Entführung in Pakistan: "Und morgen seid ihr tot."

Diese Drohung hörten die Schweizer Daniela Widmer und David Och fast täglich. Achteinhalb Monate waren sie Geiseln, verschleppt von pakistanischen Taliban. Wie verändert so ein Erlebnis?

Sie waren auf dem Rückweg, und viel Zeit wollten sie sich nicht mehr lassen. Zu Hause warteten die Eltern, die Freunde, der Alltag. Drei Monate waren sie schon unterwegs. Dann, in einem Ort, der fast so klingt wie die schöne Sängerin vom Rhein, in Loralai, in der Provinz Belutschistan, im Land Pakistan, hielten sie an. Nur kurz. Sie standen neben ihrem Bus, dunkelblau, selbst umgebaut, darin Betten und Tisch und Küche. Ein Jeep hielt neben ihnen an, Männer sprangen raus, Kalaschnikows im Arm. Alles ging so schnell. Schläge für David. Sie packten Daniela, zerrten sie in den Kofferraum des Jeeps, David hinterher. Fesseln an den Händen, Geschrei, Drohungen, schließlich warfen die Männer eine Decke über die beiden.

"Sie werden uns töten", sagte David. "Sie bringen uns in die Wüste, um uns zu erschießen. Uns bleibt nur noch eins: in Würde sterben." Dann weinten sie.

Solothurn, eine Kleinstadt in der Schweiz, liegt umringt von grünen Auen. An ihrem Rand, dort, wo die Felder bis an die Wohnhäuser reichen, wohnen Daniela Widmer, 30, und David Och, 33, in einem hölzernen Märchenhaus mit Schnitzwerk und Läden vor den Fenstern. Der Wind trägt den Geruch von frischem Heu heran, und wenn David und Daniela auf dem Balkon sitzen, trifft ihr Blick auf Idyll. Es ist der erste heiße Tag in diesem Sommer. Auf dem Balkontisch stehen Blumen, und darin hängt ein Herz. Bunte Windgläser mit Kerzen. Ein hübsches Haus. Ein hübsches Paar. David, groß und dunkelhaarig, Daniela, zierlich, durchtrainiert und blond.

Was David anfangs für einen Raubüberfall hielt, war eine Entführung durch pakistanische Taliban. Die wollten keine Toten, die wollten zunächst Geld. Aber das hieß nicht, dass sie ihre Opfer danach am Leben lassen würden. "Und morgen seid ihr tot." Immer wieder hörten David und Daniela diese Drohung von einem ihrer Bewacher.

Nun haben sie unter diesem Titel ein Buch geschrieben. Schon einige Tage nach der Entführung erbettelte Daniela von den Entführern ein Notizbuch und begann, Tagebuch zu führen. Schrieb alles nieder: ihre Angst. Ihre Hoffnung. Alle Telefonnummern, an die sie sich erinnerte. Malte eine Weltkarte für ihre Bewacher. Die kannten nur Pakistan, Afghanistan, USA und Indien. Spielte Stadt, Land, Fluss mit David. Zeichnete die Tastatur ihres Telefons und rief ihre Mutter und Freunde an. David übernahm den Part des Angerufenen, ein Rollenspiel, um nicht am Heimweh zu verzweifeln. Zusammen malten sie, was sie von ihrer Umgebung sahen. Den Hof, in dem man sie gefangen hielt. Die ungefähre Lage der Taliban-Quartiere. Vier Hefte sind es geworden, darin ein packendes Drama mit Bösewichten, Opfern, Liebe und schließlich das Happy End. Doch das Buch ist weit mehr als nur das Protokoll einer Entführung. Es ist auch ein detaillierter Einblick in die Alltagswelt der Taliban, in die Strukturen ihrer Familien und vor allem in die Situation der Frauen. "Die waren genauso Gefangene wie wir", erzählen die beiden.

Wäre es Fiktion, es wäre ein Thriller. "Aber es ist eine wahre Geschichte, die wir nicht erleben wollten, und jetzt wird sie für immer unsere sein", sagt Daniela. Sie hat zwei Teller Salat gegessen, Nudeln, in Windeseile, über den Teller gebeugt, wie ein Kind, das immer hungrig ist. Mal erzählt sie, mal David, sie sind gut synchronisiert, lassen einander ausreden, hören den Worten des anderen immer noch eine Weile nach, als seien diese ein Echo ihrer eigenen Gedanken. Daniela holt die Notizbücher, zeigt die Weltkarte, die Listen, die Zeichnungen. Sie blättert schnell, sie hat in den vergangenen Monaten alles schon so oft erzählt, der Familie, den Freunden, der Polizei, der Öffentlichkeit. Durch die Wiederholungen konnte sie die einzelnen Fäden einfangen, jetzt sind sie ein dichtes Knäuel. Jetzt gibt es eine Dramaturgie, die ist stringent, und nur an manchen Stellen, an kleinen Zittrigkeiten der Antworten, ist das Erstaunen, das Entsetzen geblieben, dass das, was geschah, ihnen, David und Daniela, widerfuhr.

"Selber Schuld", urteilten die Leute zu Hause. "Lassen wir sie doch, wo sie sind"

Das Paar heute

Das Buch soll ein Befreiungsschlag sein. Weniger von den Erinnerungen an die Entführung als von den Schuldzuweisungen, die sie erfuhren. Naiv. Dumm. Windige Abenteurer. "Selber schuld", hieß es in den Leserbriefen, als eine Schweizer Zeitung von ihrer Entführung berichtete. "Lassen wir sie doch, wo sie sind", war die härtere Version. Ihr Buch soll ihre Seite zeigen, nicht die, die sich andere zusammenreimen. "Die Leute urteilen über uns, als seien wir verantwortungslose Touristen. Aber wir wollten die Welt kennen lernen, wollten verstehen. Und es war bis zur Entführung auch beeindruckend. Uns hat sich ein Vorhang geöffnet. Das ist doch wichtig, dass man aufhört, sich selber als Zentrum zu sehen", sagt David.

Es war ein Lebenstraum. Vier Monate, 10000 Kilometer auf den Spuren von Marco Polo bis auf das Dach der Welt, den Himalaya. Italien, Türkei, Iran, Pakistan auf der vielbefahrenen Südroute und noch Indien. Dann der Rückweg. Wieder Pakistan, diesmal auf der Nordroute. Sie hatten die Reisehinweise des Schweizer Außenamts EDA gelesen: Von Reisen durch Pakistan ist abzuraten. Es gab solche Warnungen für viele Länder. Sie beantragten bei den pakistanischen Behörden eine Durchfahrtsgenehmigung und Polizei-Eskorte. Immer streckenweise wurden sie begleitet, dann hielt die eine Eskorte, sie fuhren weiter bis zum nächsten Posten. So war es auch am 1. Juli 2011. Zwei Kilometer unbegleitet. Kurzer Halt in Loralai. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Es begann der Albtraum.

Als sie ihre Reise begannen, waren sie seit sechs Jahren ein Paar. Sie hatten sich in der Polizei-Ausbildung bei der Kantonspolizei Bern kennen gelernt. Es gab viele Gemeinsamkeiten. Die Lust an Sport, die Neugier auf die Welt. Es gab Ergänzungen, die sich später in der Gefangenschaft als Vorteil erwiesen. David ist pragmatisch, analytisch, ruhig, Daniela emotional, warmherzig, offen für andere. Sie hatten Pläne, wie sie jedes Paar hat. "Damals hab ich die Welt durch eine rosarote Brille gesehen. Ich hatte ein schönes Leben, und ich dachte, das bleibt immer so", sagt Daniela. Vielleicht war David schon damals abgeklärter. Sein Vater, seine Schwester waren gestorben, das Rosarote ohnehin weg.

500 Kilometer wurden sie verschleppt. Zu Fuß, nächtelang durch unwegsames Gelände, über Felsen, Berge. Unter Decken verborgen im Wagen. Bis sie nach Waziristan kamen, Stammesgebiet, Hochburg der pakistanischen Taliban-Bewegung TTP. Es folgten Monate der Gefangenschaft an verschiedenen Orten. Schwer bewacht, voller Flohbisse, meist ungewaschen, oft hungrig, manchmal sehr krank. Schließlich Unterbringung bei einer paschtunischen Familie. Ein Mann, drei Frauen, elf Kinder. Ein Hof, in dem man 23 Schritte gehen konnte. Darum eine Mauer, jenseits karge Landschaft. Am Himmel amerikanische Drohnen. Das ständige Surren. Die Einschläge, wenn bombardiert wurde. Die Todesangst. Und dagegen immer wieder die Hoffnung, schon bald befreit zu werden. "Ich dachte, die Schweiz ist ein professioneller Staat, die holen uns hier raus, die können das", sagt David. Zu Beginn wollten die Entführer fünf Millionen Dollar. Anfang März 2012 lag die Forderung bei 50 Millionen Dollar. "Da war klar, so viel zahlt keiner für uns", sagt Daniela. Monatelang planten sie ihre Flucht. In einer Rumpelkammer fanden sie, was sie brauchten: Seile, Messer, Taschenlampe, sogar zwei Handgranaten. Sie nähten sich Rucksäcke. Sie bunkerten Essen. Sie horteten Wasser. Heimlich ölten sie das Tor in der Mauer. In einer dunklen Nacht entkamen sie und schlugen sich bis zu einem pakistanischen Militärposten durch. Zwei Stunden dauerte es, bis sie die Soldaten überzeugt hatten, ihnen Einlass zu gewähren.

Am 17. März, 261 Tage nach ihrer Entführung, kehrten David und Daniela in die Schweiz zurück. Erschöpft. Ein wenig traumatisiert, wie sie bald merkten. Aber glücklich, wieder in der Heimat zu sein.

Die Freude währte nicht lange. Ihre Wohnung, in die sie sich geträumt hatten, hatten die Eltern schließlich aufgelöst, weil es zu teuer wurde. In die Erleichterung der Familien und Freunde über das glückliche Ende der Entführung mischten sich bald Vorwürfe. Wie konntet ihr uns das antun? Wir haben uns so viele Sorgen gemacht, schlaflose Nächte hatten wir. Die ganzen Monate hatten sie sich die Rückkehr in hellen Farben gemalt. Pfannkuchen mit Ahornsirup wollte David essen, Daniela Müsli. Und laufen, immer laufen. David wollte Rotwein trinken. Sie dachten, wenn sie erst mal in Freiheit sind, ist alles gut.

Das Land der Taliban

Waziristan ist Teil der Stammesgebiete in Pakistan. Diese Gebiete sind ein politisches Vakuum, in dem der pakistanische Staat wenig Einfluss hat. Recht wird entsprechend der Stammesgesetze gesprochen. Hier entstanden auch die Taliban. Sie formierten sich in den Flüchtlingslagern, in die die Afghanen im Krieg gegen die Sowjetunion ab 1979 flohen. Inzwischen ist Waziristan auch Rückzugsgebiet für al-Qaida und Heimat der pakistanischen Taliban TTP (Tehreek-e-Taliban Pakistan), der Entführer von Och und Widmer. Nach jahrelangen Kämpfen bezeichnet die pakistanische Armee heute zumindest Süd-Waziristan als befriedet.

Text: Andrea Jeska Fotos: DPA, Dumont Verlag BRIGITTE 18/2013
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