Kinderarmut: "Mama, sind wir arm?"

Die Kinderarmut in Deutschland nimmt zu. Eine neue Studie untersucht die Lebenssituation der Jüngsten. Mit traurigen Ergebnissen, vor allem bei Alleinerziehenden.

Kinderarmut in Deutschland ist für Familienministerin Ursula von der Leyen "eines der beschämendsten Probleme in unserem Land". Noch nie lebten so viele Mädchen und Jungen von einem Minimum an Geld. Wie fühlen sich die Kleinen? Im Auftrag des internationalen Kinderhilfswerks World Vision hat die Erziehungswissenschaftlerin und Kinderforscherin Sabine Andresen zusammen mit Professor Klaus Hurrelmann 1600 Kinder befragt. Die genauen Ergebnisse können Sie hier nachlesen.

Sabine Andresen

BRIGITTE: Was empfinden Kinder, wenn sie arm sind, aber Tag für Tag auf das Leben im Überfluss schauen?

Sabine Andresen: Das Selbstwertgefühl der Kinder leidet. Sie fühlen sich klein und schlecht neben ihren Freunden, wenn sie in Kleidern vom Secondhand- Geschäft in der Schule sitzen, während die anderen Markenklamotten tragen. Und sie spüren den Druck, unter dem ihre Eltern leiden - den Druck, kein Geld zu haben, den Druck, keine Arbeit zu finden. Ein großes Stück Sicherheit fehlt im Alltag dieser Kinder.

BRIGITTE: Es ist ein Skandal, dass jedes sechste Kind auf Sozialhilfe-Niveau lebt. Ist das ein deutsches Problem?

Sabine Andresen: Studien von Unicef und der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigen, dass in allen Industrieländern die Zahl der Armen kontinuierlich zunimmt. Kinder sind im besonderen Maße von dieser Entwicklung betroffen: Ihre Armutsrate ist stärker gestiegen als die der Erwachsenen.

BRIGITTE: Kinder, deren Eltern Hartz IV bekommen, haben 2,57 Euro pro Tag für Lebensmittel. Das reicht, um satt zu werden, aber oft nicht für ein Essen in der Schulkantine. Was macht es mit Kindern, wenn sie eine Stulle von zu Hause essen, während die Klassenkameraden gemeinsam in der Kantine sitzen?

Sabine Andresen: Auf jeden Fall ist es für Kinder, die von Hartz IV leben, schwerer, in einen Freundeskreis integriert zu sein. Ins Schwimmbad gehen, im Verein Fußball spielen, den neuesten Film im Kino sehen - Kinder aus schwierigen finanziellen Verhältnissen stehen oft daneben, wenn Freunde ihre Freizeit planen. Kinder, die sich isoliert fühlen, können aggressiv werden, gegen sich selbst oder gegen andere. Manche ziehen sich in sich selbst zurück. Und Armut kann sogar bedeuten, dass Kinder hungern, das wollen viele nicht wahrhaben.

BRIGITTE: Über die Hälfte der mittellosen Kinder wohnen mit nur einem Elternteil zusammen. Heißt das, Kinderarmut entsteht vor allem aus der schwierigen Situation alleinerziehender Mütter?

Sabine Andresen: Genau. Mütter, die ihre Kinder allein versorgen, haben große Probleme auf dem Arbeitsmarkt. 20 Prozent sind in unserer Studie arbeitslos und 32 Prozent immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffen. Hinzu kommt: Ein Viertel aller alleinstehenden Eltern sind nur geringfügig beschäftigt, verdienen also in ihrem Job maximal 400 Euro im Monat.

BRIGITTE: Kommen die Einelternfamilien aus allen Bereichen der Gesellschaft?

Sabine Andresen: Ja, aber vom unteren Rand deutlich mehr: 36 Prozent gehören zur so genannten Unterschicht, 24 Prozent zur unteren Mittelschicht. 19 Prozent zählen zur Mittelschicht und 14 Prozent zur Oberschicht.

BRIGITTE: Sind die Kinder Alleinerziehender also die großen Verlierer?

Sabine Andresen: Leider muss man das sagen. Ein Drittel klagt auch darüber, zu wenig Zuwendung zu bekommen. Das bedeutet aber nicht, dass Alleinerziehende schlechte Eltern sind. Eine alleinstehende Mutter, die berufstätig ist, lebt im Dauerstress, was sich sonst auf zwei Rücken verteilt, trägt sie allein. Manche Mütter, die keine Arbeit haben, sind zudem psychisch sehr belastet.

BRIGITTE: Wie können wir den Nachwuchs und seine alleinstehenden Eltern unterstützen? Was halten Sie von Arbeitsminister Münteferings Vorschlägen, den Regelsatz für Hartz-IV-Kinder zu erhöhen?

Sabine Andresen: Auf jeden Fall müssen die Beitragssätze für Kinder deutlich steigen. Das wird aber nicht ausreichen, um Kinderarmut zu bekämpfen. Wir benötigen einen Mix aus Maßnahmen, um den Familien zu helfen. Mehr Kinderbetreuungsplätze und flexible Arbeitszeiten würden Mütter besser in die Berufswelt integrieren. Wichtig sind zudem gut zugängliche Beratungsangebote, um die vielen Facetten einer schwierigen Lebenssituation in den Griff zu bekommen. In Nordrhein-Westfalen werden z. B. Kindertagesstätten zu Familienzentren ausgebaut. Dort werden nicht nur die Kinder betreut und gefördert, sondern es gibt Angebote für die ganze Familie. Eine gute Idee, denn die Erziehungsverantwortung liegt ja nicht allein bei den Eltern. Es ist auch eine gesellschaftliche Pflicht, Kindern eine faire Chance zu geben.

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Interview: Astrid Joosten Foto: Dreamstime.com, Anne Schönharting BRIGITTE Heft 23/07
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