Klatsch: Eine reine Frauensache?

Warum ist Klatsch seit jeher den Frauen zugeschrieben worden? Und klatschen Frauen wirklich mehr als Männer? In seinem Buch "Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz" geht BRIGITTE.de-Redaktionsleiter Christian Schuldt auch diesen Fragen nach. Eine Leseprobe.

Vom Waschplatz zum Kaffeeklatsch

Christian Schuldt: Klatsch! (200 Seiten, 18 Euro, Insel Verlag)

Indiskretion ist etwas, auf das man sich nur bei den wenigsten Frauen verlassen kann (Oscar Wilde)

Die Frau, das klatschende Geschlecht?

In der Bad Reichenhaller St. Georg-Kirche ist eine interessante Darstellung der Redensart "Das geht auf keine Kuhhaut" zu sehen: Ein mittelalterliches Fresko zeigt vier Teufel, die an einem Fell zerren, darüber stecken drei Frauen ihre Köpfe zusammen, ein fünfter Teufel schreibt auf das Fell die Sünden der Menschen. Genauer: die der Frauen. Die Botschaft lautet also, dass selbst das größte Fell, nämlich das Kuhfell, nicht ausreicht für all die Sünden, die die Frauen mit ihrem Klatsch produzieren. So wie Fama, die Gottheit des Klatsches, als Frau erdacht wurde, galten Klatsch und Tratsch schon immer als Domäne des weiblichen Geschlechts.

Wobei "Geschlecht" hier durchaus wörtlich zu verstehen ist. Denn der direkte und meist denunzierende Bezug auf die weiblichen Geschlechtsorgane springt bei den Bezeichnungen für Frauen, die gern reden, ins Auge: Klatsche, Klatschweib, Klatschlise, Klatschlotte, Klatschdose, Klatschbüchse, Klatschloch, Klatschfutte, Klatschkasten, Klatschtasche oder Klatscheuter sind nur einige der Begriffe, die im Umlauf waren oder sind. Einen wichtigen Beitrag zur Etablierung des Klatsches als typisch weibliche Eigenschaft lieferten unter anderem die aufklärerischen Philosophen Denis Diderot und Jean-Jaques Rousseau, die in ihren Schriften den Klatsch am Hofe und die Salonkonversation karikierten. In seinem Roman "Die indiskreten Kleinode" (1748) ließ Diderot die Sexualorgane der Damen sogar selbst klatschen und von ihren Abenteuern berichten.

Warum aber wurde Klatsch seit jeher den Frauen und ihren Geschlechtsteilen zugeschrieben? Warum gibt es Dutzende von Klatsch(schimpf)worten für Frauen, aber kaum eines für Männer? Die Psychoanalyse hat hier eine recht plastische Antwort parat. Das Phänomen des Redeflusses wecke archaische Ängste, etwa die Vision eines unendlich großen Hohlraumes, der wiederum durch den Abgrund des weiblichen Geschlechtsorgans symbolisiert werde.

Aus feministischer Perspektive hingegen war der Klatsch unter Frauen schon immer ein sichtbares Zeichen ihrer Solidarität. In patriarchalischen Gesellschaften waren Frauen von allen öffentlichen Aktivitäten ausgeschlossen und durften nicht über städtische Angelegenheiten debattieren. Dieses verweigerte Recht holten sie sich mit dem Klatsch gewissermaßen zurück – indem sie auch die geheimen, intimen Aspekte der öffentlichen Belange besprachen. Weil den Frauen der Zugang zum öffentlichen Leben versperrt war, brachten sie das Privatleben an die Öffentlichkeit. Die weibliche Kommunikation war demnach nicht bloß "Klatsch", sondern auch eine Art Rebellion, die männliche Entscheidungen und damit auch die öffentliche Meinung beeinflusste. In der ländlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit hatte jede Bevölkerungsgruppe ihre weitgehend autonomen Räume mit jeweils eigenen Rechten und Kommunikationsnetzen. So wie die Männer sich im Wirtshaus trafen, kamen die Frauen an den öffentlichen Dorf-Arbeitsplätzen zusammen, am Brunnen, am Waschplatz, bei der Wahl der Hebamme oder in der klassischen Gerüchteküche.

Im Mittelalter wurden diese gemeinsamen Plätze mit sogenannten "Rügebräuchen" gegenüber Arbeitsfremden verteidigt. Männliche Beobachter mussten mit deftigen Bemerkungen und Zoten rechnen, wenn die Frauen den "Waschkitzel" hatten, wie es bei Grimm heißt. Die Frauen waren also doppelt schlagfertig: gegenüber der Wäsche, aus der sie den Schmutz herausschlugen, und gegenüber dem anderen Geschlecht, das sie mit schmutzigen Bemerkungen bedachten.

Das machte den mittelalterlichen Waschplatz für Männer zu einem echten Ort des Schreckens. Hier waren sie nicht erwünscht – und hier wurden sie von den Waschweibern bis aufs Hemd ausgezogen, sodass keine ihrer Schwächen verborgen blieb. Denn in den Wäscheflecken konnten die Waschfrauen lesen wie in einem Buch: Um den Schmutz aus der Wäsche herauszubekommen, galt es schließlich zunächst dessen Herkunft zu ergründen.

Auch wenn die Zuschreibung der weiblichen Klatschlust noch viel weiter zurückreicht, war das gemeinsame Wäschewaschen der Frauen im Mittelalter doch eine symbolische Geburtsstunde für das, was wir noch heute unter Klatsch verstehen: Die Weitergabe moralisch kontaminierter Informationen und Spekulationen über das Privatleben anderer.

Klatsch unter Strafe: Von Prangern, Steinen und Masken Vor allem die Männer hatten also ein Interesse daran, den Unruheherd des Dorfklatsches auszulöschen, und das taten sie nicht zuletzt unter moralischer Berufung auf die Bibel. "Die Weiber sollen mit dem pleuel und nicht immerdar mit dem maul waschen", befand der Klatschfeind Martin Luther. Seine schneidige Schlussfolgerung: "Die Weiber führen das Schwert im Maule, drumb muß man sie auf die Scheide schlagen."

Zu Luthers Zeiten lautete eine offizielle Rechtsvorschrift für klatschende Frauen: "Wenn ein böses schnödes Weib auf freier Straße wider Bürger oder Bürgerkinder ehrenrührige Worte verbreitet, so darfst du das Weib dreimal vermahnen, und wenn es auch das dritte Mal nicht fruchtet, deine Faust nehmen, dem Weibe an den Hals schlagen, sie in die Gosse werfen, mit den Füßen vor den Hintern stoßen und dann gehen ohne Strafe." In London führte die männliche Klatschkontrolle 1547 sogar zu einem generellen Verbot für Frauen, "sich zu versammeln, um zu tratschen und zu reden". Andernorts wurde amtlich geregelt, wie viele Frauen sich maximal bei Geburten oder Taufen versammeln durften, um die Klatschgefahr einzudämmen. Diese Ächtung und Verurteilung von Klatsch lässt sich von der Antike bis ins 19. Jahrhundert in Konversationsbüchern und Verhaltenslehren nachverfolgen. Ein beliebtes Strafinstrument war dabei der öffentliche Pranger, bei dem Kopf und Hände des Sünders durch die Öffnungen zweier Holzplatten herausragten oder die Schuldigen mit Eisenketten angeschlossen wurden. Der Pranger sendet eine warnende Botschaft an die Allgemeinheit: Hier wirst auch du stehen, wenn du dich falsch verhältst! 1710 wurde ein Klatschweib, das gegen die Obrigkeit geschmäht hatte, dazu verurteilt, "künftigen Sontag nach der predig von 9 bis 10 uhr vor die kirchtür öffentlich mit einer brennenden kerzen" am Pranger zu stehen. Am folgenden Tag musste sie vor dem Rat eine öffentliche Abbitte leisten "und sich aufs maul schlagen".

Eine eher städtische Variante des Prangers war die Strafe des Steintragens. Die verschiedenen Spezialnamen für den "Schandstein" weisen bereits auf die typischen Delikte hin. So nannte man ihn auch "Lasterstein" (von lästern, fluchen) oder "Klapperstein" (von schwätzen, ausplaudern). Selbstverständlich waren die Steintragenden meist Frauen. Eine weitere Stufe in der Bestrafung des weiblichen Klatsches wurde im 16. Jahrhundert mit der "Ehrenrührigen Geigenstrafe" erfunden, die Frauen "zur straffe Ihres ungehaltenen Waschmauls" diente. In der "Doppelgeige" konnten sogar zwei verfeindete Klatschweiber zeitgleich der Lächerlichkeit preisgegeben werden, indem man sie öffentlich zusammenschweißte. Eine kreativ-karnevaleske Form der Klatschbestrafung lieferten dagegen die Schandmasken. Eine "Hausdrachen"-Maske etwa, die "klatschsüchtigen, zänkischen" Frauen aufgesetzt wurde, war symbolisch mit XXL-Versionen von Mund, Nase, Ohren und Zunge sowie einer überdimensionierten Brille versehen. Dazu mussten die Sünderinnen Erklärungstexte tragen wie "Dem Weib, das niemals schweigen kann, dem spart man diesen Maulkorb an" oder "Straf der ehrlosen und bösen Zungen".

Anti-Klatsch-Maßnahmen sind kulturübergreifend. Wer etwa bei den brasilianischen Mehinaku-Indianern klatscht, wird als "miyeipyenukanan" ("Müllplatzmund") beschimpft und mit Sanktionen belegt. Der mexikanische Zinacanteco-Stamm nutzt Klatsch sogar strategisch, um die stammeseigenen Ehrenregeln zu stärken. Klatsch dient hier gezielt dazu, Fehltritte ans Tageslicht kommen zu lassen. Ein ehebrecherisches Paar muss dann zur Strafe während eines Festes vor aller Augen harte Arbeit verrichten.

So unterschiedlich die Formen der Klatschbestrafung sind, sie bedienen sich allesamt einer sozialen Emotion, die gewissermaßen komplementär zum Klatsch steht: der Scham. Evolutionspsychologisch betrachtet, bildet die Integration in eine soziale Gruppe eine Art Lebensversicherung, und Schamsignale dienen dazu, im Fall eines Normenverstoßes die Gruppensanktionen zu mildern. Menschen, die sich nach einem Missgeschick schämen, bringen wir mehr Sympathie entgegen als denen, die ungerührt scheinen. Und besonders groß ist die Scham, wenn das eigene Vergehen öffentlich zur Schau gestellt wird.

Heute gibt es diverse moderne Varianten des Prangers, die Sünder mit negativem Klatsch bestrafen. In den USA kann es einem Ladendieb noch passieren, dass er einen Tag lang vor dem betroffenen Geschäft stehen muss mit einem Schild um den Hals, das verkündet: "Ich habe hier gestohlen." In der heutigen Mediengesellschaft wird aber vor allem medial bestraft. Wenn dann ein mächtiger Manager wie Klaus Zumwinkel als Steuerhinterzieher an den Medienpranger gestellt wird, erinnert das durchaus an unsere Vorfahren, die im 15. Jahrhundert einen betrügerischen Ratsherrn am Pranger mit faulen Eiern bewarfen. In den USA werden sogar auf staatliche Anordnung Fotos von verurteilten Zuhältern, Prostituierten oder Sexualstraftätern auf Webseiten oder im Lokalfernsehen veröffentlicht. Klatsch kann also nicht nur strafbar sein, sondern auch selbst durch Klatsch geahndet werden. Das macht ihn zu einer ebenso widersprüchlichen wie flexiblen Form sozialer Kontrolle.

Klatsch kommt von "klatz"

Der mittelalterliche Waschplatz, die Wiege unseres heutigen Klatschverständnisses, ist zugleich sein Namensgeber. Wortgeschichtlich entstammt "Klatsch" dem mittelhochdeutschen Wort "klatz", das anfangs lautmalerisch "das helle, schlagende Geräusch durch das Aufschlagen von etwas Weichem, Schweren auf etwas Hartes" bedeutete, also zum Beispiel das Klatschen von nasser Wäsche gegen Steine. Noch heute verwenden wir den Begriff "klatschnass". Ähnlich steht es um die Wortherkunft der Klatsch-Zwillingsschwester "Tratsch". Laut Grimms Wörterbuch beschrieb das Wort im Mittelalter unter anderem lautmalerisch das Geräusch von Wasser; auch hier also die Nähe zu den Feuchtgebieten. Und auch Tratsch ist deutlich belegt mit abwertenden weiblichen Begriffen wie "Tratschtante" oder "Tratsche".

Das "Klatschen" war ursprünglich der "öffentliche" Teil des Wäschewaschens. Wenn die eingelaugte Wäsche aus den Waschküchen kochend heiß an die Öffentlichkeit des Waschplatzes gebracht und der Schmutz mit dem Waschbleuel herausgeschlagen wurde, klatschte es ununterbrochen und unüberhörbar. Wegen der schmutzigen Wäsche hat der Klatsch also im wahrsten Sinne Dreck am Stecken: Der Schmutz und die Flecken stecken in seinem Wortstamm, zumal "klatz" auch "feuchter Fleck" oder "Schmutzfleck" bedeutete.

Deswegen sind so viele Klatsch-Redewendungen mit Wäsche verbunden, vom " Gewäsch" und der "schmutzigen Wäsche, die in der Öffentlichkeit gewaschen wird" über Menschen, die "klatschen wie die Waschweiber" bis zu Sprichworten wie "A Wasch und a Klatsch is bald gemacht" oder "Was man heute der Wäscherin sagt, wird morgen auf dem Markt erzählt". Entscheidend für die Wortgeschichte des Klatsches ist dabei erneut Martin Luther, der in besonderem Maße die Entwicklungen der deutschen Sprache prägte. In seiner Predigt vom 12. November 1525 ließ er sich ausführlich über das fünfte Gebot aus und wetterte gegen das "mit dem Maule waschen" und das teuflische "Dreckschlürfen" der "wesschigen" Mäuler.

Die Herkunft des englischen Wortes für Klatsch, "gossip", offenbart dagegen eher freundliche Klatschaspekte. Während "böser" Klatsch im englischsprachigen Raum explizit als "bad gossip" gekennzeichnet wird, steht der normale "gossip" immer in einem Verwandtschafts-Zusammenhang. Auch diese Verbindung ist weiblicher Natur, sie entspringt dem Wortstamm "god-sib", was so viel bedeutet wie "Taufpatin für ein neugeborenes Baby". Geburten waren früher reine Frauensache, die wie bei den Waschweibern eine Art von Arbeit bedeutete. Deswegen sagt man in England, wenn eine Frau in den Wehen liegt, sie ist "in labour". Nach getaner Geburtsarbeit aber mündete die Zusammenkunft in eine kicher-, trink- und klatschfreudige Weibergeselligkeit. Schon 1387 präsentierte Chaucer in seinen "Canterbury Tales" die "Wife of Bath" und ihre "gossip" als tratschfreudige Frauen, die ungehemmt über die Leistungen ihrer Ehemänner und ihrer "Geschlechtswerkzeuge" klatschten.

Die Verbindung von Klatsch, Verwandtschaft und weiblichem Geschlecht findet sich auch im Französischen, wo "commérage" (von lat. commater: die Patin, Tante) auf "commère" alias "Klatschbase" verweist. Auch hier wird die besondere interaktive Position der Klatschenden deutlich: Sie haben Zugang zum engeren Kreis einer sozialen Einheit und damit auch Insider-Wissen.

Die Wortwurzeln des Gerüchts sind sogar noch älter als die des Klatsches. Sie gehen zurück auf das "Gerufene" ("geruefte") und das öffentliche Geschrei über eine Untat ("geruchte"). Im späten Mittelalter kamen die Bedeutungen "Leumund" und "Ruf" hinzu. So gab es etwa die Redensart "in gutem (oder schlechtem) Geruch stehen". Erst Luthers Bibelübersetzung schrieb das Gerücht dann als unbewiesene Nachricht und böses Gerede fest.

Diese etymologischen Hintergründe verdeutlichen auch, wie und worin sich Klatsch und Gerücht ähneln und unterscheiden. Gerüchte sind unverbürgte Nachrichten von allgemeinerem Interesse, die sich dementsprechend diffus verbreiten, ohne klare Quelle und von zahlreichen Spekulationen begleitet, die häufig zur Bestätigung von Vorurteilen dienen. Auch Klatsch lebt von Vorurteilen, allerdings ist er auf eine bestimmte Gruppe bezogen und wird nur in einem begrenzten Kreis weitergegeben, wobei der Absender meist erkennbar ist. Aus persönlichem Klatsch können sich weit verbreitete, abstrakte Gerüchte entwickeln, so wie sich an Gerüchten Klatsch entzünden kann. Der gemeinsame Nenner ist die Weitergabe an vertraute Personen: Privater Klatsch oder Gerüchte erreichen uns nie über Unbekannte, sondern nur über Nahestehende, die wir als zuverlässig ansehen.

Wer klatschte zuerst?

Den Frauen wurde also von jeher das Klatschen angehängt – aber haben sie das Klatschen tatsächlich erfunden? Wenn Klatsch direkt mit der Erfindung der Sprache zu tun hat, stellt sich die Frage: Wer sprach zuerst, Mann oder Frau? Einer verbreiteten Vorstellung zufolge waren die Männer die Herren der Sprachschöpfung, weil sie ihre Jagdtätigkeit so besser koordinieren konnten. Schließlich war es von entscheidender Bedeutung, sich über das Mammut im Tal zu verständigen. Dagegen sprechen jedoch Beobachtungen bei unseren tierischen Vorfahren. So bilden bei den meisten Primatenarten die Weibchen den Kern des Soziallebens und geben damit der Gruppe über längere Zeit Bestand, während die Männchen oft von einer Gruppe zur anderen wandern, um bessere Paarungsgelegenheiten auszukundschaften. Das deutet eher darauf hin, dass die Frauen den Kern der ersten Menschengruppe bildeten und die Sprache zur Gruppenerhaltung erfanden.

Für diese Theorie spricht auch, dass Frauen auch heute allgemein über bessere sprachliche Fähigkeiten als Männer verfügen und emotional intelligenter sind. Frauen haben im Allgemeinen ein dichteres Netz sozialer Kontakte, und sie haben innerhalb dieses Netzes einen höheren Anteil gleichgeschlechtlicher Verwandter. Tests haben gezeigt, dass Frauen bereit sind, für ihre beste Freundin fast ebenso viele körperliche Beschwernisse auf sich zu nehmen wie für sich selbst. Männer hingegen sind weit weniger altruistisch gegenüber ihren besten Freunden. Auch das deutet darauf hin, dass die Evolution der Sprache weniger mit männlichen Jagdverbänden zu tun hat als mit der Pflege weiblicher Bündnisse.

Kaffeekränzchen für Kerle

Was den Frauen des Mittelalters die Waschplätze, das waren den Männern des 17. Jahrhunderts die neu in Europa auftauchenden Kaffeehäuser. Zu einer Zeit, als Tageszeitungen noch unbekannt waren, spielten sie eine entscheidende Rolle als Kommunikationszentren im frühbürgerlichen Kultur- und Wirtschaftsleben. Erste Exemplare entstanden 1650 in Oxford, zwischen 1670 und 1740 gab es in London bereits 2000 Kaffeehäuser. Der Boom beglückte vor allem die Engländer, in Deutschland galten Kaffeehäuser dagegen als ähnlich verdächtig wie männliche Trinkstuben oder weibliche Waschplätze.

Das Kaffeehaus des 17. und 18. Jahrhunderts war der Ort, wo Männer ganz unter sich plaudern konnten. Man konsumierte das neuartige, exotische Getränk namens Kaffee und begegnete weitgereisten Unbekannten, die aus fernen Ländern berichteten. So diente der Kaffee- und Teekonsum als Sinnbild einer nüchternen, neuartigen Männergemeinschaft, die sich weit entfernt wähnte von den Waschplätzen der Klatschbasen – aber auf ihre Art ebenso klatschhaft war, denn das Kaffeehaus etablierte sich schnell als erste Adresse für die Verbreitung von Neuigkeiten.

Diese Klatschgeschichten wurden verschriftlicht und vervielfältigt als "news", denn die neue bürgerliche Öffentlichkeit war nach der harten Pressezensur der Puritaner geradezu nachrichtensüchtig. So avancierten die Kaffeehäuser zu öffentlichen Institutionen, in denen Geschäftsmänner, Wissenschaftler und Künstler das Geschwätz funktionalisierten. Aus diesem Klatschkonglomerat entstanden nicht nur Institutionen wie Lloyds Versicherungsgesellschaft oder die Royal Society, sondern auch das englische Pressewesen.

Die Zeitschrift "The Review", die der englische Schriftsteller Daniel Defoe, Autor des "Robinson Crusoe", von 1704 bis 1713 herausgab, ist ein Paradebeispiel für diese mediale Form der Klatschverwertung. Die "Review" war erfolgreich, weil sie eine frühe Form von Infotainment bot. Defoe war überzeugt, dass die Leser "zur Kenntnis der Welt beschwatzt werden" müssten durch einen "ehrlichen Betrug". Daher verpasste er seinem Blatt einen spaßig-unterhaltenden Sonderteil mit dem Titel: "Ratschlag vom Skandal-Club".

Defoe und seine Kollegen nutzten die Kaffeehäuser als Redaktionslokale, die in den Zeitschriften sogar als Redaktionsadressen angegeben wurden. Richard Steele spielte sogar ganz bewusst auf die männliche Kaffeehaus-Klatschkultur an, indem er seine Zeitschrift "Tatler" ("Plauderer") nannte. Klatsch erschien als didaktisch wertvoll, die Konservierung der Kaffeehausgespräche in Heftform sollte die Extreme der damaligen Gesellschaft miteinander versöhnen. Der "Tatler" verlagerte sich deshalb mehr und mehr auf klassische Klatschthemen, von Familienereignissen an europäischen Höfen bis zu den vielschichtigen Angelegenheiten des weiblichen Herzens.

Natürlich grenzte sich der männliche Kaffeehausklatsch dennoch deutlich ab vom weiblichen "gossip".Das reine Tratschen ohne vorzeigbare ökonomische oder politische Zwecke wurde als spezifisch weiblich diskreditiert, und für Frauen galt in Sachen Kaffeehäuser: "Wir müssen leider draußen bleiben." Allerdings gab es auch hier eine weibliche Gegenbewegung, denn im Zuge der allgemeinen "Einbürgerung" des Kaffees bildeten sich eigene weibliche Gesprächszirkel um das gemeinsame Kaffeetrinken. Das war die Geburtsstunde des "Kaffeekränzchens" und "Kaffeeklatsches", über den die Männergesellschaft seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Nase rümpft. Als anrüchig erscheint dabei weniger, dass geklatscht wird, sondern vor allem wie, nämlich ungeniert und "unökonomisch". Nichtsdestotrotz – oder gerade deshalb – wurde die deutsche Institution des "Kaffeeklatsches" weltberühmt: Selbst in den USA heißen weibliche Kaffeekränzchen bis heute "coffeeklatsch".

Wenn Männer klatschen...

Ein berühmtes Beispiel für die männliche Lust am Klatsch lieferten die französischen Literatenbrüder Edmond und Jules de Goncourt mit ihren offenherzigen Tagebüchern. Begonnen am 2. Dezember 1851 und nach Jules’ frühem Tod 1870 von Edmond allein fortgeführt, sollten die Aufzeichnungen dazu dienen, den Menschen in seiner intimen Wahrheit darzustellen. "Es gibt nur eine Biografie, die gesprochene Biografie, jene, die die Freiheit, die Unmittelbarkeit, den Klatsch, die ehrliche Begeisterung des intimen Gesprächs hat", konstatierte Edmond de Goncourt. "Diese Biografie haben wir mit dem Tagebuch von unseren Zeitgenossen zu geben versucht."

Die Aufzeichnungen waren so detailliert und ungeschminkt, dass bereits erste Auszüge heftige Proteste bei den Betroffenen auslösten. Die klatschhaften Brüder verfügten deshalb testamentarisch, dass die Tagebücher erst 20 Jahre nach ihrem Tod komplett veröffentlicht werden dürften. Später wurde die Frist auf 60 Jahre verlängert, um allen juristischen Konsequenzen mit hinterbliebenen Klatschopfern aus dem Weg zu gehen.

Warum diese Vorsicht angebracht war, illustriert eine Tagebuchaufzeichnung vom 31. Januar 1858 über den Schriftsteller Alexandre Dumas: "Beim Diner Plauderei mit Dumas. Alle Literaten stimmen darin überein, dass das mit Literatur nichts zu tun hat. Dann reden wir über den Menschen Dumas... Dumas ist der vorsichtigste von der ganzen Welt, keinerlei Leidenschaft, vögelt nur ganz regelmäßig, liebt nicht, weil es das Blut in Wallung und die Zeit durcheinanderbringt, will nicht heiraten, weil es zeitraubend ist, sein Gefühlsleben ist so geregelt wie ein Uhrwerk, sein Leben wie ein Notenblatt."

Ähnlich klatschhaltig ist das "Geheime Tagebuch" des englischen Marinesekretärs Samuel Pepys: 3100 Seiten, niedergeschrieben von 1660 bis 1669, die erst 1818 entdeckt wurden. Bis in banalste Details beschrieb Pepys seine bürgerliche Umgebung und porträtierte zugleich sich selbst als typischen Emporkömmling, der fleischlichen Gelüsten stets wohlgesonnen war. Dabei schilderte Pepys auch eine frühe Kaffeehaus-Variante des viralen Marketings: Als Kanzleiangestellter eines hohen Marineoffiziers sollte er eine kriegstreibende Geschichte von Engländern in holländischen Handschellen erzählen, "wo sie sich verbreiten würde wie Lepra".

Wer klatscht mehr?

Dass es auch männliche Klatsch-Klischees gibt, macht schon der Beruf – beziehungsweise der Ruf – des Friseurs deutlich. In vielen Gesellschaften gilt der Friseursalon als Hochburg des Klatsches. In einer ähnlich klassischen Klatschposition befindet sich auch der Hausmeister, bei dem sich das Insiderwissen über die Mieter sammelt. Auf beiden Seiten der Geschlechter gibt es also Klatschklischees und nachweisbare Klatschgelüste. Aber wer ist klatschverliebter: Frauen oder Männer?

Über die Sprachfreudigkeit der Geschlechter gibt es unterschiedliche Erkenntnisse. Soziologen haben ermittelt, dass Frauen am Tag durchschnittlich 23.000 Wörter sprechen, Männer dagegen nur 12.000. Andere Studien verorten Frauen bei 20.000 Wörtern, Männer gar bei maulfaulen 7000. Dieses Ungleichgewicht könnte genetisch vorgeprägt sein, immerhin bewegen schon weibliche Embryos ihre Kiefer um 30 Prozent häufiger als männliche.

Andererseits sehen diverse Untersuchungen Frauen und Männer in Sachen Quatschquantität gleichauf – oder wähnen sogar einen Vorsprung auf männlicher Seite. So telefonieren laut einer aktuellen Studie zehn Prozent der männlichen Handynutzer pro Tag länger als eine Stunde, während es bei den Frauen nur sieben Prozent sind. Und auch im Medium E-Mail scheinen Männer klatschhafter: Angeblich schreiben sie viel seltener über ihre Arbeit als Frauen, sondern widmen sich lieber "weichen" Themen und haben mehr Spaß am Klatsch. Zumindest auf den indirekten Klatschkanälen scheinen Männer also aktiver zu sein als Frauen.

Unstrittig ist hingegen, dass Frauen und Männer qualitativ unterschiedlich klatschen. Zwar quatschen Frauen und Männer im Schnitt rund zwei Drittel der Gesprächszeit über Zwischenmenschliches. Männer jedoch sprechen wiederum zwei Drittel dieser Zeit über sich selbst, während Frauen sich mit einem Drittel Selbstbespiegelung begnügen und zwei Drittel den Erlebnissen und Handlungen anderer widmen. Die evolutionsbiologische Erklärung dafür lautet: Männer wollen Konkurrenten ausstechen und ihr Ansehen beziehungsweise ihre Paarungschancen erhöhen, darum sonnen sie sich im eigenen Glanz. Frauen hingegen wollen ihre Nachkommen erfolgreich aufziehen, darum netzwerken sie beim Klatschen.

Dem pflichten auch Sozialpsychologen und Soziologen bei: Frauen organisieren sich seit Jahrhunderten zirkulär in Familie, Clan und Dorfgemeinschaft, wobei der Klatsch dazu dient, die Solidarisierung zu pflegen. Männer hingegen organisieren sich hierarchisch und nutzen Klatsch auch, um die eigene Position zu festigen oder zu verbessern, Untergebene zu unterdrücken oder Übergeordnete zu stürzen. Denn Klatsch ist auch ein vielseitig verwendbares Instrument für das Machtmanagement.

Lesen Sie die 7 goldenen Klatschregeln

Zur Person: Christian Schuldt ist Redaktionsleiter von BRIGITTE.de. Sein Buch "Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz" ist beim Insel Verlag erschienen.

Autor: Christian Schuldt

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