Kinder für Klimaschutz: Was bewegt die Eltern?

Was tun, wenn es plötzlich heißt: "Mama, ihr habt unsere Zukunft zerstört"? Die Psychologin und Pädagogin Elisabeth Raffauf sagt: erst mal dankbar sein, dass nicht nur schweigend am Handy gedaddelt wird.

Frau Raffauf, Sie haben den Pubertätsratgeber "Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen" geschrieben. Wenn wir an "Fridays for Future" denken, sind "die" aber gerade ganz schön in Bewegung.

Elisabeth Raffauf: Sie halten uns den Spiegel vor. Sie sagen: Ihr habt geschlafen, habt unsere Zukunft aufs Spiel gesetzt, jahrzehntelang. Und sie reden nicht nur, sie werden auch aktiv. Das ist definitiv mehr als wachsen.

Sie arbeiten in einer Erziehungsberatung und leiten Elterngruppen. Was bewegt die Eltern gerade?

Sie sind extrem verunsichert: Einerseits sind sie stolz, dass ihre Kinder sich so engagieren, andererseits sollen sie zu Hause bitte nicht so aufmüpfig sein. "Renitent" nannte letztens ein verzweifelter Vater seine Tochter.

Ist ja auch nicht untertrieben, wenn da plötzlich jemand am Tisch sitzt, streng vegan bekocht werden will und fragt, warum denn eigentlich noch der "Scheiß-SUV" in der Garage steht.

Richtig schwierig wird es, wenn dieses renitente Wesen plötzlich verlangt, den Mallorca-Familienurlaub abzusagen, weil es nicht mehr fliegen will.

Turbulenzen im Flug nehmen zu

Und jetzt?

Moment. Erst mal sollten wir uns klarmachen: Hier kommt ein neues, richtig heißes Thema auf den Küchentisch – das ist doch spannend! Da wird nicht mehr geschwiegen oder mit dem Handy gedaddelt, da wird diskutiert. Eigentlich können wir Eltern dafür dankbar sein.

Wenn mir meine Tochter die Avocado aber aus der Hand reißt mit den Worten: "Weißt du eigentlich, wie viel Ressourcen dafür verschwendet wurden?" Muss ich mir meine Avocado verbieten lassen?

Nein, auf keinen Fall. Da kann ich sagen: Okay, du willst das für dich nicht, aber was ich esse, entscheide ich.

Und wenn es eben tatsächlich um den Familienurlaub nach Mallorca geht?

Sich auseinandersetzen, aushandeln, Kompromisse suchen. Am Ende kann es aber auch heißen: Wir haben die Tickets schon gebucht, wenn du nicht mit möchtest, suchen wir für dich eine Jugendfreizeit, wo alle mit Rad oder Bahn unterwegs sind. Wir sollten uns als Eltern nicht vor unseren Kindern herschieben lassen. Unterschiedlichkeiten müssen nebeneinander stehen bleiben dürfen: Wir fahren einen SUV. Du findest das blöd. So ist das.

Kommt nicht so gut an bei den Kids ...

Das ist aber auch nicht Ziel. Kinder sollen sich ablösen. In der Pubertät und danach müssen sie Dinge tun, die wir nicht für sie vorgesehen haben. Sie müssen ihren eigenen Weg gehen. Wir Eltern sind dafür da, ihnen Leuchttürme zu sein, ihnen Orientierung zu bieten und eben auch zu sagen: Da ist Schluss.

Es sei denn, wir denken plötzlich: Sie haben ja recht.

Ja, das ist dann aber eine echte Erkenntnis und kein bloßes Reagieren auf Druck. Kinder können nicht bestimmen, wie wir alle als Familie zusammenleben. Das überfordert sie auch. Eltern sind das Zentrum in der Familie. Sie entscheiden. Aber sie hören auch zu, handeln aus und sind kompromissbereit. Wer vegan essen möchte, kann das gerne tun, muss aber vielleicht ab sofort beim Kochen oder Einkaufen helfen – und den anderen am Tisch ihre Essensentscheidung lassen.

"Du quatscht ja nur schlau und machst nichts" - warum kränken uns solche Vorwürfe so?

Vielleicht haben wir als Kind Ähnliches erlebt: dass uns jemand ständig kritisiert hat, über uns hinweggebrettert ist. Jetzt triggern unsere Kinder diese empfindliche Stelle. Und wir reagieren wütend. Tatsächlich hat das aber weniger mit ihnen als mehr mit uns selbst zu tun. Wir übertragen unsere unbearbeiteten Konflikte auf andere. Kindern kann man schon mal gar nichts vormachen, sie finden verlässlich unsere empfindlichsten Punkte. Das ist ihr Job: Sie müssen gucken, was geht. Unser Job ist es zu zeigen, was nicht geht. Wenn jeder seinen Job macht, ist das genau richtig - aber es gibt eben auch Krach. Muss es geben. Geregelten Krach.

Geregelten Krach?

Regel eins: Wir vertragen uns auch wieder, ganz sicher. Regel zwei: nicht unter der Gürtellinie. Eltern werten Kinder schnell ab oder werten ironisch: "In der Schule bist du nicht gerade ’ne Leuchte, willst ja nur schwänzen." Besser: Ich sehe es komplett anders als du. Schule ist Schule.

Und wenn mein Kind gar nicht demonstrieren gehen will, ich das aber eigentlich gut fände?

Als Eltern haben wir gern den Impuls, unsere Kinder in die ein oder andere Richtung zu schubsen. Bisschen sportlicher, bisschen engagierter in diesem Fall. Da ist es wichtig zu wissen: Das ist meins, mein Kind hat damit nichts zu tun. Gesunde Kinder sind anders, als ihre Eltern sich das vorstellen. Man sollte sich darum fragen: Wie kann ich mein Kind so sehen, wie es ist? Und dann zum Beispiel nachfragen: Warum interessiert dich das nicht? Woher kommt deine Mutlosigkeit?

Es gibt ja auch die Eltern, die ihren Kindern fürs Demonstrieren Blanko-Entschuldigungen schreiben - oder gleich selbst mitgehen zur Demo. Für die 68er wäre es undenkbar gewesen, zusammen mit ihren Eltern zu demonstrieren.

Ja, das war undenkbar. Der Protest heute hat eine andere Qualität, da ist eine existenzielle Verzweiflung zu spüren. Insgesamt beobachtete ich bis jetzt, dass Kinder eher weniger rebellierten, weil die Zeiten so unsicher waren. Eltern trennten sich. Jobs waren oder sind gefährdet, Politik ist unberechenbar geworden. Viele haben darum das Gefühl: Ich kann jetzt nicht auch noch Stress machen. Wenn sie jetzt wieder aufbegehren, ist das darum ein gutes Zeichen.

Elisabeth Raffauf

Die Diplom-Psychologin mit eigener Praxis in Köln ist Erziehungsberaterin und Autorin zahlreicher Ratgeber, darunter "Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen" (Patmos Verlag, 192 S., 18 Euro). Sie arbeitet zudem für die Aufklärungsreihe "herzfunk" im WDR und für "Logo" im ZDF. Sie hat eine Tochter und einen Sohn, die der Pubertät erfolgreich entwachsen sind.

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BRIGITTE 25/2019

Wer hier schreibt:

Sina Teigelkötter
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