Zeit für Protest: Diese Werbung ging klar zu weit!

Wollen wir eine Welt, in der Attraktivität nur eine Erscheinungsform kennt: Makellosigkeit gepaart mit sexueller Verfügbarkeit? Angesichts einer freizügigen Strumpfhosenwerbung wird unsere Kolumnistin Julia Karnick zur Kampf-Emanze.

Ende letzten Jahres sah ich eine Frau...

 die sehr jung, hübsch und dünn bekleidet war: Sie trug einen offenen Blazer und nichts darunter, nur eine Spitzenstrumpfhose. Durch die Spitze über ihrer Scham sah man weder Schamhaare, Schamlippen noch einen Slip, sondern verschattete glatte Haut: ein nackter Barbie-Genitalbereich. Ich ging gerade zur U-Bahn, um zur Arbeit zu fahren, als die Frau plötzlich riesengroß da stand - auf dem Plakat einer Strumpfwa­renfirma an einer Lit­faßsäule. Ich fühlte mich belästigt. Ich sah keine Frau, die für eine Strumpfhose warb. Ich sah eine Frau, die ihren Körper anbot. Ich dach­te: Ich will in der Öffent­lichkeit keine willige Frau ohne Slip an­schauen. Ich will nicht, dass mein Sohn und meine Tochter aufwachsen in einer Bilderwelt, in der Attraktivität nur eine Erscheinungsform kennt: Makellosigkeit gepaart mit sexueller Verfügbarkeit. 

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Ich fuhr zur Ar­beit, 

ich postete auf meiner Facebook­-Seite ein Foto des Pla­kats, ich schrieb: "Ich kann nicht beschreiben, wie es mich als Frau und Mutter ankotzt, an jeder Stra­ßenecke Pornos gucken zu müssen. Viele stimmten mir zu. Andere fanden mich "prüde und spießig": "Kein Kind wird ein bisschen Haut so derartig anstößig fin­ den." Manche unterstellten, ich sei ein Opfer meiner schmutzigen Fantasie. Man sehe doch gar nichts, schrieb eine Userin: "Mit seinem eigenen Kopfkino muss jeder selbst klarkommen." Keine Sorge, dachte ich, ich komm schon klar - aber woran sonst als an Sex soll man denken, wenn man eine halbnackte Frau in Spitzen­strumpfhose ohne Slip sieht? Man stelle sich zum Beispiel einen heterosexuellen Finanzbeamten vor, die Tür zu seinem Büro geht auf, eine attraktive Frau tritt ein, sie trägt nichts außer einem Blazer und durchsichtiger Spitze. Welche Reaktion seitens des Beamten wäre die wahr­scheinlichste? A) "Wollen Sie die Umsatz­steuererklärung abgeben?" B) "Super Strumpfhose! Würde meiner Frau auch gut stehen." C) Er ist sprachlos und legt sich eine Steuerakte auf den Schoß.

"Ihr seid doch nur neidisch!"

Eine andere Userin glaubte: "Ihr seid doch alle nur neidisch!" Und die nächste meinte, sie habe selten "so eine lächerliche Dis­kussion" gelesen. Kinder und Jugend­liche bräuchten keine "Kampf-Emanzen", die sie vor so etwas beschützten. Oder wolle ich auch noch behaupten, das Model verleite sie dazu, "ohne Shirt und Rock aus dem Haus zu gehen"? Wenn ich daran denke, wie manche 14-Jährige zur Schule geht, dann muss ich antworten: Nun, so ähnlich.

Werbung verkauft nicht nur ein Produkt, sondern auch Werte

Mit 43 hat sich Julia Karnick als Hasserin allzu freizügiger Werbeplakate geoutet. Ihre Kolumne "Mein erstes Mal" erscheint regelmäßig in BRIGITTE WOMAN. Hier geht's zu ihrer Facebook-Seite

Werbung verkaufe weit mehr als nur ein Produkt, so die US­-Autorin Jean Kilbourne, die seit den 1960ern Frauenbilder in der Werbung analysiert: "Sie verkauft Werte, Vorstellungen, Konzepte von Liebe, Sexua­lität, Romantik und Erfolg. Und, vielleicht der wichtigste Aspekt, Werbung verkauft Normalität: Sie erzählt uns, wer wir sind - und wer wir sein sollten." Der durch­schnittliche Amerikaner war Ende des ver­gangenen Jahrtausends täglich 3.000 Wer­bebotschaften ausgesetzt, drei Jahre seines Lebens verbrachte er allein damit, Fernseh­spots zu schauen. Zu glauben, dass diese suggestive Bilderflut keine Spuren in uns hinterlässt, ist nicht gelassen, sondern naiv. Vielleicht aber hatte ich, die neu geborene, prüde/versaute Kampf­-Emanze, diesmal gründlich etwas missverstanden, und die von mir bemängelte Strumpfhosenwer­bung wollte etwas ganz anderes erzählen als die Geschichte von Sex und Verführung? Zum Beispiel, dass das Model eine Unter­wäscheallergie hat oder es ohne Slip viel gemütlicher ist. Ich zeigte das Plakat mei­ner Tochter und fragte sie nach ihrer Mei­nung. Meine Tochter: "Scheiße. Aber die Jungs finden's geil." Ich zeigte es meinem Sohn. Mein Sohn: "Geil!" Die Kinder ei­ner verklemmten Mutter würden sich nie trauen, ihr so zu antworten.

Text: Julia Karnick Illustration: Bianca Classen Foto: Sabine Braun Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN
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