Contra Betreuungsgeld: "Ihr habt sie doch nicht alle!"

Pro oder contra Betreuungsgeld? In der schwarz-gelben Koalition ist die Entscheidung endgültig gefallen: Das Betreuungsgeld wird kommen. Bereits 2010 regte sich die damalige BRIGITTE-Kolumnistin Julia Karnick über die Herdprämie auf - und hat ihre Meinung seitdem nicht geändert. Stimmen Sie ihr zu?

Contra Betreuungsgeld: Die Kindergarten-Hauptstadt

Unsere Tochter mag keine Trickfilme. Wenn im Fernsehen ein Trickfilm läuft, verlässt sie, die Trickfilm-Industrie verwünschend, das Wohnzimmer. Neulich schlug ich vor, mit der Familie ins Kino zu gehen, der einzige anständige Kinderfilm, der lief, war ein Trickfilm. Unser Sohn: „Wann gehen wir?“ Unsere Tochter: „Mit echten Menschen?“ Ich: „Nein. Aber der Film soll ganz toll sein.“ Unsere Tochter: „Ich komme nicht mit.“ Ich sagte: „Dann musst du allein zu Hause bleiben.“ Unsere Tochter: „Lieber allein bleiben als Trickfilme angucken müssen.“ Ich sagte: „Okay.“ Ich dachte: Alle Achtung, das Kind hat Prinzipien. Das prinzipientreue Kind überlegte kurz und sagte: „Wie viel kostet der Eintritt?“ Ich sagte: „Sechs, sieben Euro oder so.“ Das Kind: „Dann krieg ich auch sieben Euro, oder?“ Ich: „Wieso das denn?“ Das Kind: „Weil ich nicht mitkomme.“ Ich sagte: „Aber du bleibst doch freiwillig zu Hause, niemand zwingt dich dazu.“ – „Ihr gebt Geld aus für Kino, und ich kriege nichts“, pöbelte das Kind, „das ist total ungerecht!“ Ich sagte: „Ha ha! Ich bezahl dir doch nichts dafür, dass du nicht ins Kino gehst! Wir sind doch hier nicht bei der CSU!“

Die CSU will Eltern, die ihr Kind bis zum dritten Geburstag zu Hause betreuen, statt einen Kita-Platz in Anspruch zu nehmen, ab 2013 ein Betreuungsgeld in Höhe von monatlich 150 Euro zahlen. Die CSU argumentiert dabei auf dem Niveau einer Neunjährigen, das sollte der CSU zu denken geben, tut es aber leider nicht: „Ihr gebt Geld aus für Kitaplätze, und die, die ihr Kind nicht in die Kita bringen, kriegen nichts! Das ist total ungerecht!“ Berlin, Kita „Regierungsviertel“: Angela (CDU), Guido (FDP) und Horst (CSU) spielen Politiker. Politikerspielen geht kinderleicht: Man verschenkt Bonbons, um sich beliebt zu machen – 1,6 Milliarden Euro für das Betreuungsgeld, 4,6 Milliarden für die Kindergelderhöhung, 8,5 Milliarden für Steuersenkungen. Die Experten sind genervt und schimpfen: „Nun hört aber mal auf mit dem Unsinn.“ Clemens Fuest, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesfinanzministeriums: „Die Kindergelderhöhung ist weder wachstums- noch familienpolitisch sinnvoll.“ Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: „Frau Merkel und Herr Westerwelle verhalten sich wie ein Ehepaar, dem das Geld fehlt, das defekte Dach des Eigenheims zu erneuern, und das trotzdem erst mal eine Weltreise unternimmt.“ Paula Honkanen-Schoberth, Bundesgeschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes: Statt das Betreuungsgeld an Eltern auszuzahlen, solle es besser für die zielgerichtete Bekämpfung der Kinderarmut in Deutschland eingesetzt werden; „durch die Abschaffung der Kita- Gebühren, einen qualitativen und quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung mit besser qualifizierten und bezahlten Fachkräften würden Eltern wirkungsvoll unterstützt und Kinder in ihrer sprachlichen, motorischen und sozialen Entwicklung optimal gefördert.“ – „Och nö“, sagen Angela, Guido und Horst, „Lobbypolitik macht gerade viel mehr Spaß als Bildungspolitik. Was scheren uns die Generationen von morgen?“ Die Zukunft habe keine Lobby, sagt der Wirtschaftsweise Bofinger: „Ich sehe die Gefahr, dass der Steuersenkungskurs zu Streichungen bei den Ausgaben für Bildung, Forschung und Entwicklung und Infrastruktur führt. Deutschlands Zukunftsfähigkeit wird durch den Steuersenkungskurs massiv gefährdet.“

Wenn meine Kinder ständig das Gegenteil von dem tun, was getan werden muss, werde ich wütend. Wenn Politiker ständig das Gegenteil von dem tun, was getan werden muss, macht mich das fassungslos. Mit den Worten des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen (CDU): „Ihr habt sie doch nicht alle!“ Seit einiger Zeit spiele ich öfter mal mit dem Gedanken auszuwandern. Irgendwohin, wo man das Gefühl hat, von Erwachsenen regiert zu werden.

(erstmals erschienen in BRIGITTE 2/2010)

Info: Wann kommt das Betreuungsgeld denn nun?

Im Gespräch ist es seit Jahren, nun soll es auch wirklich kommen: Das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre zweijährigen Kinder zu Hause betreuen, ist ein Wunsch der CSU - und beim Koalitionstreffen am Wochenende wurde es nun endlich durchgeboxt. Noch diese Woche soll es im Bundestag nach mehreren Anläufen beschlossen werden. In Kraft treten wird die neue Regelung aber erst ab 1. August 2013. Dann bekommen Eltern für ihre Kinder im zweiten Lebensjahr 100 Euro, ein Jahr später werden es dann 150 Euro sein. Geplant ist auch, dass die Eltern das Geld alternativ in die private Altersvorsorge ihrer Kinder oder für die Ausbildung investieren können.

Text: Julia Karnick
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