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Arbeitsmarktreform Japanische Regierung will Vier-Tage-Woche ermöglichen – Experten sind skeptisch

Japan: Zebrastreifen wird von Menschenmenge überquert
Menschen in Japan auf dem Weg zur Arbeit: Die Vier-Tage-Woche soll zunächst freiwillig bleiben
© TZIDO SUN / Shutterstock
Geht es nach dem Willen der Regierung, sollen Angestellte in Japan sich bald für eine Vier- oder Fünf-Tage-Woche entscheiden können. Fachleute sehen in dieser Wahlfreiheit aber auch Probleme.

Japanerinnen und Japaner sind für ihre hohe Arbeitsmoral bekannt – ihr Fleiß geht manchmal auch über das gesunde Maß hinaus. In vielen Unternehmen sind die Erwartungen extrem hoch. Eine Maßnahme der Regierung könnte für Entspannung sorgen: Das Kabinett unter Premierminister Yoshihide Suga will Arbeitgeber dazu ermutigen, ihren Angestellten freizustellen, ob sie vier oder wie bisher fünf Tage in der Woche arbeiten wollen. Ein Gremium der japanischen Regierungspartei LDP hatte die Option der Vier-Tage-Woche zuvor empfohlen.

Wie die Zeitung "Kyodo News" berichtet, soll dieser Vorstoß vor allem eine bessere Vereinbarkeit von Job und Familienleben ermöglichen. Angestellte, die sich um Kinder oder andere Familienangehörige kümmern müssen, sollen mehr Zeit dafür bekommen. Außerdem sollen die Menschen die zusätzliche freie Zeit dafür nutzen, sich neue Fähigkeiten anzueignen.

Vier-Tage-Woche in Japan für Familie und Fortbildung

Diese Überlegungen seien auch eine Folge der Erfahrungen aus der Corona-Pandemie, in der sich die Arbeitswelt stark verändert habe, schreibt "Kyodo News". Um für diese Veränderungen gewappnet zu sein, will Japan den Arbeitsmarkt sukzessive anpassen. Premierminister Suga sagte, seine Partei wolle Menschen dabei unterstützen, sich weiterzubilden, ohne dafür ihren aktuellen Beruf aufgeben zu müssen. So könnten Personen sich für Wachstumsbranchen wie beispielsweise das IT-Geschäft qualifizieren.

Die Einschätzungen von Experten zu dem Vorschlag fallen allerdings gemischt aus. Während einige die Vorteile betonen, äußerten sich andere Fachleute skeptisch. Sie gehen davon aus, dass viele Arbeitnehmer:innen sich gegen eine Vier-Tage-Woche entscheiden würden, selbst wenn sie die Wahlmöglichkeit hätten. Zu groß sei die Furcht vor finanziellen Einbußen beim Gehalt, sagte Hishashi Yamada vom "Japan Research Institute" dem Portal "Kyodo News".

Schadet weniger Arbeitszeit der Produktivität?

Der Fachmann befürchtet außerdem einen Einbruch der Produktivität. Es sei nicht sicher, dass Menschen, die nur noch vier Tage die Woche arbeiteten, ihre Freizeit tatsächlich für Weiterbildungen oder die Familien nutzten. Die Erfahrungen bei Microsoft in Japan zeigen aber andere Ergebnisse: Dort wurde testweise die Vier-Tage-Woche eingeführt – die Produktivität stieg währenddessen im Vergleich zum vorangegangenen Jahr um 40 Prozent an. Allerdings bekamen die Angestellten auch weiterhin das gleiche Gehalt.

Auch der Umgang der Unternehmen mit einer möglichen Vier-Tage-Woche könnte zu Problemen führen. Kleinere Firmen könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn sich zu viele ihrer Angestellten dazu entscheiden, weniger zu arbeiten, befürchten Experten. Andersherum könnten größere Unternehmen auf eine Vier-Tage-Woche drängen, um Kosten zu sparen. Fachleute drängen deshalb darauf, dass die Reduzierung der Arbeitszeit freiwillig bleibt – so wie es aktuell von der Regierung auch vorgesehen ist. Das Beispiel des Internet-Dienstleisters Yahoo aus Japan zeigt, dass die Nachfrage nicht so groß ist wie man denken könnte: Von 7.000 Angestellten bewarben sich dort nur 100 für eine Vier-Tage-Woche.

Quellen: "Kyodo News" / "Business Insider"

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf stern.de.

epp/stern

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