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Jüngste Bundestagsabgeordnete Emilia Fester: "Ich bringe die Welt vieler Männer ins Wanken"

Emilia Fester ist Deutschlands jüngste Bundestagsabgeordnete
Emilia Fester ist Deutschlands jüngste Bundestagsabgeordnete
© Willi Schewski / imago images
Emilia Fester, 24, sitzt seit einem Jahr im Bundestag – als jüngste Abgeordnete. Welche Erfahrungen macht die Grünen-Frau im Politikbetrieb? 
Interview: Sandra Reitz

Sie lebt mit zwei weiteren Grünen-Parlamentarierinnen in einer WG und erhält nach ihren Bundestagsreden Drohungen. Wie kommt Emilia Fester klar mit ihrer Rolle als jüngste Abgeordnete? GALA-Kollegin Sandra Reitz hat sie in Hamburg zum Gespräch getroffen.

Sandra Reitz: Sind Sie vom Label "jüngste Abgeordnete“ genervt?
Emilia Fester: Nein, natürlich nicht! Es ist manchmal eine kleine Bürde, aber vor allem ein Privileg, mit dem ich gut arbeiten kann. Natürlich gibt es eine starke Fokussierung auf meine Person und nicht auf den politischen Inhalt, was auch in Diskriminierung münden kann. Dadurch, dass das ganze Parlament weiß, dass ich die Jüngste bin, werde ich oft darauf reduziert.

Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert?
Ich wurde schon als Praktikantin bezeichnet oder vom Sicherheitsdienst gefragt, ob ich wirklich hierher gehöre. Da kommen Sprüche wie: "Ist ja schön, dass Sie so jung schon so engagiert sind". Aber es geht nicht nur mir so: Ich wohne noch mit zwei anderen jungen weiblichen Abgeordneten zusammen, die machen ganz ähnliche Erfahrungen. Manchmal witzeln wir darüber, dass wir irgendwann ein Buch darüber schreiben.

Besonders heftig waren die Reaktionen auf Ihre erste Rede im Bundestag, zur Impfpflicht. Wie sehr schmerzen Sie Kommentare wie „Rotzgöre“ oder „lächerliches Kindchen“?
Es wäre gelogen zu sagen, dass es nicht bei mir ankommt, wenn ich so einen Shitstorm erfahre. Aber gleichzeitig ist es für mich auch ein Zeichen dafür, dass ich allein mit meiner Existenz und meinen Visionen die Welt vieler Menschen, meist Männern, ins Wanken bringe. Die fühlen sich irgendwie bedroht. Es ist nicht meine Intention, ihre Welt zu bedrohen und gleichzeitig ist das genau der Kampf, den ich führe: Dass wir gleichberechtigt dastehen und das auch einfordern. Wenn sich dann solche Menschen angegriffen fühlen, habe ich offenbar etwas Wichtiges und Richtiges gesagt.

Es gab sogar Drohungen gegen Sie. Denken Sie manchmal, der Preis ist eigentlich zu hoch?
Nein, ich habe etwas, wofür ich kämpfe, und das tue ich mit Leib und Seele. Es ist in Ordnung, wenn mich dafür nicht alle lieben.

Wie ist Ihr Kontakt zu den Kabinettsmitgliedern?
Wenn ich eine Skala machen würde, stünde ganz am Ende Christian Lindner. Am nächsten bin ich den linken Ministerinnen aus unserer Partei, Claudia Roth, Steffi Lemke, Lisa Paus. Auch mit Annalena komme ich gut klar, Robert und ich haben nicht so viele Berührungspunkte, Cem und ich noch weniger.

Ihre Aussage "Ich opfere meine Jugend“ hat auch für Wirbel gesorgt …
Das Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen. Es ging darum, wie viel jugendliches Leben noch möglich ist neben einem Mandat. Unterm Strich wollte ich sagen, dass das Leben, das ich momentan als Mandatsträgerin führe, nicht vereinbar ist mit dem Bild von jungen Menschen, das wir eigentlich haben. Die Jugend ist eine sehr freie Lebensphase, in der wir uns orientieren, was wir mal später machen wollen, unsere Grenzen austesten. All das ist unvereinbar mit einer 80-Stundenwoche, wie ich sie habe.

Sie arbeiten 80 Stunden?
In Sitzungswochen ja, in Wahlkreiswochen ist es etwas weniger, dann eher wie ein normaler Vollzeitjob.

Und wie viel verdienen Sie?
Wir bekommen eine Diät, die komplett öffentlich einsehbar ist. Am Ende des Monats bleiben mir mit allen Ausgaben, Lebenshaltungskosten, etc. knapp 1000 Euro übrig, die ich spare. Trotzdem ist es natürlich sehr viel Geld für die Altersklasse, in der ich mich bewege.

Wofür sparen Sie?
Für ein Leben nach dem Mandat. Außerdem bin ich in nicht so reichen Verhältnissen aufgewachsen, meine Eltern sind Kulturschaffende. Wir haben nicht von der Hand in den Mund gelebt, aber wir mussten schon überlegen, wie geht das mit der nächsten Klassenfahrt, wen müssen wir anhauen, wenn ein größeres Gerät kaputt geht? Deswegen hat sich in mir auch der Wunsch breitgemacht, meine Eltern zu unterstützen, wenn sie alt werden, denn die Renten werden nicht so hoch. Und auch für mich möchte ich vorsorgen, vielleicht möchte ich ja noch mal studieren und dann Geld zu haben, um über die Runden zu kommen, ist doch schön, oder?

Sie denken schon an ein Leben danach?
Ich habe immer das Gefühl, ich bin ja noch so jung und habe gar keine Ahnung, wie lange das überhaupt noch weitergeht. Das mache ich davon abhängig, ob ich noch Inhalte habe, die ich umsetzen möchte und ob ich auch die Richtige bin, sie umzusetzen.

Bundestagsabgeordnete mit 24 – haben Sie manchmal das Gefühl, Sie sind im falschen Film?
Dass ich Politikerin bin, fällt mir manchmal selbst wieder ein. Wenn ich gerade Tischtennis gespielt habe und hinter mir läuft eine Boombox nach einem schönen Tag in der Sonne mit einem Kumpel, vergesse ich das dann auch mal. Denn ich bin ja nach wie vor einfach ich. Es gibt eine Überhöhung von Politiker:innen, die mir manchmal selbst widerfährt, dass mir einfällt: "Krass, ich bin ja Bundestagsabgeordnete." 

Können Sie das Mandat auch mal außen vor lassen?
Es geht schon. Neulich hatte ich einen sehr vollen Tag mit Foto-Shooting, Diskussionen in verschiedenen Gruppen und einem Meinungsartikel. Ich bin dann nach Hause gekommen und meine Mitbewohnerin Saskia und ich haben einfach nur "Highschool Musical“ geguckt (lacht). Das hat gutgetan, um Abstand zu gewinnen, einfach mal etwas Nonsensiges zu machen und den Tag Tag sein zu lassen.

Was entspannt Sie sonst?
Die Gespräche mit meiner WG oder mit meiner Beziehung, meinem Team, meiner Mutter. Ich liebe es auch, Brettspiele zu spielen, wenn ich mal Zeit habe. Mich zu einem Kniffel hinzusetzen und dieses Spiel zu genießen, ohne dabei an Arbeit zu denken. Ich beschäftige mich so viel mit Paragraphen, Texten und schwarz-weiß, da mag ich es, echten Menschen zu begegnen.

Wie machen Sie in Ihrem persönlichen Umfeld die Welt zu einem besseren Ort?
Seitdem ich genug Geld dafür habe, achte ich darauf, was für Kleidung ich kaufe, weil ich ausbeuterische Arbeit schlimm finde. Aber ich weiß, dass das nicht alle können. Ich kann Menschen nicht vorschreiben, wie sie sich zu ernähren und zu kleiden haben, so lange sie nicht die Wahl haben. Ich ernähre mich vegetarisch und viel vegan, fahre Rad. Und ich bin gern eine gute Freundin.

Sie haben jüngst öffentlich gemacht, dass Sie bisexuell sind. Gab es darauf negative Reaktionen?
Außer den üblichen Verdächtigen, die immer negativ kommentieren, habe ich sehr viel Zuspruch bekommen. Ich finde es wichtig, dass wir als Grüne Fraktion auch endlich viele queere Leute im Parlament haben. Dass wir zeigen, dass es Trans-Identitäten gibt, die auch mitsprechen können. Ich trage gern dazu bei, das zu normalisieren und zu zeigen, dass es Teil der Gesellschaft ist und dass wir gefälligst die gleichen Rechte haben sollten wie jedes Hetero-Paar auch.

Möchten Sie selbst mal eine Familie haben?
Kann ich mir vorstellen, ja. Ich arbeite daran, eine Zukunftsperspektive zu schaffen, in der ich das besten Gewissens tun kann.

Das Interview ist in der aktuellen GALA erschienen. 

Brigitte

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