Klima-Expertin Claudia Kemfert: Wie lebt die Frau, die alles weiß?

Klima-Expertin Claudia Kemfert kennt alle Zahlen zum Klimawandel, alle Fakten. Fährt sie noch Auto? Hat sie es gern schön warm? Und: Wieso ist sie eigentlich so optimistisch?

Begonnen hat die Karriere der Frau, die der Welt vorrechnet, was der Klimawandel kostet, mit einer Sünde - gegen die Umwelt. Claudia Kemfert studierte Volkswirtschaft in Oldenburg und wollte - mit 25 Jahren - einen Vortrag in Japan halten. Da flog sie mal eben um die halbe Welt und produzierte so viel CO2 wie zehn Kühlschränke in gut sechs Jahren oder ein Inder in mehr als sieben.

Heute weiß jeder, dass Flugzeugabgase das Fieber der Erde anheizen. Und die Umweltökonomin Claudia Kemfert kennt die Formel auswendig, die Flugkilometer in Klimakosten umrechnet. So wie alle möglichen Szenarien, die wahr werden, wenn wir uns nicht ändern: Überschwemmungen, Dürren, Ernteausfälle, Wirbelstürme. Kemfert erstellt die Modellrechnungen, die zeigen, dass in den nächsten 50 Jahren allein auf Deutschland 800 Milliarden Euro Kosten zukommen. Die Professorin kann das alles kalkulieren - aber wie lebt sie mit diesem Wissen? Kann sie noch ruhig schlafen? Oder besser: fliegen?

Claudia Kemfert lacht: "Verzweifelt bin ich noch nie - ich freue mich, dass mein Thema jetzt endlich ins Bewusstsein aller vorgedrungen ist." Vor knapp 15 Jahren, Klima-Expertin Claudia Kemfert kennt alle Zahlen, alle Fakten. Fährt sie noch Auto? Hat sie es gern schön warm? Und: Wieso ist sie eigentlich so optimistisch? Wie lebt die Frau, die alles weiß?

In Japan, begann Claudia Kemfert sich ernsthaft für den Zusammenhang von Klima und Kosten zu interessieren. Nicht, dass sie schon als Jugendliche mit "Atomkraft, nein danke"-Stickern durch Delmenhorst geradelt wäre - sie war kein Müsli mit Batikröcken und politischer Mission. Claudia Kemfert war schon immer eine eher nüchterne Forscherin mit kühlem Kopf. Es lag wohl auch an dem alten Herrn, der sie nach ihrem Vortrag in Japan ansprach und von der Studentin aus Oldenburg alles über Oldenburger Pferde wissen wollte: Er hatte nämlich gerade seine Leidenschaft fürs Polospiel entdeckt. Und weil er von einer amerikanischen Uni kam und also eine junge blonde Frau als Wissenschaftlerin ernst nehmen konnte - das war sie aus Deutschland nicht gewohnt -, schlug er der selbstbewussten, zielstrebigen Studentin vor, an die Elite-Uni Stanford zu kommen. Alan Manne war der erste Forscher, der die volkswirtschaftlichen Folgen von Klimaschäden berechnete.

Elf Jahre später kam der Klimawandel in die Schlagzeilen - und mit ihm Claudia Kemfert. Sie war die erste, jüngste und einzige Professorin für Umweltökonomik Deutschlands. Heute, mit 39, hat sie an der Humboldt-Uni in Berlin einen Lehrstuhl auf Lebenszeit inne und berät am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Unternehmen und Politiker, den EU-Präsidenten José Manuel Barroso, die Weltbank und die Vereinten Nationen in Fragen zu Energie, Verkehr und Umwelt.

Claudia Kemfert ist eine begehrte Gesprächspartnerin; an manchen Tagen gibt sie fünf, sechs Interviews. An diesem auch eines für Spiegel TV, in dem sie - mit figurbetontem Anzug, schulterlangem Haar, knapp und schmucklos, klar und lächelnd - erklärt, warum der Ölpreis steigt (Ressourcen gehen zur Neige, Spekulanten bereichern sich), dass Atomkraftwerke weiterbetrieben werden sollten (bis alternative Energien ausreichend genutzt werden können) und was der Einzelne tun kann, um die Klimakatastrophe aufzuhalten (weniger und ein umweltfreundlicheres Auto fahren, Strom sparen, Bioprodukte kaufen . . . ). Was tut sie selbst davon? Lebt sie ihren Erkenntnissen entsprechend? Sie lächelt. Nein, überführen kann man sie mit dieser Frage nicht.

Die Frau ist scheinbar perfekt. Sie lebt in einer Wohnung in Berlin-Steglitz, nah am Stadtpark. Sie fährt jeden Morgen mit dem Rad zur S-Bahn. Wenn Claudia Kemfert morgens aufwacht, schaltet sie das Licht von Energiesparlampen an. Alle paar Tage steht eine Öko-Kiste mit von Bauern aus der Umgebung gelieferten Früchten, Gemüse und Milchprodukten vor ihrer Tür. Ihr Auto nutzt Claudia Kemfert selten, höchstens, um in den Urlaub zu fahren, an die Nordsee, an die Ostsee oder auch mal in die Berge. Dort könnte sie natürlich auch mit dem Zug hinfahren, "aber bequemer ist es mit dem Auto", das gibt sie zu. Business-Kleidung, die sie gern und häufig trägt, gibt es kaum ökologisch korrekt produziert, aber sie wird Schirmherrin eines Ladens, der Öko-Streetwear verkauft. Ihr Mann hat ein Architekturbüro in Oldenburg, sie kennen sich noch aus Studienzeiten. Fast jedes Wochenende sehen sie sich - und pendeln natürlich per Zug.

Freunden, die zweifeln, ob sie Kinder in die Welt setzen sollen, sagt sie, der Klimawandel habe ja nicht nur Schlechtes: "Wenn wir alle umdenken und danach handeln, könnte er auch eine Menge Arbeitsplätze schaffen und Kapitalströme erzeugen." Natürlich geht sie an manchen Tagen frustriert nach Hause: Wenn sie die Gefahren des Klimawandels zum x-ten Mal erklärt hat - und wieder keine Bewegung in die Politik kommt. Aber im Grunde wirkt sie unerschütterbar optimistisch. Und so ist auch Claudia Kemferts Buch "Die andere Klimazukunft", das jetzt erscheint und in dem sie in einfachen Worten erklären möchte, wie wir die Katastrophe noch abwenden könnten. "Denn das können wir", sagt sie, lächelnd und bestimmt. Der Untertitel "Innovation statt Depression" spricht für sich - und für sie.

Es gibt nur zwei Themen, bei denen Claudia Kemfert doch bisweilen schwach wird: Flieger und die falsche Raumtemperatur. Wenn es in ihrer Altbauwohnung kalt wird, dreht sie gern mal die Heizung auf und an heißen Tagen im Taxi die Klimaanlage. "Das tut ja die Richtige", frotzeln dann ihre Freunde. Ihr schlechtes Gewissen wegen der vielen Flüge versucht sie zu beruhigen, indem sie zahlt: Jeden Flug, den Claudia Kemfert beruflich antritt, neutralisiert sie, und zwar aus ihrer Privatkasse. Das heißt, sie lässt die CO2-Emissionen der geflogenen Meilen auf ihre Klimawirkung umrechnen und spendet entsprechend viel Geld an eigens eingerichtete Klimaschutzprojekte. Zum Beispiel für eine Windfarm in Indonesien. "Natürlich kann man die Emissionen damit nicht ungeschehen machen", sagt sie, "aber so werden sie zumindest ausgeglichen." Man könnte da auch mal hinfliegen und sich ansehen, was aus den Spenden wird, sagt Kemfert. Stutzt und lacht. Nein: hinradeln.

Claudia Kemfert: "Die andere Klima- Zukunft. Innovation statt Depression", Murmann, 19,90 Euro

Text: Nataly Bleuel Foto: Sabine Braun Ein Artikel aus der BRIGITTE 20/08
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