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Berührendes Projekt Sie lernten ihre Eltern nie kennen: Wie Kinder von 9/11-Opfern immer noch unter den Anschlägen leiden

Kleiner Junge gedenkt an Opfer des 9/11 Anschlags in New York
© Joseph Sohm / Shutterstock
Auch Menschen, die am Tag der Anschläge noch gar nicht geboren waren, haben mit den 9/11-Auswirkungen zu kämpfen, wie ein Projekt der "Washington Post" eindrucksvoll darstellt.

Sie waren noch nicht auf der Welt, als die Anschläge vom 11. September 2001 ihr Schicksal bereits entscheidend beeinflussten: Kinder von Getöteten der Anschläge in New York berichten in einem Projekt der "Washington Post", wie sie mit den 9/11-Folgen für sich und ihre Familie umgehen.

Sieben Wochen nach den Anschlägen geboren

Jack beispielsweise wurde sieben Wochen nach 9/11, an Halloween 2001, geboren und hat sein Leben unter dem Einfluss eines Mannes verbracht, an den er keine Erinnerungen hat, dem er jedoch sehr ähnlich zu sein scheint, wie die "Washington Post" schreibt, die Esse und weitere Betroffene der Anschläge des 11. September 2001 porträtierte.

"Ich habe ihn offensichtlich nie gekannt", sagte Jack, "aber ich habe viel von ihm in mir." Als Jack ein Kleinkind war, sprachen er und seine Mutter darüber, wo Daddy Jim lebte. Sie haben eine alte VHS-Kassette von einem dieser Gespräche. "Bei wem wohnt er jetzt?" fragt Mutter Terilyn. "Bei Gott und den Engeln", antwortet Jack. Und in seinem Herzen. Es gebe leider für sie keinen Erziehungsratgeber, in dem stünde, wie man seinem Kind erklärt, dass der Vater bei einem Angriff starb, bei dem Terroristen Flugzeuge als Raketen gegen Amerikas Symbole des Kapitalismus und der Demokratie einsetzten. Terilyn, die einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes wieder heiratete, erinnerte sich im Gespräch mit der "Washington Post", dass sie irgendwo gelesen hatte, dass sie die gestellten Fragen schlicht beantworten und nichts weiter hinzufügen solle. Als Jack im Kindergarten fragte, wie sein Daddy gestorben sei, sagte Terilyn: "Er war in einem Gebäude, und es ist heruntergefallen." Etwa ein Jahr später fragte er, wie das Gebäude gefallen sei. "Ein Flugzeug ist hineingeflogen", antwortete seine Mutter. Ab der dritten Klasse wurden die Fragen spitzer. Jack wollte wissen: "Warum sollte ein Flugzeug in ein Gebäude fliegen?" "Nun, da waren diese wirklich bösen Jungs", antwortete seine Mutter. "Und die Bösen flogen das Flugzeug und sie flogen das Flugzeug in das Gebäude."

Therapie

Je mehr Jack erfuhr, desto mehr Groll baute sich auf. Seine Mutter lebte in den Folgejahren immer noch in Fairfield, Connecticut, und hatte einen Mann geheiratet, der ihn wie seinen eigenen Sohn behandelte und ihn adoptierte. Er hatte eine jüngere Schwester und einen jüngeren Bruder sowie drei Stiefgeschwister. Und doch hatten seine Halbgeschwister ihren eigenen Vater aus Fleisch und Blut. "Ich hatte das Gefühl, dass mir etwas fehlte, was sie hatten – ein echter Vater, echte Geschwister, solche Sachen", sagte Jack der "Washington Post".

Jack konsultierte einen Therapeuten, aber er sagte, dass er den Groll bereits auf natürliche Weise überwunden habe. "Ich glaube, als ich älter wurde, sah ich, dass ich ein wirklich großartiges Leben hatte, einen Mann, den ich 'Dad' nannte, auch wenn er nicht mein leiblicher Vater war", sagte Jack. "Ich bin an den Punkt gekommen, dass ich es akzeptieren. Ich betrachte meine Geschwister wie meine echten Geschwister. Das ist meine Familie."

9/11 als lebenslanger Gedenktag

Als er aufwuchs, zeigten sich an Jack noch mehr Eigenschaften des Vaters, den er nie kannte. Er war vom Hockey-Sport besessen, genau wie sein Vater, und er gibt jedem Spitznamen, genau wie sein Vater.

Jeden 11. September begehen Jack und seine Familie in aller Stille Jims Tod. Er besucht einen nahegelegenen Park in Connecticut, in dem ein Denkmal für die Opfer des Angriffs steht. "Ich kann mich jedoch nicht mehr ständig fragen, wie mein Leben ohne den 11. September verlaufen wäre, wenn ich meinen Vater gekannt hätte", sagte Jack, jetzt Student der Betriebswirtschaftslehre in Wisconsin, der "Washington Post". "Ich weiß, wie schnell sich etwas ändern kann."

Quelle:  "Washington Post"

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei stern.de.

km/stern

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