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Welche Partei soll ich wählen?


Soll ich die Partei wählen, die das Beste für alle will - oder die, die mir persönlich Nutzen bringt? "Welche Partei soll ich wählen?", fragt sich BRIGITTE-Redakteurin Meike Dinklage.
Welche Partei soll ich wählen?
© Kallejipp/photocase.com

Grün. Ich wähle Grün, meistens jedenfalls. Aus ökologischen Gründen natürlich und weil ich finde, dass ihre Bürgerversicherung eine gute Idee ist. Aber vor allem, weil die Grünen bei einer Sache, die mir persönlich besonders am Herzen liegt, weit vorn sind: dem Tierschutz.

Nun ist der Tierschutz, zugegeben, kein Thema, das die grundlegenden sozialen Probleme dieses Landes löst. Tierschutz schafft keine Kita-Plätze, Tierschutz führt keinen Mindestlohn ein. Würde ich wirklich verantwortungsvoll für Deutschland wählen, müsste ich die Wahlprogramme in Hinblick auf Arbeitsmarktpolitik, Bildungsangebote und Frauenförderung durchforsten. Ich aber lese sie in Hinblick auf Käfigabmessungsbestimmungen in Legebatterien. Ich bin, quasi, eine Lobbyistin des Nutzviehs. Bei mir kommt Rind vor Kind.

Der Hauptgrund, warum wir uns für eine Partei entscheiden, ist Politikforschern zufolge die Kompetenz, die wir ihr für die Lösung der drängendsten Probleme des Landes zuschreiben. Auch die langjährige Parteienbindung und die Persönlichkeit des Spitzenkandidaten spielen eine Rolle, ob wir also Rainer Brüderle sympathischer finden als Peer Steinbrück oder Angela Merkel. Aber ausschlaggebend ist, wem wir zutrauen, die richtig großen Themen anzupacken. Danach hätten persönliche Interessen nichts bei der Wahlentscheidung verloren, wir müssten wählen, wie es für alle am besten ist, solidarisch, sozial.

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Die Wahrheit ist aber, dass zuletzt gerade die Parteien punkteten, die Nischenthemen vertreten: die Piraten mit der Netzpolitik oder jetzt die "Alternative für Deutschland" mit ihrem Anti-Euro-Kurs. Ich finde das nicht schlimm, solche Parteien stoßen Diskussionen an, Demokratie ist, wenn möglichst viele Bürger sich über die Gesellschaft, in der sie leben, austauschen. Das ist ein positiver Effekt. Aber kann man mit einem Haufen Parteien, die's irgendwie über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, ein Land regieren?

Ich habe mit Freunden über die Tierschutzsache geredet, sie haben gelacht. Sie fanden: In einem Wahlkampf, in dem man gar nicht mehr weiß, was man wählen soll, weil alle irgendwie mittelinks sind, solle ich froh sein, überhaupt ein Thema zu haben, das mir eine Wahlbegründung liefert. Wobei mittelinks nichts Schlechtes ist, nur eben: Wenn es keine Lager mehr gibt, nur noch Schnittmengen, dann verliert man aus dem Blick, wofür es eigentlich noch Mehrheiten braucht. Einige denken darüber nach, auf ihren Wahlzettel "Ich finde Demokratie toll, aber ich weiß diesmal nichts damit anzufangen" zu schreiben - eine ungültige Stimme ist auch eine Stimme.

Ich habe überlegt, was passieren würde, wenn FDP-Spitzenkandidat Brüderle auf einmal die Befreiung aller Labortiere versprechen würde. Ob ich Parteienbindung und Persönlichkeitsfaktor dann über Bord werfen würde, ob mein WahlEgoismus so weit ginge. Ich habe mich, liebe Labortiere, verzeiht, noch nicht endgültig entschieden.

Text: Meike Dinklage BRIGITTE 17/2013

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