Die Folgen des Tsunamis: Japan ein Jahr danach

Vor einem Jahr verwüstete ein Tsunami den Norden Japans. Jesper Weber berichtete damals für BRIGITTE.de aus Tokio. Wie erleben er und die Japaner die Folgen der Katastrophe? Ein Gespräch über Atomskepsis, Strahlenmesser neben dem Bett und mulmige Gefühle im Supermarkt.

Stille Trauer: Im ganzen Land wird ein Jahr nach dem Tsunami der Opfer gedacht.

BRIGITTE.de: Am 11. März jährt sich die Erdbebenkatastrophe in Japan zum ersten Mal. Was wirst Du an diesen Tag machen?

Jesper Weber: Ich selbst fahre in die Küstenstadt Kamaishi in der Präfektur Iwate, wo ich im letzten Jahr zusammen mit der deutschsprachigen Kreuzkirche Tokio Betroffenen geholfen habe. Ich werde an einem Gedenkgottesdienst teilnehmen, für die Opfer beten, mit den Trauernden weinen, und hoffentlich auch mit denen lachen, die wieder Freude am Leben gefunden haben.

BRIGITTE.de: Was ist von offizieller Seite aus für den Jahrestag geplant?

Jesper Weber: Um 14:46 Uhr werden in ganz Japan die Sirenen heulen und eine Schweigeminute einleiten. Ansonsten gestaltet jede Ortschaft den Jahrestag auf eigene Art. Es wird einige Benefizverantstaltungen geben, viele werden das Datum aber in Ruhe im engsten Kreise und stillem Gedenken begehen wollen.

BRIGITTE.de: Wie gehen die Menschen in Tokio mit der Katastrophe um? Wird viel darüber geredet oder versucht man eher zu verdrängen?

Jesper Weber: Tagesgespräch ist das Thema eigentlich nicht, aber es fallen immer wieder "Kinder, wie die Zeit vergeht"-Bemerkungen. Es gibt aber auch kritische Diskussionen. TEPCO, der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima, will die Strompreise erhöhen, um für Schadensersatzzahlungen, Aufräumarbeiten und höhere Betriebskosten der verbliebenen, nicht-nuklearen Kraftwerke das nötige Geld in die Kassen zu spülen. Das stößt auf viel Widerstand. Auch ist kürzlich ein Expertenbericht zur Bekämpfung der Atomkatastrophe veröffentlich worden, der die Regierung und ihr Katastrophenmanagement in ein sehr schlechtes Licht stellt. Aber die Reaktion der Bürger beschränkt sich mehr oder weniger darauf, dass man das eigentlich schon längst so gewusst hätte.

BRIGITTE.de: Hat sich etwas am Umgang der Menschen miteinander verändert?

Jesper Weber: In der ersten Zeit nach der Katastrophe war eine ganz deutliche Solidarität und zwischenmenschliche Wärme zu spüren. Das ist zwar nicht verschwunden, aber nach einem Jahr im Alltag nun weniger sichtbar. Die Einzelnen haben sich gewiss verändert, aber in Tokio hat die meisten von uns der Alltag zurück.

BRIGITTE.de: Du bist mehrmals in die Katastrophengebiete im Norden gereist, um zu helfen. Geht der Wiederaufbau voran?

Jesper Weber: Der Fortschritt der Aufräumarbeiten und der Wiederbebauungspläne ist von Ort zu Ort ganz verschieden. Das hängt davon ab, wie stark der jeweilige Ort getroffen wurde, wann die Verwaltungen wieder funktionierten und wie massiv das japanische Militär und Freiwillige anfangs eingesetzt wurden. Auch in den Orten, wo es relativ zügig geht, soll aber jetzt erst der eigentliche Wiederaufbau der zerstörten Gebäude und Infrastruktur beginnen.

BRIGITTE.de: Fühlen sich die Menschen dadurch im Stich gelassen?

Jesper Weber: Die Menschen in Iwate sind frustriert, dass alleine die Planung so lange dauert, und besorgt, dass das öffentliche Interesse nun woanders hin wandert und kaum noch freiwillige Helfer kommen. Im Stich gelassen fühlen sie sich nach meiner Einschätzung dennoch nicht, da überwiegt die Dankbarkeit für die bisher erfahrene Hilfe.

Jesper Weber und seine Frau Kumiko: Der Berliner lebt seit 20 Jahren in Japan.

BRIGITTE.de: Hast Du auch Menschen aus der evakuierten Region um Fukushima getroffen?

Jesper Weber: Im Dezember hatte ich Gelegenheit, mit der Leiterin eines evakuierten Kindergartens aus der Präfektur Fukushima zu sprechen. Ich hätte Schwierigkeiten zu sagen, was das schlimmere Schicksal ist - die direkte Verwüstung durch Beben und Tsunami oder die bleibende, schleichende Gefahr von Strahlung. Inzwischen konnten die Menschen in ihre Häuser zurückkehren, da sie außerhalb der gefährlichen 20-km-Zone liegen. Aber sie stehen vor dem absoluten Nichts. Sie wissen nicht, wie und wo ihr Leben weitergehen soll, und müssen sich im Alltag aufgrund der Strahlengefahr so sehr einschränken, dass man kaum noch von einem menschenwürdigen Leben sprechen kann.

BRIGITTE.de: Was sieht diese Beschränkung konkret aus?

Jesper Weber: Es bedeutet, dass die Menschen mit Dosimetern, also Strahlenmessern, am Hals herumlaufen und diese Geräte auch neben ihr Bett legen. Viele Erwachsene dösen in den Tag hinein, weil es kaum Arbeit in der Gegend gibt und sie vorerst mit den Entschädigungszahlungen über die Runde kommen. Die Kinder sind von der Situation vollkommen eingeschüchtert. Sie gehen davon aus, dass alles, was nicht ausdrücklich erlaubt ist, gefährlich und somit verboten sei. Sie wachsen also auf, ohne je ihre Grenzen testen zu können, nach außen hin fröhlich interessiert an den aktuellen Strahlenwerten, innerlich aber gebrochen und ohne Freiheit oder Vertrauen in die Umwelt BRIGITTE.de: Woran spürst Du in Tokio die Nachwirkungen der Katastrophe im Alltag?

Jesper Weber: Viele vermeiden immer noch sämtliche Lebensmittel, die nördlich von Tokio produziert wurden. Meine Frau und ich haben unsere Notvorräte aufgestockt und besser sortiert als vorher.

BRIGITTE.de: Offiziell darf man diese Lebensmittel ja wieder essen - vertraust Du denn den Kontrollen und der Informationspolitik?

Jesper Weber: Die Lebensmittel aus dem Nordosten werden dichtmaschig mit Stichproben kontrolliert, und die zulässigen Grenzwerte sind die weltweit strengsten. Sie werden zum nächsten Monat sogar noch mal auf unter die Hälfte der jetzigen Werte reduziert. Der Strahlenexperte bei der Deutschen Botschaft uns ausführlich erklärt, dass von den Lebensmitteln im Supermarkt keine Gefahr ausgehen kann. Dennoch bleibt bei vielen ein mulmiges Gefühl. Gerade Familien mit Kindern vermeiden oft noch Produkte aus der Gegend um Fukushima. Wir selbst legen es nicht unbedingt darauf an, Pilze von dort zu kaufen, gehen aber insgesamt recht entspannt mit der Lage um. Ich kaufe aus Solidarität gerne Lebensmittel aus der nordjapanischen Präfektur Iwate, in die ich als Helfer fahre. BRIGITTE.de: In Deutschland kam es nach der Katastrophe in Japan ja zu einer enormen Anti-Atom-Bewegung, die am Ende sogar den Ausstieg bewirkte. Wie groß ist die Atomskepsis unter den Japanern?

Jesper Weber: Japan verfügt nicht über fossile Rohstoffe wie andere Länder, so dass Atomstrom lange Zeit eine billige Alternative war und je nach Region über 30 Prozent des Bedarfs gedeckt hatte. Allerdings wird auch in Japan die Atomskepsis immer stärker. Zurzeit sind 53 von 55 Reaktoren in Japan abgeschaltet, um gewartet zu werden, und keine Provinzregierung wagt es, Erlaubnis zum Hochfahren zu geben - im aktuellen politischen Klima würden sie damit nicht wiedergewählt werden. Zum Ersatz werden alte, nicht-atomare Kraftwerke wieder in Betrieb genommen, die aber aufgrund der steigenden Weltmarktpreise für Rohstoffe weitaus höheren Kosten erzeugen können. Ich rechne fest damit, dass dadurch die Strompreise für die Verbraucher noch steigen werden und wir spätestens zum Sommer wieder mit Stromausfällen zu tun haben. Wie das die öffentliche Meinung beeinflusst, ist noch abzuwarten.

BRIGITTE.de: Gibt es etwas, was Dich im vergangenen Jahr besonders beeindruckt hatP?

Jesper Weber: Die Energie und Lebensfreude der Menschen in der nordjapanischen Region Tohoku, die ich kennenlernen durfte. Die Dankbarkeit und Gastfreundschaft, mit der sie uns begegnet sind. Die landesweite Solidarität und die internationale Hilfsbereitschaft. BRIGITTE.de: Vor einem Jahr hattest Du beschrieben, wie schwierig es war, am "White Day", dem japanischen Feiertag für Liebespaare am 14. März, ein Küchlein für deine Frau Kumiko zu bekommen. Wie werdet Ihr dieses Jahr den Tag verbringen?

Jesper Weber: Das ruft Erinnerungen wach! Letztes Jahr gab es nur mit allergrößten Schwierigkeiten Schokolade zu kaufen. Die ist nun wieder zu haben, aber was ich damit am "White Day" mache, verrate ich nicht - womöglich liest Kumiko ja jetzt die deutsche Presse...

Interview: Michèle Rothenberg

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