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"Jeden Tag erleben 43 Kinder sexuelle Gewalt"

Kindesmissbrauch: Trauriges Mädchen
© PV productions / Shutterstock
Der Missbrauchsfall von Münster erschüttert Deutschland. Doch Kindesmissbrauch ist kein Einzelfall, weiß Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein. Wir haben mit ihm über Warnsignale gesprochen – und darüber, was jeder einzelne tun kann.

Über mehrere Jahre soll ein 27-jähriger Mann in der Gartenlaube seiner Mutter in Münster Kinder sexuell missbraucht haben. Gemeinsam mit anderen Tätern soll er sich dort unter anderem stundenlang an zwei fünf und zehn Jahre alten Jungen vergangen haben. Die Taten wurden aufgezeichnet, verschlüsselt vertrieben – und sollen "nur die Spitze des Eisberges" sein, wie der Münster Polizeipräsident Rainer Furth nun vermutet. Ein weiteres Opfer wurde bereits identifiziert, insgesamt sitzen sieben Verdächtige in Untersuchungshaft. 

Zurück bleiben nicht nur Massen verschlüsselter Kinderpornographie und eine Sprachlosigkeit der Erschütterung. Die Aufnahmen sollen für die Polizei-Beamten nur schwer zu ertragen sein, für die Bevölkerung sind sie unvorstellbar.

Der Missbrauchsfall aus Münster holt aktuell die Abgründe der Gesellschaft hervor, vor denen wir normalerweise gerne die Augen verschließen. Denn was viele Menschen auch jetzt nicht wahrhaben wollen: Der Kindesmissbrauch ist kein Einzelfall. Das lernen wir von Rainer Rettinger, dem Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins. Im Interview mit BRIGITTE.de haben wir ihn gefragt, was wir eigentlich gar nicht wissen möchten, aber müssen. Denn nur mit offenen Augen, Einfühlsamkeit und Mut kann jeder einzelne etwas gegen den Missbrauch von Kindern tun, der in Deutschland jeden Tag stattfindet. 

In jeder Schulklasse sitzen 1 – 2 Kinder, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder gerade erleben müssen. 

Das Thema Kindesmissbrauch wird oft verdrängt – wie sieht die Realität aus? Werden in Deutschland viele Kinder missbraucht – und wie sieht es mit der geschätzten Dunkelziffer aus? 

"Es sind traurige und erschreckende Zahlen: Jeden Tag erleben laut Kriminalstatistik 43 Kinder sexuelle Gewalt. Hier handelt es sich aber nur um die wenigen angezeigten Fälle. In jeder Schulklasse, laut Berechnungen der WHO, sitzen 1 – 2 Kinder, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder gerade erleben müssen. Es sind deutlich mehr Mädchen, die missbraucht werden, deutlich mehr Männer als Frauen, die missbrauchen, aber eben, dies sei deutlich gesagt, missbrauchen auch Frauen/Mütter. Es sind Kinder vom Säuglingsalter bis in die späte Jugend. Worüber kaum jemand spricht, ist Missbrauch an behinderten Kindern, er ist drei Mal so häufig wie an nicht behinderten Kindern!"

Puh. Wie könnte ich denn erkennen, dass ein Kind missbraucht wird – als Elternteil, aber auch als Erzieher*in oder andere Bezugsperson? Gibt es spezifische Warnsignale? 

"Die Anzeichen sind leider oft nicht eindeutig. Jüngere Kinder erzählen teils von ihren Erlebnissen. Viele Kinder schweigen, aber verändern ihr Verhalten, wirken sehr traurig oder aggressiv, ziehen sich zurück oder verarbeiten die sexuelle Gewalt im freudlosen Nachspiel des Erlebten. Dauerhaft missbrauchte Kinder entwickeln die Fähigkeit, nur noch wenig zu fühlen, sie steigen teils ungewollt aus ihrem Körper aus. Auch eine altersuntypische Sexualsprache oder Doktorspiele mit den bei Erwachsenen üblichen Sexualpraktiken sollten Anlass sein, genau hinzuschauen. Teils gehen die Täter*innen auffällig enge Beziehungen mit dem Kind ein, isolieren es von anderen Kontakten und betonen wie 'phantasiebegabt' das Kind sei." 

Bitte zeigen Sie Zivilcourage und sagen sie nicht aus Angst vor falschem Verdacht: 'Das geht mich nichts an'.

Und was mache ich, wenn ich einen Verdacht habe? 

"Wenden Sie sich an eine auf sexuellen Missbrauch spezialisierte Beratungsstelle, das geht auch erst einmal telefonisch und notfalls anonym. Mit der Fachstelle können Sie beraten, wie Sie mit dem Kind sprechen können oder ob besser vorher eine Meldung an das Jugendamt, Familiengericht oder die Polizei erfolgen sollte. Bitte zeigen Sie Zivilcourage und sagen sie nicht aus Angst vor falschem Verdacht: 'Das geht mich nichts an'. Sorgen Sie für Klarheit und wo nötig, für Schutz und Hilfe."

Die Mehrheit der Täter und Täterinnen sind keine Fremden.

Wie spreche ich mit Kindern über das Thema Missbrauch? Wie sensibilisiere ich mein eigenes Kind dafür, nicht mit Fremden mitzugehen, "Nein“ zu sagen?

"Die Mehrheit der Täter und Täterinnen sind keine Fremden, es sind ältere Jugendliche, Verwandte und Bekannte. Täter gehen geschickt und manipulativ vor, sie wählen die Kinder aus, verstricken sie und bringen sie zum Schweigen. Bei jüngeren Kindern genügt der Hinweis, dass es Erwachsene gibt, die Kinder an den Po oder in die Hose fassen und jedes Kind ein Recht hat, sich Hilfe zu holen. Hierzu gibt es Bilderbücher, etwa von Zartbitter (www.zartbitter.de). Machen Sie deutlich, dass ein Kind jede Berührung zurückweisen darf, die es nicht mag. Erzählen Sie aber auch, von Kindern, die es nicht hinbekommen, gleich 'Nein' zu sagen und wie mutig Sie es finden, wenn so ein Kind oder eines seiner Freunde sich anvertraut und Hilfe sucht."

Und wie kann ich mein Kind so erziehen, dass es sich mir anvertraut, wenn es Schlimmes erlebt? Selbst wenn es Scham oder Angst empfindet?

"Erzählen Sie Ihrem Kind davon, wie wichtig es Ihnen ist, ihm ein Elternteil zu sein, zu dem das Kind auch kommen kann, wenn es Angst hat oder sich schämt. Solche Situationen gibt es im gemeinsamen Alltag ja immer wieder. Würdigen Sie, sobald sich das Kind Ihnen anvertraut. Falls Sie zu wütenden Vorhaltungen neigen 'ich habe es dir ja gesagt', bitten Sie Ihr Kind nach solchen Szenen wenigstens um Verzeihung. Machen Sie deutlich, dass jedes Kind ein Recht hat, eigene Erfahrungen zu machen und dabei auch an Grenzen zu gehen, um diese kennen zu lernen. Bieten Sie sich als Person an, die dem Kind glauben und für es da sein wird, wenn es Sie braucht – dafür sind Eltern da."

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch, lieber Rainer Rettinger!

Sexueller Kindesmissbrauch – was wir darüber wissen sollten

Mehr zu dem Thema erfährst du auch im Podcast unserer Kolleg*innen von ELTERN.de. Vera Falck von Dunkelziffer e.V. aus Hamburg spricht mit Julia Schmidt-Jortzig über Alarmsignale bei Kindern und die beste Vorgehensweise bei einem Verdacht.


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