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Krisenzeiten Das Positive kann überwiegen

Krisenzeiten: Tochter mit Vater vor Laptop
© Veres Production / Shutterstock
Die Wirtschaftsprofessorin Michèle Tertilt erforscht die ökonomische Rolle von Frauen in Krisenzeiten. Und erklärt, was sie diesmal optimistisch stimmt.

BRIGITTE: Von Ihnen stammt einer der optimistischsten Sätze, die ich in letzter Zeit zur Rolle der Frauen in der Krise gelesen habe. Er lautet: "Längerfristig gibt es auch Anlass für Hoffnung." Woran machen Sie das fest?

Michèle Tertilt: Es gibt gerade drei unterschiedliche Effekte, die die Krise für Frauen mit sich bringt. Der eine ist, dass Frauen im Moment mehr zurückstecken – weniger arbeiten, im Homeoffice auch die Kinder betreuen. Das wirkt sich negativ aus, die Einkommensschere wird weiter auseinandergehen.

Das klingt noch wenig hoffnungsvoll...

Ja, aber da sind noch zwei weitere Effekte: Derzeit gibt es so viel Home-office und auch Flexibilität seitens der Arbeitgeber wie nie zuvor. Davon wird langfristig etwas hängen bleiben, zum Vorteil insbesondere von Müttern. Wir haben ausgerechnet, dass Väter, die von zu Hause arbeiten können, im Schnitt 50 Prozent mehr Zeit mit Kinderbetreuung verbringen als Väter, bei denen das nicht möglich ist. Und, der dritte Effekt: Es gibt viele Väter, die plötzlich hauptverantwortlich für ihre Kinder sind. Etwa, wenn die Frau außer Haus arbeitet, der Mann aber von zu Hause – dann passt er jetzt auf die Kinder auf. Das betrifft in Deutschland ungefähr 20 Prozent aller Familien. Diese Väter haben auch Vorbildfunktion für andere, und das wird zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen.

Und die Geschlechterrollen verändern?

Ja. Nehmen Sie die Vätermonate: Studien zeigen, dass Männer, die Elternzeit nehmen, sich auch langfristig mehr in die Kindererziehung einbringen. Und auch bei den Arbeitgebern verändert sich gerade was: Sie merken, dass auch Männer Kinder haben, dass Kinder bei Videokonferenzen auch bei Männern durchs Bild laufen. Das wird eine Wirkung haben.

Sie forschen zum Zusammenhang von ökonomischer Entwicklung und Geschlechterrollen, unter anderem in Krisenzeiten. Ist die aktuelle Krise denn mit früheren vergleichbar?

Sie ist tatsächlich ganz anders. Eine typische Wirtschaftskrise betrifft Männer viel stärker als Frauen, sie verlieren weitaus häufiger ihren Job, reduzieren ihre Stunden. Wir haben ausgerechnet, dass 75 Prozent der Fluktuation von gearbeiteten Stunden Männern zuzuordnen ist. Das liegt an den Branchen, die sonst betroffen sind – Bauindustrie, Fertigungs­gewerbe, da arbeiten größtenteils Männer. In solchen Krisenzeiten springen dann die Frauen ein, suchen sich einen Job, um das Finanzielle für die Familie aufzufangen.

Und jetzt sind Branchen betroffen, in denen viele Frauen arbeiten – Hotel, Tourismus, Verkauf.

Ja, und dazu kommen noch die Schulschließungen, die gab es in keiner anderen Wirtschaftskrise. Das federn in unserer Gesellschaft auch vor allem die Frauen ab – was sie kurzfristig zu Verliererinnen macht. In Amerika liegt die Arbeitslosigkeit von Frauen jetzt schon drei Prozentpunkte über der der Männer. In der Finanzkrise war es genau andersherum.

Können Finanzhilfen für Familien diese Nachteile abfedern?

Finanzhilfen wie der 300-Euro-Bonus sind ein schöner Bonus für Familien, aber helfen den Frauen natürlich nicht, ihrer Arbeit nachzugehen. Die Schulen und Kindergärten müssen wieder geöffnet werden! Das ist für die Wirtschaft und die Frauen wichtiger als Finanzhilfen.

Wie schafft man es eigentlich, eine Krise zu erforschen, die gerade erst ein paar Monate alt ist?

Indem man sehr schnell arbeitet. Wir brauchen die Antworten umgehend, um als Gesellschaft Entscheidungen zu treffen, etwa, ob man die Schulen öffnen soll oder besser nicht. Dafür brauchen wir Zahlen.

Wie steht Deutschland dabei im Vergleich zu anderen Ländern da? Sind Frauen dort auch die Verliererinnen?

Ja. Es gibt mittlerweile Studien aus den USA, aus Spanien, aus England, die alle das Gleiche belegen: Frauen sind von dieser Krise ganz besonders betroffen. In Deutschland muss man allerdings sagen sind durch Kurzarbeit insgesamt längst nicht so viele Jobs verloren gegangen sind wie in anderen Ländern. Davon profitieren auch Frauen. Und durch die hohe Teilzeitquote kann die Belastung durch die Kinderbetreuung eher abgefedert werden als etwa in den USA, wo mehr Mütter Vollzeit arbeiten.

Was wären für Sie denn optimale Bedingungen, damit Frauen tatsächlich ökonomisch gleichberechtigt werden? Braucht es dafür eine Krise? Man denkt ja eigentlich, Frauenförderung kann man sich in guten Zeiten eher leisten.

Aber gerade Krisen können zum Um­denken führen. Im Zweiten Weltkrieg haben Frauen aus der Not heraus Männerjobs übernommen, die Männer waren ja weg. Das hat einen großen Anstoß gegeben.

Der aber erst nach Jahren spürbar wurde.

Ich gründe meinen Optimismus auch eher auf die Langzeitwirkung der Krise. Ich bin nicht nur hoffnungsvoll, aber ich sehe das Potenzial der Krise, in der Jobflexibilität, im Homeoffice, in den Vätern, die plötzlich hauptverantwortlich für die Kinder geworden sind, in vielen Fällen zum ersten Mal im Leben – und denke, dass sich in den Köpfen zumindest eines Teils der Bevölkerung etwas ändern wird.

Wie lang wird es brauchen?

Wir haben es mal durchsimuliert, das sind natürlich Modelle mit sehr vielen Annahmen – da haben wir ausgerechnet, dass in etwa zehn Jahren das Positive überwiegen könnte.

Michèle Tertilt lehrt seit 2010 an der Uni Mannheim, davor war sie Assistenzprofessorin in Stanford. Für ihre Forschung erhielt sie 2019 den renommierten Leibniz-Preis.

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BRIGITTE 16/2020

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