Kosmetik-Verpackung recyclen: Wird daraus wieder ein Tiegel?

Kosmetikprodukte sorgen für Unmengen von Müll. Doch selbst wenn all die Plastikflaschen und Tübchen im Gelben Sack landeten, würden sie nicht unbedingt wiederverwertet. Tatsächlich ist die Quote mickrig – noch, denn endlich tut sich was.

Ein Blick ins Badezimmer genügt, um festzustellen: Hier steht enorm viel Kunststoff rum. Doch wenn Shampoo oder Tagescreme geleert sind, kann mit dem Müll, der davon übrig bleibt, schon eine ganze Menge Neues hergestellt werden – Blumentöpfe etwa oder Teile für Autoinnenräume. Das meiste aber, was im Gelben Sack landet, wird bis jetzt immer noch verbrannt oder in andere Länder exportiert. So steht im "Plastikatlas 2019", den der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung herausgibt, dass von den 2017 angefallenen 5,2 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen in Deutschland gerade mal 810 000 Tonnen wiederverwertet wurden – 15,6 Prozent.

Warum bislang so wenig recycelt wird

Dafür gibt’s zwei Hauptgründe. Der eine hat mit den Recyclingunternehmen zu tun, der andere mit der Verpackungsindustrie. Zu den Recyclern: Deren Sortieranlagen sind längst nicht alle auf dem gleichen Stand – was bisher auch wenig überprüft wurde, Insider sprechen gar von einem Zustand, der "an den Wilden Westen" erinnere. Ob sich das mithilfe der nun dafür zuständigen "Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister" ändern wird, sehen Umweltverbände kritisch. Denn: "Das Umweltbundesamt hat hier zwar die Fach- und Rechtsaufsicht, die Unternehmen sollen sich aber vor allem selbst überwachen", erklärt Dr. Rolf Buschmann, Abfall- und Ressourcenexperte beim BUND.

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Dass es viel zu wenig hochwertiges Rezyklat aus dem Gelben Sack gibt, also beim Recycling gewonnene Rohstoffe, liegt allerdings auch daran, dass für die meisten Unternehmen, die Verpackungen entwickeln, deren Wiederverwertung bislang nicht im Fokus stand. Die Flaschen und Tiegel sollen in erster Linie gut aussehen, dadurch herausstechen und zum Kauf animieren.

Damit das gelingt, werden nach wie vor häufig mehrere Stoffe kombiniert und die Behälter mit großen Etiketten beklebt. Schlecht für den Recyclingprozess: Laufen solche Verpackungen in der Anlage über die Sortierbänder, werden sie oft gar nicht als Kunststoff erkannt und gleich verbrannt, oder sie landen erst in der falschen Kategorie und werden dann verbrannt. Und nicht nur Material und Etiketten können zur Herausforderung werden – die meisten Sensoren sind immer noch nicht in der Lage, Schwarz wahrzunehmen, weshalb solche Kunststoffe eben auch nicht wiederverwertet werden.

Ob es am neuen Verpackungsgesetz liegt, das seit Anfang 2019 höhere Recycling-Quoten vorschreibt, am wachsenden Umweltbewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher oder an beidem: Immer mehr Unternehmen scheinen tatsächlich umzudenken: "Seit etwa zwei Jahren kommen Firmen auch aus der Kosmetikindustrie zu uns und lassen sich beraten, damit ihre Verpackungen möglichst gut recycelt werden können", sagt Dr. Fabian Lüth vom Technischen Vertrieb des Recyclingunternehmens Vogt-Plastic. "Das ist für uns ziemlich neu."

Die Tücken der Beauty-Umverpackungen

Tatsächlich hat das Drumherum von Folie bis Flasche den größten Anteil an unserem Plastikmüll – wie gut wäre es also, wenn zur Herstellung nicht jedes Mal neuer Kunststoff eingesetzt werden müsste, sondern ein wirklicher Kreislauf entstünde. Bei Kosmetika ist das allerdings noch die Ausnahme. Denn dafür braucht es nicht nur genügend Rezyklat; das daraus produzierte Behältnis muss auch sicher sein. Luftdicht, um genau zu sein, damit die Creme oder das Shampoo darin beispielsweise vor Keimen geschützt ist.

Auch das hat es lange Zeit schwierig gemacht, Verpackungen aus wiederverwertetem Kunststoff herzustellen, vor allem wenn der nicht von der Industrie, sondern aus dem wilden Gelben-Sack-Gemisch stammt. Um endlich die Voraussetzungen dafür zu schaffen, haben sich einige große Unternehmen zu Initiativen und Foren zusammengetan. Und nun kommen die ersten Produkte von Marken wie Frosch und Dove in die Läden, die damit werben, dass für die Flaschen 100 Prozent sogenanntes Post-Consumer-Rezyklat verwendet wurde, gewonnen also aus Verpackungen, die einst im Gelben Sack gelandet waren. Damit nicht genug: Duschgel und Co. im neuen Look gehören fest ins Sortiment – nicht nur zu einer limitierten Linie.

Mehr Mut zu ganz neuen Wegen

Natürlich ist es wichtig, den Recycling-Prozess zu verbessern. Das Plastikmüll-Problem löst das allein aber nicht. Noch wichtiger wäre es, möglichst wenig Verpackung zu produzieren. Dass es nicht mehr zeitgemäß ist, Cremes und Seren einen großen Auftritt in möglichst opulenten Tiegeln zu verpassen, haben inzwischen auch Luxusmarken erkannt. So reduzierte Dior bei den neuen Produkten seiner "Capture Totale"-Serie das Verpackungsvolumen um bis zu 30 Prozent. Marken wie Lush oder Stop the Water while using me verzichten zum Teil sogar ganz auf Verpackung, indem sie ihren Shampoos und Waschlotionen das Wasser entziehen und sie als Stücke verkaufen.

"Wir müssen weg von den Einwegverpackungen", fordert auch Abfallexperte Dr. Buschmann vom BUND. "Warum braucht jede Marke eine eigens designte Shampooflasche. Viel besser wäre es doch, es gäbe zwei Größen, die wie bei Mehrweg-Trinkflaschen geleert, abgegeben und neu befüllt werden könnten." Selbst wenn das noch sehr nach Zukunftsmusik klingt, ein paar Refill-Möglichkeiten, etwa in den Läden von Lush oder dem Online-Shop von Fine gibt es immerhin schon. Außerdem experimentieren einige Marken mit neuen Verpackungsarten, wobei es im Augenblick noch schwierig ist, gute Alternativen zu finden: Glas und Alu sind leider nicht wirklich nachhaltiger, Bioplastik braucht zu lange, bis es sich zersetzt – und wird oft falsch entsorgt, weil es von normalem Kunststoff optisch nicht zu unterscheiden ist.

Und wir alle sind ein Teil davon

Denn der dritte Faktor, der Recycling erschwert, ist die Kundschaft – immer noch werfen wir einiges in den Gelben Sack, was da nicht reingehört. Wissen (oder beachten) nicht, dass die Verpackungen leer sein sollten (nicht gewaschen!) und wenn möglich auseinandergenommen, um die Rohstoffe von vornherein zu trennen, also Folie runter, Deckel ab ... Ebenfalls empfehlenswert: feste Kosmetik zumindest mal auszuprobieren. Es mag ungewohnt sein, die Haare mit einem Stück zu waschen und zu pflegen, doch es funktioniert tatsächlich gut. Wie viel sich mit bewussten Konsum-Entscheidungen bewirken lässt, beweist nicht zuletzt der Naturkosmetik-Boom – der viele konventionelle Marken zum Umdenken in Sachen Nachhaltigkeit gebracht hat.

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BRIGITTE 03/2020

Wer hier schreibt:

Alexandra Busse-Richter
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