Kindesmissbrauch: "Auch die Familien haben versagt"

Fast täglich werden neue Fälle von Kindesmissbrauch bekannt - in kirchlichen Internaten und Heimen, aber auch in der renommierten Odenwaldschule. Professor Manfred Kappeler, Sozialpädagoge und Psychotherapeut, erklärt, wie es dazu kommen konnte.

BRIGITTE.de: Einrichtungen wie die Odenwaldschule oder das Internat Ettal genießen einen guten Ruf - warum sind die Missbrauchsfälle dort nicht früher bekannt geworden?

Manfred Kappeler: Man muss ganz klar sagen: Hier haben nicht nur die Institutionen versagt, sondern auch die Familien. Die Kinder auf der Odenwaldschule etwa kommen aus intakten, bürgerlichen Verhältnissen. Eltern, die ein offenes Auge für ihr Kind haben, hätten an den Wochenenden fragen müssen: Du bist so bedrückt, was ist los? Aber die Familien haben über Jahrzehnte hinweg dieses Spiel mitgemacht und geschwiegen.

BRIGITTE.de: Häufig können die Opfer einen Missbrauch aber doch so gut verbergen, dass es auch für die Eltern schwierig ist, ihn zu erkennen.

Kappeler: Natürlich, die Kinder mauern. Bei Jungen, die gerade in die Pubertät kommen, herrscht eine ausgesprochene Homophobie. "Schwul" ist für sie eins der schlimmsten Schimpfworte. Wenn ein Junge in diesem Alter von einem Mann missbraucht wird, schweigt er darüber - weil sonst seine Stellung in der Clique bedroht ist. Außerdem gibt es unter den Schülern dieser Internatsschulen einen ausgeprägten Korpsgeist. Die Kinder wissen, dass sie auf eine Eliteschule gehen, sie wissen, dass ihre Eltern stolz darauf sind und viel Geld dafür bezahlen. Sie fürchten, dass sie ihre Familien enttäuschen und deren Ansehen ramponieren, wenn bekannt wird, dass sie missbraucht werden. Aber wenn in der Familie ein offenes Vertrauensverhältnis besteht, müssten sich die Kinder trotz dieser Ängste an die Eltern wenden können. Wenn das nicht passiert, dann ist ganz offenbar die Kommunikation in der Familie gestört.

Professor Manfred Kappeler

BRIGITTE.de: Die meisten Missbrauchsfälle, die jetzt öffentlich werden, sind an katholischen Schulen und Heimen passiert. Warum kommt sexuelle Gewalt dort offenbar besonders häufig vor?

Kappeler:: Die Ordensbrüder und Ordensschwestern, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern, sind in der Regel selbst auf Klosterschulen gewesen und unter dem Gebot absoluten Gehorsams ausgebildet worden. Sie haben nie gelernt, über ihre sexuellen Bedürfnisse zu reden und damit umzugehen. Hinzu kommt, dass die Kinder auch bei ihnen beichten müssen. Dadurch haben sie die perfekte Möglichkeit, in ihren Opfern Schuldgefühle zu erzeugen und sie unter Druck zu setzen.

BRIGITTE.de: Welche Rolle spielt dabei das Zölibat?

Kappeler: Das Zölibat ist nur ein Aspekt von vielen. Es gibt ja auch viele Täter - in Familien, in Sportvereinen -, die in einer sexuellen Beziehung leben und trotzdem Kinder missbrauchen. Und es gibt andere Religionsgemeinschaften, etwa den Buddhismus, die auch Keuschheitsgebote kennen, aber in denen Missbrauchsfälle nicht in diesem Umfang vorkommen. Das Problem ist, dass in der katholischen Kirche jede Form der Sexualität, selbst Fantasien, verteufelt wird. Nur das Zölibat abzuschaffen würde nichts bringen. Die Kirche müsste ihre Sexualmoral lockern und es Nonnen und Priestern freistellen, ob sie keusch leben oder nicht.

BRIGITTE.de: Viele Fälle, die jetzt bekannt geworden sind, liegen schon Jahrzehnte zurück. Ist Missbrauch auch heute noch ein so großes Problem?

Kappeler: Ja, selbstverständlich. Aber gerade in kirchlichen Einrichtungen ziehen die Bischöfe Priester und auch Nonnen, die solche Übergriffe begehen, aus dem Verkehr und versetzen sie. Die Täter wurden über die Verjährungsgrenzen geschoben, um sie der Gerichtsbarkeit und damit der Öffentlichkeit zu entziehen. Die Strategie der Kirche ist es, die Institution zu schützen - auf Kosten der Kinder.

BRIGITTE.de: Würden längere Verjährungsfristen etwas bringen?

Kappeler: Die Straftaten verjähren derzeit in fünf bis zehn Jahren, nachdem das Opfer volljährig geworden ist. Die meisten Opfer brauchen aber 20, 30, manchmal 40 Jahre, bis sie ihr Schweigen brechen können. Mit längeren Fristen könnten mehr Täter in öffentlichen Gerichtsverfahren zur Rechenschaft gezogen werden. Auch die Kirche würde durch solche Prozesse gezwungen, Verantwortung zu übernehmen.

BRIGITTE.de: Sind unter den Tätern auch Nonnen?

Kappeler: Ja, ich kenne Fälle, in denen Ordensschwestern - die ja mit den gleichen unterdrückten sexuellen Bedürfnissen leben wie Mönche oder Priester - sexuelle Gewalt gegen Mädchen angewendet haben. Aber eine gewalttätige weibliche Sexualität wird in unserer heterosexuellen Gesellschaft kaum wahrgenommen. Hinzu kommt, dass Frauen eine Mütterlichkeit, also eine besondere Fähigkeit zur Erziehung, unterstellt wird. Deshalb wird Kindern, die von Nonnen missbraucht wurden, noch weniger geglaubt als anderen Missbrauchsopfern.

BRIGITTE.de: Die Odenwaldschule ist keine kirchliche Einrichtung. Wie konnte es dazu kommen, dass auch dort Kinder missbraucht wurden?

Kappeler: In der Odenwaldschule gehört ein sehr enger Bezug zwischen Kindern und Erziehern zum pädagogischen Konzept. Während die Kinder in kirchlichen Einrichtungen von ihren Erziehern durch die Beichte und durch Schuldgefühle abhängig waren, entsteht hier die Gelegenheit für Täter durch diese Nähe zu den Kindern. Gruppen von 15 Schülern sind dort etwa wie Familien organisiert, denen je ein Lehrer als Familienoberhaupt vorsteht. Die Kinder haben keine Möglichkeit, über Übergriffe zu sprechen - aus Angst, dass das negativ auf sie zurückschlägt.

BRIGITTE.de: Was muss sich ändern, um die Täter abzuhalten und die Kinder zu schützen?

Kappeler: Die Erzieher müssen schon in der Ausbildung auf diese Situation vorbereitet werden. Vor allem müssen die Kinder und Jugendlichen darüber informiert werden, dass solche Gefahren existieren - und sie müssen bei Missbrauch angstfrei darüber reden können. Eine Einrichtung in Norddeutschland zum Beispiel hat dafür Ombudsleute, die nicht unmittelbar zum Kreis der Erzieher gehören und die die Kinder jederzeit anrufen können, wenn sie das Gefühl haben, sie können über ein Problem nicht mit dem Erzieher sprechen.

BRIGITTE.de: Glauben Sie, dass die öffentliche Empörung etwas ändern wird?

Kappeler: Als Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge hoffe ich das! Aber es gibt auch eine Gegenströmung, eine Welle von Solidarität für diese Einrichtungen. Wenn Ehemalige der Klosterschule Ettal nun darüber klagen, dass frühere Mitschüler die Schule öffentlich mit Schmutz bewerfen, wenn sie bekunden, sie hätten eine wunderbare Kindheit dort gehabt und seien nie mit sexueller Gewalt in Kontakt gekommen - was bedeutet das dann für die Opfer? Ihnen wird dadurch unterstellt, dass es an ihnen gelegen haben muss.

Interview: Swantje Wallbraun Fotos: Fotolia.com; privat

Wer hier schreibt:

Swantje Wallbraun
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