Clara Rojas: Sechs Jahre gefangen im Dschungel

Sechs Jahre war Clara Rojas gemeinsam mit Ingrid Betancourt im kolumbianischen Dschungel gefangen, sie brachte dort sogar ein Baby zur Welt. BRIGITTE.de-Redakteurin Michèle Rothenberg sprach mit ihr über Angst, Freundschaft und Vergebung.

Clara Rojas, "Ich überlebte für meinen Sohn", Blanvalet, 16,95 Euro

Clara Rojas, geboren 1964 in Bogotá, Kolumbien, gründete gemeinsam mit Ingrid Betancourt die ökologische Partei Oxígeno Verde. Als Ingrid Betancourt 2002 für das Präsidentenamt in Kolumbien kandidierte, übernahm Rojas die Leitung des Wahlkampfes. Im Februar 2002 reisten die beiden Frauen zu einer Wahlkampfveranstaltung in einem Gebiet, das von der Rebellenorganisation FARC kontrolliert wurde. Sie wurden überfallen und in den Dschungel verschleppt. Während der Gefangenschaft entfremdeten sich die ehemaligen Freundinnen, die letzten Jahre der Gefangeschaft verbrachten sie in getrennten Lagern. Im April 2004 brachte Clara Rojas im Urwald per Kaiserschnitt ihren Sohn Emmanuel zur Welt. Sein Vater ist ein Guerillero. Als Emmanuel 2005 schwer erkrankt, wurde er von seiner Mutter getrennt. Erst nach ihrer Freilassung im Januar 2008 sind die beiden wieder vereint. Über ihre Erfahrungen im Dschungel hat Clara Rojas nun ein Buch geschrieben.

BRIGITTE.de: Clara Rojas, Sie sind seit einem Jahr und drei Monaten wieder in der Freiheit. Wie geht es Ihnen und Ihrem Sohn heute?

Clara Rojas: Es geht mir sehr gut, und ich bin glücklich. Die Rückkehr in die Normalität fiel uns erstaunlich leicht. Wir haben mehrere Etappen durchlebt, die ich mir schon während der Gefangenschaft vorgenommen hatte. Dazu gehörte die Physiotherapie für meinen Sohn, dessen Arm bei der Geburt gebrochen war und falsch wieder zusammengewachsen ist. Das ist gut verlaufen und wir sind jetzt dabei, das Kapitel der Entführung zu schließen und ein neues Leben zu beginnen.

BRIGITTE.de: Sie haben sechs Jahre Ihres Lebens verloren, weil Sie am 22. Februar 2002 entschieden, ihre Freundin Ingrid Betancourt auf eine gefährliche Wahlkampftour zu begleiten. Warum haben Sie sich trotz aller Warnungen für diese Reise entschieden?

Clara Rojas: Wir steckten damals mitten in einer intensiven Wahlkampfphase. Da stand langes Nachdenken gar nicht zur Debatte. Ich habe im Dschungel natürlich immer wieder über diesen Tag nachgedacht, aber es führte zu nichts. Manchmal fällt man Entscheidungen leichtfertig. Wir haben in Kolumbien ein Sprichwort: "Es macht keinen Sinn, über verschüttete Milch zu weinen." Ich bin heute einfach froh, am Leben und frei zu sein.

BRIGITTE.de: Die Rebellen schleppten Sie tief in den Dschungel in ein notdürftiges Lager. Wie erlebten Sie als "Stadtmensch", wie Sie sich selbst bezeichnen, diese Umgebung?

Clara Rojas: Es war sehr schwierig für mich. Ich war geschockt darüber, wie lebensfeindlich meine Umwelt war. Ich liebe die Natur und war als Kind bei den Pfadfindern, was mir ein bisschen half, mich zurechtzufinden. Aber es ist eine Sache, die Natur zu lieben, und eine ganz andere, ihr hilflos ausgesetzt zu sein. Zu der Wildnis mit all ihren Insekten, Schlangen, Spinnen, der Schwüle, der ständigen Dunkelheit im Regenwald, kam dann noch die dauerhafte Angst vor den bewaffneten Guerilleros. Das war sehr zermürbend.

BRIGITTE.de: Dennoch waren Sie anfangs noch hoffnungsvoll. Sie und Ingrid Betancourt versuchten sogar zwei Mal zu fliehen. Danach verschlechterten sich Ihre Verfassung und Ihre Beziehung zunehmend. Lag das am Scheitern der Flucht?

Nach dem Fluchtversuch fielen wir in ein Schweigen.

Clara Rojas: Die Situation danach war tatsächlich unerträglich. Zum einen war da die Gewissheit, dass wir es aus eigener Kraft nicht schaffen konnten zu fliehen. Zum anderen hatte man uns zur Strafe Ketten angelegt. Das war ein großer Existenzkonflikt für mich. Ich war nicht nur in Gefangenschaft, ich konnte mich auch nicht mehr frei bewegen. Es ging uns beiden sehr schlecht damit, wir waren vollkommen entmutigt. Wir fielen daraufhin in ein Schweigen, uns fehlte einfach die Kraft, miteinander zu sprechen. Und so entfernten wir uns immer mehr voneinander.

BRIGITTE.de: Spielte unbewusst auch die Tatsache eine Rolle, dass Sie Ingrid zuliebe diese fatale Reise unternommen hatten?

Clara Rojas: Nein, es war nicht so, dass wir uns gegenseitig Vorwürfe machten. Ich denke, es war die aussichtslose Lage, die zu dieser Entfremdung führte.

BRIGITTE.de: Auch zu den anderen Geiseln hatten sie wenig Kontakt, fühlten sich oft ausgegrenzt. Woher kam all diese Feindseligkeit?

Clara Rojas: Ich denke, hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen sicher die Haltung von Ingrid Betancourt, deren Feindseligkeit sich auch auf einige Mitgefangenen übertrug. Vor allem aber die ständige Angst. Nicht nur vor den Guerilleros, wir fürchteten uns auch vor einem Befreiungsversuch des Militärs, da solche Einsätze in der Vergangenheit oft tödlich für die Geiseln endeten. Dadurch herrschte eine enorme Anspannung im Lager, es gab viele Streitereien. Meine Schwangerschaft später verstärkte das noch, einige Geiseln warfen mir vor, von den Entführern bevorzugt zu werden. Das alles führte dazu, dass ich mich immer mehr zurückzog und oft einsam war.

BRIGITTE.de: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie viel Wert darauf legten, Ihren Körper fit zu halten und zu pflegen. Sie lackierten sich sogar die Fingernägel. Half Ihnen das, in Ihrem Gefängnis nicht verrückt zu werden?

Clara Rojas: Ja, so ist es. Um nicht noch mehr in Lethargie und Trauer zu verfallen, habe ich mir eine tägliche Routine angewöhnt. Ich bin immer sehr früh aufgestanden, habe mich gewaschen und mich ein bisschen bewegt. Dann habe ich versucht, meinen Geist agil zu halten. Ich habe viel gemalt, Schach gespielt oder gelesen, wenn das möglich war. Wenn nicht, habe ich mich mit Kopfrechnen beschäftigt. Und ja, auch wenn es unglaublich klingt, in den letzten beiden Jahren bekamen wir Frauen sogar Nagellack und Lidschatten. Das bisschen Kosmetik und die Körperpflege waren mir sehr wichtig, weil es mir dabei half, mein Selbstwertgefühl zu bewahren.

BRIGITTE.de: Ihre Situation nahm eine dramatische Wendung, als Sie schwanger wurden. Wie reagierten die Guerilleros auf diese Nachricht?

Clara Rojas: Überraschend positiv. Für die Guerilleros ist eine Geburt im Urwald nichts Besonderes, es gehört zu ihrem Leben dazu. Sie verweigerten mir keine Hilfe, und versuchten mich mit ihren beschränkten Möglichkeiten so weit wie möglich zu unterstützen und zu versorgen. Ich nahm diese Hilfe gerne an, denn es war meine einzige Chance zu überleben.

BRIGITTE.de: Die Schwangerschaft gab einigen Anlass zur Spekulation. Angeblich soll ein FARC-Rebell der Vater sein, sogar eine "Liebestragödie" wurde vermutet. Sie selbst haben aber bis heute nicht darüber gesprochen. Was hält Sie davon ab?

Clara Rojas: Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, auf Gerüchte zu reagieren. Diese Geschichte geht nur mich und meinen Sohn etwas an. Und wenn er mich danach fragt, werde ich ihm erzählen, was damals vorgefallen ist.

BRIGITTE.de: Schweigen Sie auch, um den Vater zu schützen? Auf Sex mit Geiseln steht bei Guerilleros angeblich die Todesstrafe.

Clara Rojas: Für mich zählt nur, dass es mir und meinem Sohn gut geht. Andere Gefühle habe ich in dieser Hinsicht nicht.

BRIGITTE.de: Sie und ihr Kind haben nur knapp die Kaiserschnittgeburt überlebt. Wie veränderte das Baby das Leben im Geisellager?

Clara Rojas: Das Baby hat in der Tat einiges verändert. Wir führten alle ein Leben am Rande des Todes, und in dieser Situation galt es, ein Neugeborenes großzuziehen. Das war nicht leicht, aber es hat auch eine unheimliche Lebensdynamik bei uns allen erzeugt. So begannen etwa die entführten Soldaten, die in unserem Lager waren, Sachen für das Baby zu nähen. Viele von ihnen hatten selbst schon Kinder, die sie wegen der Entführung aber kaum kannten. Es hat uns emotional sehr berührt und uns neue Energie gegeben.

BRIGITTE.de: Umso schlimmer muss es für Sie gewesen sein, als man Sie von Ihrem Kind trennte, weil es krank wurde. Wie haben Sie diese drei Jahre durchgestanden?

Clara Rojas: Die Trennung hat eine enorme Leere in mir hinterlassen. Ich hatte keine Ahnung, wie es ihm ging, und er wusste nicht, was aus seiner Mutter geworden war. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich seinetwegen leben muss. Der Gedanke an meinen Sohn half mir, mich nicht aufzugeben und weiter zu machen. Dass wir dann auch tatsächlich unversehrt befreit wurden - das ein Geschenk Gottes, für das ich unendlich dankbar bin.

Ich bin offen für eine Versöhnung mit Ingrid Betancourt.

BRIGITTE.de: Der venezolanische Präsident Hugo Chavez hatte die Freilassung durchgesetzt und inszenierte sie als großes Spektakel, ließ sogar Hollywoodregisseur Oliver Stone anreisen. Fühlten Sie sich nicht benutzt?

Clara Rojas: Nein, das sehe ich nicht so. Der Mann ist Politiker und die Inszenierung gehört zu seinem Job. Ich versuche, nur das Positive zu sehen: dass ich befreit wurde und am Leben bin.

BRIGITTE.de: Ingrid Betancourt wurde kurz nach Ihnen befreit. Wie ist Ihre Beziehung heute, haben Sie sie überhaupt noch mal gesehen?

Clara Rojas: Wir haben uns ein paar Mal gesehen, aber ansonsten habe ich keinen Kontakt zu ihr.

BRIGITTE.de: Haben Sie denn kein Interesse, den Kontakt aufleben zu lassen und sich mit ihr zu versöhnen?

Clara Rojas: Doch, ich für meinen Teil bin offen dafür. Wenn sich die Möglichkeit ergibt, sich zu treffen und mal gemeinsam einen Kaffee zu trinken, dann mache ich das sehr gerne. Ich bin immer dafür, Dinge hinter sich zu lassen und nach vorn zu schauen.

BRIGITTE.de: Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? Wollen Sie wieder politisch aktiv werden?

Clara Rojas: Meine Pläne für dieses Jahr sind, mich um mein Kind zu kümmern und meine Verpflichtungen beim Verlag zu erfüllen. Außerdem engagiere ich mich im humanitären Bereich, ich möchte etwas für die Menschen tun, die noch in Geiselhaft sind. Weiter plane ich derzeit nicht.

BRIGITTE.de: Sie schreiben, dass Sie sich nicht verändert hätten, "bis auf eine Narbe am Bauch und eine Wunde in der Seele". Sind Sie tatsächlich noch dieselbe Clara wie vor der Entführung?

Clara Rojas: Ich denke schon, dass ich dieselbe bin. Natürlich macht der Schmerz etwas mit einem, ich bin zum Beispiel sensibler geworden. Aber ich versuche zurzeit alles, was mit der Entführung zu tun hat, hinter mir zu lassen. Ich beschäftige mich sehr mit dem Thema Vergebung. Das hilft mir, die Last des Schmerzes abzulegen.

BRIGITTE.de: Sind Sie denn wirklich schon so weit, Ihren Entführern zu vergeben?

Clara Rojas: Ja, ich fühle, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Haltung, die ich eingenommen habe, hilft mir, Ruhe zu finden. Und sie hilft mir dabei, mich für andere Entführungsopfer einzusetzen und so zur Versöhnung meines Landes beizutragen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die Gewalt eines Tages ein Ende hat.

Foto: Associated Press

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