Warum immer mehr Frauen auf die Jagd gehen

Tiere zu töten ist für viele unvorstellbar. Dennoch erfährt das Jagen unter Frauen großen Zulauf. Autorin Antje Joel erzählt, was sie antreibt.

Als Jägerin werde ich Teil der Natur

Sicher, man kann die Natur auch genießen, ohne einem ihrer Bewohner ans Leder zu wollen. Man muss, um sich ihr verbunden zu fühlen, nicht zwingend durch den morgendlich noch düsteren Wald und mit düsterer Absicht schleichen. Fernglas vor der Brust. Knarre geschultert. Man muss nicht die wacklige Leiter zu einem Ansitz hochsteigen, sich auf das schmale, feuchte Holzbrett schieben, das Gewehr aufrecht zwischen den Knien, die Ohren gespitzt, so gut man sie eben als derart unnatürlich gewordene Kreatur noch spitzen kann, die über Generationen des Nichtnutzens unzulänglich gewordenen Augen ins Grau gerichtet. Endlose, reglose Stunden lang. Allein. Das alles muss man nicht machen, wenn man die Natur erleben will. Aber man kann. Und wenn, dann erlebt man sie wie sonst keiner. 

Besucher erleben die Natur nur aus der Distanz

"Ein Mann, der mit einem Gewehr durch den Wald streift, sieht und hört und riecht mehr als derselbe Mann mit einem Fernglas und einem Vogelbuch in der Hand", hat mir mal einer gesagt. Man kann in der Natur spazieren gehen. Man kann sie über Tage durchwandern. Nur erlebt man sie so eben ganz anders. Aus der Distanz. Als ein Besucher. Als einer, der irgendwie neben den Dingen steht. Vielleicht sogar: über ihnen. Auf jeden Fall, meine ich, ist man so nicht Teil der Natur. Nicht in letzter, entscheidender Instanz. 

Schon als Kind wollte ich jagen

Als Kind schlich ich regelmäßig hinaus in den Wald. Ich zwängte mich durch das Dickicht, wo es am dichtesten war. Ich suchte nach Fährten und Federn und Pflanzen. Ich sammelte Gewölle. Die grauen, mit Speichel zusammengeklebten Klumpen aus Haar und winzigen Knochen, die die Eulen nach ihrem Mäusemahl herauswürgen. Ich bog lange Ruten zu einer Art Halbkreis, spannte zwischen ihre Enden ein Stück Seil und spitzte Stecken. Ich fand die Kaninchenbauten und legte mich mit Bogen und Pfeilen bewaffnet vor ihnen auf die Lauer. Saß regungslos dort, über Stunden. Die Zeit vergessend. Mich selbst vergessend.

Wenn ich in diesen endlos kurzen Stunden noch etwas wusste, dann das: Ich konnte nicht gehen, bevor sich einer der Hasenartigen aus dem Loch gewagt und ich Beute gemacht hatte. Ist schon klar: Mein Überleben hing nicht davon ab. Nicht mehr. Nicht direkt. Nur etwas in mir brauchte das hier, um zu überleben.

Wir sind, immer noch, was wir über Jahrtausende waren: Jäger. Ob wir, Pfeil und Bogen im Anschlag, auf ein Kaninchen hoffen oder mit dem Handy bewaffnet ein Pokémon durch die Stadt jagen - wir folgen dem gleichen Instinkt. 

Meine erste richtige Jagd

Natürlich trabte ich irgendwann doch heim. Geschlagen, in Kälte und Dunkelheit. Hausarrest für vier Wochen! Nach einer Woche spätestens hatte ich das vergessen, und das Drama ging von vorne los. Hätte ich an dem Waldrand ausgeharrt, ohne meine Hoffnung auf Beute? Mitnichten! Ich hatte eine Absicht, mein Dasein einen Sinn. 

Mit 16 nahm mich das erste Mal einer mit auf die Jagd. Er war Koch in dem Hotel, in dem ich ein Küchenpraktikum machte. Wir schaukelten, in seine Suzuki-Geländekiste gezwängt, durch den Wald. Die Gewehre hielt ich zwischen meinen Knien. Dann pirschten wir durch das Dickicht, leise, leise, so gut ein Nichtmehrnatürlicher das noch kann. Und rauf auf den Ansitz.

Wieder saß ich über Stunden da. Wartend, schweigend. Diesmal mit dem Koch. Was, weil er nichts zu sagen hatte, genauso gut war, als säße ich allein da. Also ein Segen. Auch wenn (oder weil) wir nichts schossen. Nicht ein Mal. Aber wir hatten die Absicht. Unser Dasein hatte seinen Sinn. Das war es, was uns mit den Wesen in diesem Wald, mit der Natur vereinte. Wir lebten ein Leben weitgehend nach ihren Regeln. Wenn auch nur für die paar Stunden.

Warum Jagen mehr als einfach nur töten ist

Jagen, wie ich es verstehe, ist in erster Instanz nicht das Töten. Jagen ist Warten. Dasein. Einssein. Verschmelzen. Mit der Natur. Mit ihren Gegebenheiten. Unter ihren Bedingungen.

Jagen ist kein Verbrechen gegen die Natur. Man jagt, wenn man es mit Respekt macht, nicht gegen sie. Man jagt mit ihr. Was bedeutet: öfter, als dass man etwas schießt, schießt man nichts. Das ist normal. Es ist Natur. So, wie auch die letzte Instanz, das Töten, natürlich ist. Wir stehen vielleicht immer öfter neben den Dingen. Aber über ihnen stehen wir nicht.

Jagen ist auch eine Herausforderung an unsere eigene, lange vergessene Natur. Es stellt uns vor die Frage, wie viel Natur, mit all ihren Gegebenheiten und Bedingungen, wir tatsächlich vertragen. Es stellt uns vor die Frage, wie wahrhaft natürlich wir selbst noch sind.

BRIGITTE 10/2018

Wer hier schreibt:

Antje Joel

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