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Kinderrechte auf Social Media Sollen die Fotos deines Kindes auf der Festplatte völlig Fremder landen?

Kinderrechte auf Social Media: Kind wird beim Schaukeln fotografiert
© LeoPatrizi / Getty Images
Die Frage, ob und wie viel Kinder in den Sozialen Medien gezeigt werden dürfen, sorgt stets für Diskussionsstoff. Jedoch geht es dabei längst nicht mehr nur um die Verletzung der Privatsphäre, sondern auch um Kinderarbeit. Sara Flieder hat genau deshalb eine Petition gestartet, – so will sie Kinder schützen und Eltern einen Denkanstoß geben.

Schlafend im Bett, nackt in der Badewanne, weinend vor Wut, krank beim Arzt – Situationen, in denen man sich selbst ganz sicher nicht ungefragt tausenden Fremden präsentieren würde. Für viele Kinder auf Instagram aber Alltag. Eltern verdienen damit Geld.

Es muss doch Kinderrechte auf Social Media geben...

Sie begleiten ihr Kind auf Instagram von morgens bis abends, filmen es beim Aufwachsen, teilen Geschichten für Likes und Reichweite, ohne dass der:die Schutzbefohlene gefragt wird oder überhaupt schon gefragt werden kann. Und all das bleibt im Internet, schlimmstenfalls im Darknet: die ersten Gehversuche, Trotzanfälle, Kleiderschrankinhalte, Lieblingsspielzeug, Unverträglichkeiten, Verstopfungen und Co. Genau deshalb hat Sara Flieder jetzt die Faxen dicke und eine Petition gestartet. Sie sagt: Es muss ein (Kinder)Recht auf Schutz der eigenen Intimsphäre, insbesondere in den digitalen Medien, geben.

Du hast kürzlich eine Petition gestartet, die vielen Influencer:innen unangenehm aufstoßen könnte. Worum geht es dir?

Sara Flieder: Viele gewerbliche Influencer:innen, also die, die damit auch Geld verdienen, zeigen den kompletten Alltag ihrer Kinder. Das zum Teil auch Live. Also von morgens nach dem Aufstehen bis abends beim ins Bett gehen. Von vielen Kindern kann ich den kompletten Tag verfolgen. Ich weiß, wie die Kinder heißen, wann sie krank waren, was sie anhaben, wie ihre Zimmer aussehen, wann sie trocken werden, womit sie gern spielen, was sie essen, teilweise sogar, wo sie zur Kita oder Schule gehen, bis hin zu ihrem Wohnort. Wenn man die Ecke kennt, muss man dafür nicht mal googeln. Man verletzt damit nicht nur die komplette Privatssphäre der Kinder, sondern teilweise werden sie auch in wirklich schlimmen Situationen gezeigt, beispielsweise komplett dreckverschmiert, weinend, während eines Trotzanfalls, in der Badewanne oder auf dem Klo. Das ist mir schon länger aufgefallen und schockiert mich ehrlich gesagt sehr. Deswegen habe ich die Petition gestartet, um einen Denkanstoß zu liefern, die Aufmerksamkeit auf die Sache zu lenken und im allerbesten Fall eine rechtliche Grundlage zu schaffen

Gibt es die nicht?

Nein, leider nicht. Es gibt zwar universelle Kinderrechte, beispielsweise zum Schutz vor sexuellen Übergriffen, aber die sind immer noch nicht im Grundgesetz verankert. Und es gibt keine rechtlichen Regelungen, die die Darstellung von Kindern auf Social Media verbieten oder zumindest reglementieren. Außerdem werden die Kinder ja nicht nur durch den Alltag begleitet, sondern müssen dazu noch für Werbung herhalten – weshalb sich die Petition explizit auf gewerbliche Influencer:innen bezieht. Für Kinder, die offiziell Werbung machen, gibt es zwar Regelungen, beispielsweise was die Arbeitszeit betrifft, also wenn sie für Aufnahmen oder Werbung gebucht werden, auf Instagram gibt es das aber nicht und es kontrolliert auch niemand.

Und für mich das absurdeste Argument: Influencer:innen bezeichnen, dass was sie tun auch als Arbeit, aber für ihre Kinder gilt das nicht?

Aber ist es für die Kinder Arbeit, wenn sie im Alltag begleitet werden?

Das Argument ist häufig, dass es das nicht ist, weil es nebenbei passiert. Aber schaut man genauer hin, tut es das meist nicht. Die Kinder müssen trotzdem gut aussehen, saubere Klamotten anhaben, in Pose gesetzt werden, gekämmt sein. Und für mich das absurdeste Argument: Influencer:innen bezeichnen, dass was sie tun auch als Arbeit, aber für ihre Kinder gilt das nicht? Wünschenswert wäre daher wenigstens ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit, damit sich Leute damit auseinandersetzen und bestenfalls ein Verbot, Kinder in intimen Momenten bloßzustellen. 

Welche Gefahren siehst du für die Kinder?

Eine der größten und vor allem auch eine, die bewiesen ist durch verschiedene Recherchen ist, dass die Fotos im Darknet landen und von kriminellen Pädophilen heruntergeladen werden. Und da geht es nicht mal um explizite Nacktfotos, da reichen auch schon die, wo nur ein nackter Fuß oder Arm drauf ist, Kinder die am Eis lecken oder eine Banane in der Hand halten. Also Situationen, die man als Eltern im ersten Moment gar nicht als sexualisiert auf dem Schirm hat, weil man diese Gedanken nicht hat. Gleichzeitig macht es Menschen, die auf der Suche nach potentiellen Opfern sind sehr leicht, wenn man unbedarft alles teilt, was die Kinder mögen und wo sie sich aufhalten. Und von diesen Dingen einmal abgesehen: Ich würde nicht wollen, dass in 20 Jahren jemand auf mich zukommt und mich auf meine Vorhautverengung im Kindesalter anspricht. 

Oh Gott nein!

Außerdem ist es natürlich auch ein fruchtbarer Boden für Mobbing, gerade bei älteren Kindern, die oft einfach gar nicht gefragt werden, aber das dann vielleicht in der Schule ausbaden müssen. 

Ich glaube schon, dass viele Eltern tatsächlich die Gefahren so nicht erkennen.

Im Grunde ist das jetzt die erste Elterngeneration, die Social Media so nutzt. Hast du das Gefühl, da fehlt es den Eltern an Sensibilität?

Ich glaube schon, dass viele Eltern tatsächlich die Gefahren so nicht erkennen. Das trifft aber nicht auf Influencer:innen zu. Ich weiß, dass viele auch genau deswegen angeschrieben werden, auch ich habe das schon häufiger gemacht und wurde immer blockiert. Diskussionen werden gar nicht zugelassen. Ich denke, sie wissen das sehr genau und nehmen es in Kauf. Das finde ich eigentlich viel schlimmer, als die, die sagen: "Hab ich gar nicht auf dem Schirm gehabt. Das ändere ich jetzt." Schließlich ist niemand von uns perfekt. Ich habe auch Bilder gepostet, über die ich nicht nachgedacht habe, nichts wirklich Kritisches, aber würde ich heute so auch nicht mehr machen. 

Was würdest du Eltern raten?

Es ist ein wirklich schwieriges Thema und ich diskutiere da auch immer wieder mit Leuten, was ok ist und was nicht. Aber genau darum geht es ja auch, einen Diskurs zu starten. Und das passiert gerade. Mir schreiben sehr viele zu diesem Thema, zum einen, dass es ein Denkanstoss für sie war, über ihren eigenen Feed zu schauen, zum anderen aber auch darüber, wo man Grenzen zieht. Und das ist schon sehr viel wert, finde ich. 

Social Media kann ja auch richtig fies werden. Hast du keine Angst vor Hate von der Gegenseite?

Bisher habe ich nur positives Feedback bekommen, sogar einige größere Bloggerinnen und Accounts haben die Petition geteilt. Je größer die Petition wird, desto mehr Moderationsaufwand wird das natürlich für mich neben Job und Familie. Kann natürlich sein, dass da auch Hate dabei ist, aber sowas würde ich löschen bzw. melden, wenn es wirklich gegen Gesetze verstößt. Auf inhaltliche Kritik gehe ich aber immer ein und ich denke, da habe ich gute Argumente.

Was erhoffst du dir?

Vor allem, dass das Thema mehr in den Fokus rückt. Bis in den Bundestag muss es die Petition erstmal schaffen und selbst dann ist ja nicht klar, wie das weitergeht, aber das sehe ich auch nicht als meine Aufgabe, Gesetzesentwürfe vorzulegen. Für mich wäre schon ein Ziel erreicht, wenn politische Entscheider:innen darüber diskutieren und das Thema überhaupt Aufmerksamkeit bekommt. Tatsächlich habe ich mitbekommen, wie einige Abgeordnete die Petition sogar schon geteilt habe. Ein großer Erfolg!

Absolut, ich habe auch direkt meinen Account gecheckt und überlegt, was ich da vielleicht mal runternehmen sollte…

Ja und mal ehrlich: Ich habe schon ewig Instagram, aber noch nicht so lange Kinder, aber das kenne ich auch, dass man bestimmte Schnappschüsse gerne teilen will, weil man selbst so stolz drauf ist, das kann ich auch total verstehen. 

Würde ich wollen, dass vollkommen Fremde dieses Bild auf ihrer Festplatte haben oder diese Information kennen?

Hast du Tipps, wo man sich gut als Eltern zu diesem Thema informieren kann?

Ja, es gibt Plattformen wie schau.hin, die kann ich empfehlen. Dann gibt es noch sicher-im-netz.de oder klicksafe.de. Ich würde mich aber zuerst immer fragen: Würde ich wollen, dass das von mir im Netz ist? Muss ich das teilen, hat das wirklich Mehrwert? Würde ich wollen, dass vollkommen Fremde dieses Bild auf ihrer Festplatte haben oder diese Information kennen?

Sara Flieder...

Kinderrechte auf Social Media: Sara Flieder
Sara Flieder
© Privat

...lebt in Hamburg und ist selbst Mama von zwei Kindern. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat lange als Social Media Referentin gearbeitet und ist nun als Onlineredakteurin tätig. Wer mehr zu ihrer Petition erfahren möchte, findet alles weitere hier. Auf ihrem Instagram-Kanal hält Sara ihre Follower:innen auf dem aktuellen Stand. 

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