W. Bush. Abby blättert durch das Fotoalbum, in dem sämtliche Aritkel kleben. Am Anfang die Bilder von dem verkohlten Mann zwischen Leben und Tod, am Schluss die eines ungebrochenen Mannes. Er mag ein Krüppel sein, aber einer, der den zehntausend verletzten GIs des Irakkriegs Hoffnung gibt.

BJ sitzt auf dem Sofa und kratzt sich. Er müsste täglich sein Narbengewebe einkremen, aber dafür ist er zu faul. Seine Tochter Brilynn hüpft auf seinen Schuhen, Hailey auf seinem Schoß. Abby steht leicht geschminkt und ungeduldig daneben und wartet auf den Babysitter. Sie wollen Sushi essen gehen und Billard spielen, tanzen und Cola-Rum trinken. Sie sind Anfang zwanzig und wollen manchmal auch so leben.

Im vergangenen Mai hat BJ mit vier anderen Veteranen eine ehrenamtliche Organisation namens Coalition to Salute America’s Heroes gegründet. Sie haben ein buntes Faltblatt gedruckt, mit Soldaten und Maschinengewehren vorne drauf und dann Fotos von einem strahlenden BJ mit Prothesen. Im Namen der Organisation reist er nun durch Amerika und erzählt seine Geschichte, als Beispiel für das Opfer, dem es schlechter ging als allen anderen und das es trotzdem geschafft hat. In Schulen, vor Veteranen, vor Finanzberatern. Er will Mut machen.

Der Mordanschlag hat das Leben der Jacksons verändert. Abby will bald Psychologie studieren und nicht mehr Krankenschwester lernen, BJ würde am liebsten Sozialarbeit studieren, früher schuftete er im Landschaftsbau. Sie arbeiten daran. Sie leben jeden Tag, als wäre es ihr letzter. Sie waren Skifahren in Colorado, BJ festgeschnallt auf einem Monoski, sie waren in Disneyworld in Florida und im Sommer wollen sie zum ersten Mal das Meer sehen und Wasserski fahren. "Wir hatten schlimme Zeiten", sagt Abby. "Aber wenn du bei diesem Gedanken stehen bleibst, geht es nicht weiter."

Sie sind glücklich: Sie bereuen nichts

An Trennung haben sie nie gedacht. Die Armee hat gerade eine Untersuchung veröffentlicht, nach der 21 Prozent der Ehen von Soldaten, die im Krieg waren, geschieden werden. Abby denkt unverändert, dass es richtig war, dass BJ in den Krieg gezogen ist. Das denkt er auch selbst. Einer müsse den Kopf fürs Vaterland ja hinhalten. Sie bereuen nichts. Sie sind glücklich. Sie wollen immer noch neun Kinder. "Wir nehmen auch Pflegekinder, sie können auch gerne behindert sein", sagt Abby, "das passt zu unserer Familie."

Interview mit Annett Heide, Journalistin und Buchautorin in New York: "Amerika hat sich verändert, als die ersten Toten zurückkehrten."

Der Zweite Irak-Krieg - die wichtigsten Zahlen, Daten und Fakten

Text: Annett Heide Foto: iStockphoto.com mit freundlicher Genehmigung des Berliner Taschenbuch Verlag
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.