Krieg im Kongo: "Vergewaltigte Frauen gelten als wertlos"

Etwa 80 Prozent aller Vergewaltigungen im Krieg werden nach Schätzungen im Kongo begangen, die Brutalität der Taten sprengt jedes Maß. Von Januar bis August 2008 soll es an die 100 000 sexuelle Übergriffe gegeben haben; seit Ende August der Krieg in den Kivu-Provinzen im Osten des Landes wieder aufflammte, stieg die Zahl um das Fünffache. Die Organisation medica mondiale, die Frauen in Kriegsgebieten hilft, arbeitet eng mit der kongolesischen Organisation PAIF zusammen, die sich in den Kivu-Provinzen um rund 800 vergewaltigte Frauen und Mädchen kümmert - gesundheitlich, psychologisch und mit Starthilfe zur Selbständigkeit.

Daniela Gierschmann, 29, ist Projekt-Referentin für den Kongo.

BRIGITTE: Die sexuelle Gewalt im Kongo nimmt weiter zu. Wer sind die Täter?

Daniela Gierschmann: Alle - Soldaten, Milizen, Rebellen. Kriegsvergewaltigungen gehören zur Strategie aller Konfliktparteien. Es trifft Frauen, Kinder jeden Alters, auch Säuglinge. Man will die Frauen zerstören, weil man so Familien und Dorfgemeinschaften zerstört - da kommt es auf das Alter und die soziale Stellung nicht an. Die Gewalt passiert öffentlich, auf dem Marktplatz, die Frauen werden aus den Häusern geholt. Je mehr Beobachter, desto schlimmer ist die Situation für sie hinterher. Sie werden nicht als Opfer eines Verbrechens angesehen, sondern als beschmutzt und ihre Männer als gedemütigt.

BRIGITTE: Seit fast 15 Jahren gibt es Krieg im Kongo. Warum werden die Vergewaltigungsopfer immer noch geächtet, obwohl mittlerweile nahezu jede zweite Frau betroffen ist?

Daniela Gierschmann: Dafür müsste man sich von dem patriarchalen Glauben verabschieden, dass ein Angriff auf die Frau auch einen Angriff auf männliches Eigentum und Ehre darstellt. Die Frau dürfte nicht mehr als Besitz der Gemeinschaft angesehen werden, sondern als Individuum mit zu schützenden Rechten. Im Krieg werden die bestehenden Rollenzuschreibungen aber noch verstärkt: Frauen repräsentieren die jeweilige ethnische, nationale oder religiöse Kultur. Daher werden sie in Kriegen stellvertretend für die Gemeinschaft angegriffen.

BRIGITTE: Immerhin steht Gewalt gegen Frauen im Kongo seit 2006 unter Strafe.

Daniela Gierschmann: Aber die Gesetze werden nur bedingt angewendet. Die Zivilgerichte funktionieren nicht; PAIF - die Organisation, mit der wir im Kongo zusammenarbeiten - hat viele Fälle vor ein Militärgericht in Goma gebracht, immerhin zwei Täter wurden auch verurteilt: Einer bekam fünf, einer zehn Jahre Haft. Es waren Soldaten der Regierungsarmee, die derzeit aus allen Landesteilen zusammengezogen und nach Goma gebracht werden. Die nehmen sich da, was sie wollen, plündern, klopfen an die Türen und fordern die Frauen.

BRIGITTE: Wie findet PAIF die Täter?

Daniela Gierschmann: Über Kontaktleute. Die Leiterin von PAIF hörte von einer 23-Jährigen, die in ein Lager der Soldaten in Goma verschleppt wurde. Sie ist dort hingefahren, allein, niemand wollte mit, und hat mit dem Commander so lange verhandelt, bis er die Frau rausgegeben hat. Die beiden Frauen sind dann zum Militärgericht gegangen. Der Prozess läuft noch.

BRIGITTE: Gibt es Schutz für die Frauen?

Daniela Gierschmann: Nein, die Blauhelme sind überfordert, sie sorgen in erster Linie für ihre eigene Sicherheit. Der Schutz von Frauen müsste ausdrücklich im UN-Mandat festgeschrieben sein, sonst wird sich auch künftig nichts ändern. Die Frauen sind auch in den Flüchtlings-Camps gefährdet, viele schlafen lieber außerhalb der Camps, weil sie sich drinnen nicht sicher fühlen. Das Hilfspersonal ist männlich, manche fordern Sex gegen Essen. Die UN-Blauhelme müssten diese Camps bewachen, und es müsste weibliches Personal geben.

BRIGITTE: Sich bei PAIF Hilfe zu holen heißt ja auch, man gibt sich als vergewaltigt zu erkennen - hält das nicht viele ab?

Daniela Gierschmann: Ja, aber PAIF holt auch Frauen dazu, die nicht vergewaltigt wurden, weil alle Frauen im Kongo in irgendeiner Weise vom Krieg betroffen sind. Wenn man diese Frauen zusammenbringt, wirkt das außerdem der Stigmatisierung entgegen. Wir haben gemerkt, dass Selbsthilfegruppen bei traumatisierten Frauen gut funktionieren, es hat eine stärkende Wirkung, untereinander zu sprechen und die Isolation zu durchbrechen.

BRIGITTE: Wie häufig kommt es zu Abtreibungen nach den Vergewaltigungen?

Daniela Gierschmann: Abtreibungen sind im Kongo illegal, die Frauen werden dafür öffentlich bestraft, mit Schlägen auf dem Marktplatz zum Beispiel - selbst dann, wenn sie eines Abbruchs nur bezichtigt werden. Im Falle einer Schwangerschaft wird wiederum die Vergewaltigung offensichtlich, viele Frauen werden dafür von ihren Familien verstoßen.

BRIGITTE: Was passiert mit den Kindern?

Daniela Gierschmann: Sehr viele dieser Kinder werden auf der Straße zurückgelassen. Die Kinder werden "Interahamwe", das ist der Name der Hutu-Milizen aus Ruanda, genannt, soll heißen: Wir wissen, wer du bist. Du bist ein Kind der Rebellen. Sie werden ausgegrenzt und diskriminiert.

BRIGITTE: Wie geht das Leben für die Mütter weiter?

Daniela Gierschmann: In Goma verhilft PAIF den Frauen zu Kleingewerbe- Startups - ein Versuch, ihnen zu helfen, wieder in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Als vergewaltigte Frauen gelten sie als wertlos; stellen sie aber unter Beweis, dass sie Geld verdienen können, hebt das ihr Ansehen sehr.

Spendenkonto medica mondiale

Sparkasse Köln Bonn, Konto 45 000 163, BLZ 370 501 98, Spendenzweck: Kongo

Interview: Meike Dinklage
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