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Selbstbestimmte Mutterschaft Jana Heinicke: "Ein Kind zu bekommen und Mutter zu werden sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe"

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© Carolin Weinkopf
Nach einem zauberhaften Kinderbuch ist gerade ihr neues Buch erschienen: "Aus dem Bauch heraus: Wir müssen über Mutterschaft sprechen". Im Interview erzählt Jana Heinicke über das Muttersein, die Erwartungen daran und wie man sich davon befreit, beziehungsweise, was ihr geholfen hat.

Die Elternschaft oder vielmehr Mutterschaft ist nicht immer leicht. Und das Mutterwerden ebenso nicht. Oft gehen mit diesem neuen Lebensabschnitt so viele Veränderungen einher, dass wir nicht wissen, wo uns der Kopf steht. Da helfen die Erwartungen von außen und auch die, die man an sich selbst hat, nur wenig. Um das und vieles mehr geht es in Jana Heinickes neuem Buch.

Eltern.de: Du beschreibst sehr eindringlich, wie man als Schwangere schnell zum "Allgemeingut" wird. Jede:r hat einen "gut gemeinten Rat", den er:sie weitergibt, ohne dass man überhaupt danach fragt. Oder der Bauch wird einfach so angefasst. Hast du für dich einen Weg gefunden, damit umzugehen oder dich davor zu schützen?

Jana Heinicke: Nein, das habe ich, ehrlich gesagt, nicht. Mir ist es zum Beispiel auch passiert, dass mir an den Bauch gefasst wurde, obwohl ich zuvor klar und deutlich gesagt hatte, dass ich das nicht möchte. Diese extreme Übergriffigkeit, diese Nicht-Wahrung meiner Grenzen hat mich in eine große Ohnmacht gebracht und mich wütend gemacht.

Ich habe die Schwangerschaft und auch das Wochenbett als sehr vulnerable Zeit in Erinnerung, in der mir jeglicher Schutzmechanismus fehlte. Ich war darauf angewiesen, dass andere Personen sich schützend um mich stellen. Eigentlich komme ich aus einer Familie, in der ich mich zumindest von meiner Mutter und Großmutter immer sehr geschützt und unterstützt gefühlt habe. Mit der Geburt meines Kindes hörte dieser emotionale Support auf einmal auf. Das war eine krasse Erfahrung für mich: von der schützenswerten (Enkel-)Tochter zur gelesenen Mutter, die sich jetzt selbst um alles zu kümmern und die keine Ansprüche mehr zu stellen hat. Das ist ein Bild, welches auch in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist – und mit bestimmten Erwartungen einhergeht.

Was ist denn das für ein Mutterbild? Und woher kommt es?

Es ist eine Erfindung aus der Zeit der Aufklärung, die unser Frauen- und Mutterbild bis heute prägt und dominiert. Vorher hatte es sowas wie Mütterlichkeit gar nicht gegeben. Im aufkommenden Bürgertum wurden die Frauen zunehmend in private Räume verdrängt, wo sie sich um Haushalt und Kinder kümmern sollten. Auf einmal hieß es, es wäre ihre Natur, für andere Menschen zu sorgen und Harmonie zu stiften. Nur dadurch würden sie ihrer wahren Bestimmung nachkommen. Unter anderem hat sich Rousseau das ausgedacht. Und der hat seine Kinder bereits im Säuglingsalter weggegeben. Allein die Tatsache, dass eine Handvoll weißer cis Männer bestimmt haben, wie Frauen zu sein hätten und dass Muttersein in ihren Genen läge, ist unfassbar. Da kann man getrost vom größten Mansplaining-Akt der westeuropäischen Geschichte sprechen. Ich glaube, es ist wichtig, das zu wissen. Dass es sich bei diesem Mutterbild um einen unrealistischen Mythos handelt. 

Wie befreit man sich von der Erwartungshaltung, die auf einen hereinprasselt? 

Ich glaube, was diese Erwartungshaltung so toxisch macht, ist, dass man sich so schämt, wenn man ihr nicht gerecht wird. Dieses Gefühl "Wow, das ist echt wichtig, dass ich das schaffe" – und dann schafft man es eben nicht. Das fühlt sich grauenhaft an. Und dann kommt diese Erwartungshaltung ja nicht nur von außen, sondern ist auch die eigene Stimme, die ganz tief in uns verankert ist, die bewertet, hinterfragt und die sagt, "Wenn du das jetzt so oder so machst, bist du aber wirklich eine Rabenmutter". Und das ist unglaublich schmerzhaft. Dass wir in gewisser Weise eben all den Bewertungen von außen glauben – weil wir teils ja genauso denken und sozialisiert worden sind. Mein Weg, damit besser umzugehen, war tatsächlich, dieses Buch zu schreiben. Das war eine große Selbstermächtigung für mich, mir das Wissen anzueignen und auch dieser Stimme in mir drin sagen zu können: "Guck mal, es steht hier schwarz auf weiß, es liegt nicht in meinen Genen". 

Mein Weg, damit besser umzugehen, war tatsächlich, dieses Buch zu schreiben. Das war eine große Selbstermächtigung für mich, mir das Wissen anzueignen.

Nach der Geburt liegt der Fokus meist komplett auf dem Baby: Wie schafft man es, in sich nicht nur die Mutter, sondern auch das Individuum zu sehen und Mutterschaft selbstbestimmt zu leben?

Ich finde es schwierig, diese Frage generell zu beantworten. Wir können Mutterschaft ja nicht außerhalb der Strukturen denken, in denen wir leben. Und diese Strukturen bringen streckenweise große Abhängigkeiten mit sich vor allem finanzieller Natur – aber auch Abhängigkeiten von Personen und Infrastrukturen. Wenn man das Glück hat, nicht chronisch krank zu sein, keine finanziellen Sorgen und ein stabiles soziales Netz zu haben, dann sind das gute Voraussetzungen, um sich überhaupt die Frage stellen zu können: "Wie stelle ich mir denn eine selbstbestimmte Mutterschaft beziehungsweise Elternschaft vor?" Fehlen diese Privilegien, ist der Gestaltungsspielraum ungleich kleiner.

Wird das Bild der Familie (oder deren Gründung) in deinen Augen zu sehr romantisiert? Warum wird so an diesen unrealistischen Ansprüchen festgehalten?

Absolut! Die Romantisierung von Mutterschaft wurde und wird ja auch immer noch viel genutzt, um unbezahlte Sorgearbeit zu legitimieren: Mütter sollen aus reiner Liebe wickeln, kochen, waschen und einen Haushalt organisieren. Und wenn eine Mutter sagt: Das ist mir alles zu viel – dann heißt es, sie würde wohl ihre Familie nicht stark genug lieben. Das ist ein riesiges Problem. Aber es ist eben fest verwachsen mit den Strukturen, in denen wir als Gesellschaft und Wirtschaftsgemeinschaft zusammenleben. Und die lassen sich nicht von heute auf morgen ändern. Zum anderen gibt es natürlich auch eine emotionale Komponente. Und die hat wiederum viel mit unserer Sozialisierung zu tun. Das, was wir aus unserer Kindheit kennen – bestimmte Muster, die wir von Kleinauf gelernt und verinnerlicht haben und die uns dadurch Sicherheit geben. Dass Mama eher fürs Zubettgehen zuständig ist und Papa viel arbeiten muss. Aus diesen Mustern auszubrechen, ist psychologisch auch nicht ganz leicht. Diese beiden Punkte geben sich natürlich ganz gut die Hand.

Welche Veränderung, die sich durch die Mutterschaft eingestellt hat, hast du selbst als am einschneidendsten empfunden? Was hat dich am meisten "geflasht", als du Mutter geworden bist?

Eine Erkenntnis, die ich gerne gehabt hätte, bevor ich Mutter wurde, war, dass ein Kind zu bekommen und Mutter zu werden zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Es sind zwei Prozesse, die zwar oft parallel ablaufen und einander bedingen, aber eben doch zwei verschiedene Menschen betreffen und daher auch getrennt voneinander betrachtet, erforscht und besprochen werden müssen. Das eine wird aber gerne als Synonym für das andere genutzt. Hier wünsche ich mir mehr sprachliche Präzision und auch mehr frei zugängliche Information. Für mich war es zum Beispiel ein sehr erleuchtender Moment, als ich im März 2021, also circa eineinhalb Jahre nachdem ich mein Kind gebar, auf Instagram über den Begriff der Muttertät gestolpert bin. Er ist eine Wortneuschöpfung der Doulas und Schwestern Natalia Lamotte und Sarah Gallan, und bezeichnet den Zeitraum, in dem eine Person zur Mutter wird und in dem sich physische, psychische, neurologische und hormonelle Veränderungen ähnlichen Ausmaßes wie in der Pubertät ereignen. 

Für mich wäre das Wissen um diese Zeit und all die identitätsverändernden Prozesse, die in ihr stattfinden, extrem hilfreich gewesen. Aber darüber wird bis heute noch kaum gesprochen. Eigentlich ist auch das unfassbar.

In einem deiner Texte auf Instagram schreibst du, dass du deine Gefühle schon immer gut in Worte fassen konntest. Hat dir das geholfen in der ersten Zeit deiner Mutterschaft?

Die erste Zeit als Mutter hat mich auch deswegen so krass gefordert, weil sich mein Emotionsradius plötzlich derart vergrößert hat, dass ich all die Gefühle nicht mehr in Worte fassen konnte. Was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass mein emotionales Erleben einen ganz bestimmten Sprachraum überschritten hat, den wir für die Zeit des Wochenbetts zur Verfügung haben. Da ist ja oft nur von totaler Liebe die Rede, von einer "Kuschelzeit", vom Überwältigtsein vor lauter Glück. Oder es geht, in Abgrenzung dazu, direkt um eine Depression, also eine Pathologisierung bestimmter psychischer und emotionaler Veränderungen. Aber dazwischen ist ja ein riesiger Raum, den wir sprachlich noch fast gar nicht erkundet haben. 

Warum haben wir heutzutage immer noch so ein Problem damit, die ungeschönte Seite der Geburt, des Wochenbetts, generell der Elternschaft oder in diesem Fall der Mutterschaft zu zeigen? Warum sprechen wir so wenig darüber?

Neben der oben erwähnten Scham ist bestimmt auch die Zeit ein Problem. Ich erinnere mich an unser erstes Jahr als Eltern. Wir sind fast daran zerbrochen, dass wir überhaupt nicht dazu gekommen sind, über vieles zu reden. Wenn du als Elternteil im ersten Babyjahr zwei Dinge nicht hast, dann sind es Raum und Zeit – erst recht nicht für den Austausch in einer potenziellen Paarbeziehung. Es kostet verschiedene Ressourcen, sich ehrlich damit auseinanderzusetzen, wie es einer:einem wirklich geht. Das für sich klar zu kriegen, dann noch in Worte zu fassen und nach außen zu transportieren, ist schon eine enorme Leistung. Erst recht in einer Phase, in der dir die Gesellschaft eigentlich sehr genau vorschreibt, wie du zu fühlen hast. Und dann wird diese erste Zeit auch noch mit so unrealistischen Begriffen gelabelt. Wie Elternzeit oder Babypause. Als ob. Es ist keine Babypause. Du hast als Eltern niemals Pause. Es müsste Baby-niemals-Pause heißen. Das wäre realistischer.  

Was würdest du jeder werdenden Mama (und auch jedem werdenden Papa) mitgeben wollen?

Das ist auch so eine komplizierte Frage, weil alle Eltern einfach so unterschiedlich sind. Aber vielleicht erzähle ich abschließend noch folgende Anekdote: Ein paar Tage, bevor ich mein Kind geboren habe, hatte ich Kontakt mit einer alten Freundin aus Studienzeiten. Wir sprachen über verschiedene Geburtsmodi und dass ich so gerne im Geburtshaus gebären wollen würde. Sie meinte zu mir: "Ich wünsche dir das sehr. Aber weißt du, wenn es anders kommt, als du denkst, dann ist es nicht besser oder schlechter. Dann wirst du dein Kind auch geboren haben. Jede Geburt ist eine richtige Geburt." Und ich habe in dem Moment, wo sie das gesagt hat, so gedacht: "Ja, ja. Ich kriege mein Kind schon ohne PDA im Geburtshaus." Und dann kam alles völlig anders. Im Wochenbett musste ich immer wieder an dieses Gespräch denken. Rückblickend kann ich sagen, dass die Worte meiner Freundin der ehrlichste, schönste Ratschlag waren, den ich in der ganzen Schwangerschaft bekommen hatte.

Ich wünsche allen Eltern, dass ihnen mit Wohlwollen begegnet wird. Mit Wohlwollen und Milde und mit der Frage "Wie kann ich helfen?" Und nicht mit der Forderung, dieses oder jenes besser machen zu müssen.
 

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© PR

Jana Heinicke ist Autorin für (Kinder-)Bücher, Essays und Theatertexte, bloggt auf Instagram und ist Mama. Ihr neues Buch “Aus dem Bauch heraus: Wir müssen über Mutterschaft sprechen“ ist gerade erschienen und ab jetzt überall für 17 Euro erhältlich. 

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei ELTERN.de.

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