Kindesmissbrauch: "Abschreckung allein hilft nicht"

1,8 Millionen Kinder werden weltweit sexuell missbraucht - für Pornos, als Prostituierte. Jetzt tagte eine internationale Konferenz in Rio de Janeiro, um Kinder vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Aus Deutschland mit dabei: Ekin Deligöz - Bundestagsabgeordnete der Grünen, Mitglied der Kinderkommission, im Vorstand von UNICEF und Mutter von zwei Kindern.

Ekin Deligöz

BRIGITTE.de: Konnten sich die 3000 Delegierten aus aller Welt auf ein gemeinsames Vorgehen gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen einigen?

Ekin Deligöz: Ja, es sind verschiedene Beschlüsse gefasst worden, die jetzt von den nationalen Regierungen umgesetzt werden sollen, um gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern aktiv zu werden - und zwar mit definitiven Zeitangaben. Leider liegen die Beschlüsse noch nicht schriftlich vor. Wir haben in diversen Arbeitsgruppen getagt - und der UN-Kinderschutzbeauftragte wird alle Ergebnisse zusammenfassen. Aber klar ist jetzt schon, dass dieser großen Konferenz Taten folgen müssen - es ist ja immerhin schon die dritte internationale Zusammenkunft zu diesem wichtigen Thema. Wir wollen zum Beispiel dass die Tourismusindustrie sich selbst verpflichtet, gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen vorzugehen, etwa indem sie ihr Mitarbeiter schult und sexuellen Missbrauch in ihren Hotels nicht mehr zulässt.

BRIGITTE.de: Gehen Ihnen die Beschlüsse denn weit genug?

Ekin Deligöz: Auf der internationalen Ebene haben wir eine ganze Menge erreicht - denn sehr viele Staaten sagen jetzt: Wir wollen sexuellen Missbrauch nicht mehr dulden und ihn bekämpfen. Wenn jetzt - wie geschehen - islamisch-arabische Staaten sagen, sie sind gegen Minderjährigen-Heirat, dann hat sich etwas getan. Oder, die Frage bis zu welchem Alter wir von sexuellem Missbrauch sprechen. Das wurde auf der letzten Konferenz noch strittig diskutiert. Jetzt haben wir uns auf 18 Jahre geeinigt. Das ist ein Fortschritt. Dabei muss man bedenken: Wir reden über einen organisierten Bereich - Kinderhandel ist der zweitgrößte Markt, gleich hinter Waffenhandel.

BRIGITTE.de: Und wie geht es weiter, wenn die Beschlüsse von Rio veröffentlicht sind?

Ekin Deligöz: Die einzelnen Länder werden Folgekonferenzen organisieren - für Deutschland steht der Termin im März schon fest. Da sollen dann konkrete Handlungspläne erstellt werden.

BRIGITTE.de: Dann schauen wir doch mal nach Deutschland: Was halten Sie von der jüngsten Initiative von Familienministerin von der Leyen? Sie will ja Provider gesetzlich dazu verpflichten, Seiten mit Kinderpornos zu blockieren.

Ekin Deligöz: Entscheidend ist, wie dieser Ansatz vollzogen wird. Viele aus dem IT-Bereich sagen, dass das nationale Vorgehen nur bedingt etwas bringt, weil man es eben umgehen kann. Insofern ist es ein Ansatz, aber es darf nicht der einzige bleiben. Wir sollten zum Beispiel auch Kreditkarten-Unternehmen verpflichten mit Verantwortung zu übernehmen, denn die Bezahlung der Internetkunden geht ja meist über Kreditkarten.

BRIGITTE.de: Müssen in Deutschland nicht auch die Strafen verschärft werden? Nutzer von Kinderpornos kommen in den allermeisten Fällen mit Bewährungsstrafen unter zwei Jahren davon. Und die, die Kinder quälen und dabei filmen, müssen höchstens fünf Jahre hinter Gitter.

Ekin Deligöz: Grundsätzlich bin ich bei dem Ruf nach schärferen Gesetzen immer eher skeptisch. Wir wissen, dass es so nicht funktioniert. Den Leute ist ja schon jetzt bewusst, dass sie etwas Illegales tun. Uns fehlen nicht neue Gesetze, uns fehlt es am Vollzug der Gesetze. Da müssen wir konsequenter sein. Auch im Bereich der internationalen Strafverfolgung.

BRIGITTE.de: Aber mit schärferen Gesetzen würde man diesen Verbrechen auch ein anderes Gewicht gegeben - und den Kindern auch.

Ekin Deligöz: Ich glaube, Abschreckung allein hilft nicht. Wir müssen das Bewusstsein schärfen - das nehme ich auch von diesem Kongress mit - dass Kinder Persönlichkeiten mit eigenen Rechten sind. Darum müssen wir auch die Debatte über die Aufnahme der Kinderechte in die deutsche Verfassung fortführen.

BRIGITTE.de: Die sexuelle Ausbeutung von Kindern ist einerseits mieseste Geschäftsmacherei - andererseits hat sie auch mit Armut und Bildungschancen zu tun.

Ekin Deligöz: Stimmt. Deshalb müssen auch Maßnahmen ergriffen werden, die die bestehenden Strukturen verändern. In Brasilien wird jetzt zum Beispiel ein Schulprogramm gestartet: Die Eltern bekommen eine Art Mindestlohn, wenn ihre Kinder eine Schule besuchen. Dadurch werden die Kinder aus dem Zwang befreit, ihre Familien durch Arbeit ernähren zu müssen. Und sie erhalten eine Schulausbildung. Einige asiatische Staaten bringen die Schulen in die Nähe der Fabriken. Und die Unternehmer sind verpflichtet, die Kinder einige Stunden am Tag dort hinzuschicken. Das sind bisher einzelne Projekte. Aber dadurch, dass wir uns hier ausgetauscht haben, können andere Länder von diesen Ideen profitieren.

BRIGITTE.de: Welches Erlebnis auf dieser Konferenz hat Sie am meisten beeindruckt?

Ekin Deligöz: Das war die Rede einer 16-jährigen Indonesierin, die mit zehn Jahren von ihren Eltern verkauft wurde und die jetzt in einem UNICEF-Projekt lebt. Sie sagte: 'Ihr redet alle davon, dass wir Kinder eure Zukunft sind. Für viele ist es aber die bittere Gegenwart über die wir hier reden. Und wenn die überhaupt eine Zukunft haben sollen, dann müsst ihr jetzt sofort handeln.'

Interview: Silke Baumgarten Foto: Getty Images(1)

Wer hier schreibt:

Silke Baumgarten
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