Judenfeindlichkeit in Deutschland: Eine Jüdin erzählt

Deutschland diskutiert über Antisemitismus. Ist er schlimmer geworden? Oder bringen einzelne Ereignisse nur ans Licht, was immer da war? Sarah Levy beschreibt ihre Gedanken und Erlebnisse.

Es geschah an einem Frühlingsabend

Es war ein Abend im Frühling, ich saß mit Freunden in einer Kneipe in Hamburg, wir tranken Bier und Weißwein. Die Kneipe ist israelfreundlich, an der Tür prangte "L’Chaim" in hebräischen Schriftzeichen - was "auf das Leben" heißt, also Prost.

"Ich ficke Israel wie eine Frau!", schrie plötzlich ein junger Mann in der Tür. Sein Deutsch klang brüchig, "Israel" sprach er "Es’re’el" aus. Er brüllte, zeigte auf die israelische Flagge hinter uns, dann bewegte er sein Becken in eindeutiger Weise.

Die Wirtin erwiderte ruhig: "Das heißt Israel."

Ich hatte das Gefühl, eingefroren zu sein. Ich fummelte an meinem Handy rum, wollte filmen, zitterte aber so sehr, dass ich den Videomodus nicht eingestellt bekam.

Du musst etwas sagen!, dachte ich. Aber mein Kopf war leer, mein Herz raste. Eine Freundin rief dem Mann zu: "Du bist hier nicht willkommen, du Spacken." Sonst sagte keiner etwas. Der Typ ging kurz darauf.

Seit meiner Kindheit ist meine Religion auch ein Schimpfwort

Ich bin Jüdin, geboren und aufgewachsen in Deutschland, mit Familie in Israel. Ich bin nicht religiös, eher traditionsbewusst, in etwa wie Christen, die nur an Weihnachten in die Kirche gehen - nur, dass es im Judentum häufiger Weihnachten gibt: An Pessach esse ich rituelle Speisen, am Fastentag Yom Kippur faste ich, an Rosch ha’Schana tunke ich Apfel in Honig, um das jüdische Neujahr zu begrüßen. Judenfeindlichkeit habe ich nie gegen mich gerichtet erlebt, aber ich trage auch keine Davidsterne auf T-Shirts.

Schon früh habe ich erlebt, dass Menschen "Du Jude" als Schimpfwort benutzten. Ich erinnere mich, wie ich mich als Teenager im Freibad in ein Gespräch zweier Männer einmischte, die über einen Restaurantbesitzer herzogen, der jüdisch war. Geizig sei er, "wie alle Juden". "Ich bin auch Jüdin", sagte ich. Die Antwort der Männer: "Dann bist du eine Ausnahme." Solche Erlebnisse haben mich irgendwann mit den Schultern zucken lassen.

Die Pöbeleien treffen mich tief

Die Pöbeleien des jungen Mannes in der Kneipe aber trafen mich tief. Mich schockte, dass er so selbstbewusst und hasserfüllt diese Sätze schrie, ohne das Bewusstsein, dass dies nicht angebracht war. Mich erschreckte, dass niemand ihn davon abhielt. Vielleicht waren die anderen Gäste genauso hilflos wie ich. Vielleicht hatten auch sie Angst. Vielleicht war es ihnen aber auch egal.

In Zeiten, in denen in Deutschland über Antisemitismus diskutiert wird, scheint dieser Zwischenfall wie ein weiteres Puzzlestück für das Gefühl "Es wird immer schlimmer".

Ist es so? Ich weiß es nicht. Schon meine jüdische Grundschule wurde mit Panzerglas und Metalldetektoren geschützt, die Polizei stand immer vor der Tür. Der Rapper Haftbefehl hat schon 2014 gerappt, dass er Kokain "an die Juden von der Börse" vertickt.

Offener Antisemitismus ist nicht neu

Mein Vater arbeitete früher als Lehrer an einer Gesamtschule in Frankfurt. Es kam vor, dass ein Schüler auf sein Namensschild "Adolf Hitler" schrieb. Arabische Eltern weigerten sich, mit ihm Elterngespräche zu führen. Vor sieben Jahren, er hatte die Schule schon verlassen, prangten "Hr. Lewi du Jude" und ein Hakenkreuz an einem Zaun nahe der Schule.

Seit acht Jahren arbeitet er jetzt als Pädagoge für das Fritz-Bauer-Institut, ein Forschungszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, und für das Jüdische Museum Frankfurt. In Workshops lässt er muslimische Schüler von ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen erzählen und versucht, sie so für die Diskriminierung von Juden zu sensibilisieren.

Er bringt Realschüler mit Holocaust-Überlebenden zusammen, organisiert Schnitzeljagden durch das Jüdische Museum, um jüdisches Leben erlebbar zu machen. Trotzdem sagte er mir vor wenigen Monaten: "Ich verliere manchmal die Hoffnung."

Erschreckend, wie wenig Deutsche über die jüdische Geschichte wissen

Er erlebe in Seminaren, wie wenig Lehrer, BKA-Beamte, Sozialarbeiter über das Judentum wüssten. Dass es viel Kraft koste, Schüler heute dafür zu sensibilisieren, dass unter jeder Kippa ein Mensch mit Gefühlen steckt. Seine Bemühungen seien Tropfen auf heißem Stein.

Ich widersprach, redete vom Schüleraustausch nach Israel, von Begegnungen mit modernem jüdischen Leben, vom Kontakt, der alles ändern würde. "Wir sind so wenige", antwortete mein Vater, und meinte die geschätzten 150 000 Juden in Deutschland, "wie sollen wir das schaffen? Und warum müssen immer wir es sein, die sich erklären?"

Ich war nach diesem Gespräch niedergeschlagen. Mein Vater wirkte so resigniert. Wenn sogar er, der es zu seinem Beruf gemacht hat, gegen Antisemitismus zu kämpfen, ans Aufgeben dachte - woher sollte ich die Hoffnung nehmen? Daran musste ich denken, als ich in der Aprilnacht aus der Kneipe nach Hause kam, in der kaum jemand dem Israel-Hasser widersprochen hatte.

Aktionen wie "Wir tragen Kippa" machen Hoffnung

Eine Woche später liefen mehrere Tausend Menschen mit Kippa durch Berlin, darunter nicht-jüdische Deutsche und Muslime. Sie wollten ein Zeichen setzen. Tags darauf sagte Vater am Telefon, spürbar berührt: "Ich habe Gänsehaut bekommen. Vielleicht ist doch nicht alles umsonst."

Aktionen wie "Wir tragen Kippa" halten niemanden davon ab, anti-israelische Parolen zu brüllen. Aber sie erreichen vielleicht jene, die sonst taten- und haltungslos danebenstehen, wenn so etwas geschieht. Vielleicht denken mehr Menschen darüber nach, wie es sich anfühlt, angegriffen zu werden - durch Worte, Schläge, Vorurteile. Und vielleicht steht dieser Unbeteiligte beim nächsten Mal auf und sagt: "Du und deine Gedanken, ihr seid hier nicht willkommen, du Spacken."

Sarah Levy, 32, ist Journalistin und arbeitet unter anderem für BRIGITTE und die ZEIT. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Aus Traditionsbewusstsein hält sie viele jüdische Rituale ein, ist aber nicht religiös. Teile ihrer Familie leben in Israel, ihre Lieblingsstadt ist Tel Aviv, sie fliegt, so oft es geht, dorthin.

Brigitte 14/2018

Wer hier schreibt:

Sarah Levy

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Judenfeindlichkeit: Davidsstern an einer Wand
Judenfeindlichkeit in Deutschland: Eine Jüdin erzählt

Deutschland diskutiert über Antisemitismus. Ist er schlimmer geworden? Oder bringen einzelne Ereignisse nur ans Licht, was immer da war? Sarah Levy beschreibt ihre Gedanken und Erlebnisse.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden