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Kristina Hänel "Ich muss eine Wahnsinnsbedrohung aushalten – aber ich gebe nicht auf"

Kristina Hänel kämpft für die Abschaffung des Paragrafen 219a
Kristina Hänel (64) wurde als "Abtreibungsärztin" bekannt
© fotostudio celebi
Gute und faire Bedingungen für den Schwangerschaftsabbruch zu schaffen, ist ihre Lebensaufgabe - dafür nimmt sie Hass und Hetze in Kauf. Die Ärztin Kristina Hänel ist unsere Frau des Monats Mai.   

2017 wurde Kristina Hänel als "Abtreibungsärztin" bundesweit bekannt, nachdem sie zu einer Geldstrafe verurteilt worden war, weil sie auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informiert hatte. Wegen dieses Verstoßes gegen das Informationsverbot, das in Strafrechts-Paragraf 219a geregelt ist, war sie von Abtreibungsgegnern angezeigt worden. Im Februar 2021 reichte sie Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe ein.

Für Kristina Hänel ist die Abschaffung des Paragrafen Lebensaufgabe. Aktuell ist sie Fürsprecherin der Kampagne Streicht Paragraf 219a von "Terre des Femmes." Die Aktion greift die Tatsache auf, dass jede:r über Schwangerschaftsabbrüche informieren darf, nur nicht die Ärzt:innen, die sie durchführen. In einem Video unter www.streicht219a.jetzt klären unter anderen ein Kfz-Mechaniker und eine Moderatorin über die Methoden und Risiken des Schwangerschaftsabbruchs auf. Die Kampagne liefert einerseits wertvolle Informationen und zeigt andererseits, wie widersinnig der Paragraf ist.

Als Vorreiterin der Bewegung gegen 219a küren wir die mutige Ärztin Kristina Hänel zu unserer "Starken Frau" des Monats Mai. Wir haben mit ihr über ihr Engagement für ungewollt schwangere Frauen gesprochen – und welchen Preis sie dafür zahlt.

BRIGITTE.de: Wie hat sich Ihre Verurteilung auf Ihr Leben ausgewirkt?

Kristina Hänel: Mein Leben hat sich 2017 völlig verändert. Als ich vor Gericht musste, habe ich mich entschieden, mit meinem Fall an die Öffentlichkeit zu gehen. Es ist dann wie ein Tsunami auf mich eingestürzt, obwohl ich die Angriffe von Abtreibungsgegnern schon gewöhnt war. Aber es wurde deutlich mehr und sehr massiv, auch mit Todesdrohungen. Heute noch bekomme ich 20 bis 30 Mails am Tag zu dem Thema und absolviere ein bis drei Veranstaltungen pro Woche zusätzlich zum normalen Alltag. Und ich mache Pressearbeit: Wenn es um ein staatliches informationsverbot geht, ist die vierte Gewalt ein wichtiger Faktor. 

Wann haben Sie angefangen, sich für ungewollt schwangere Frauen zu engagieren?

Gleich nach dem Examen habe ich in einer Pro-Familia-Beratungsstelle angefangen, weil die Kinder noch klein waren und ich nicht Tag und Nacht in der Klinik sein wollte. Dort wurde ich zum ersten Mal mit der Notsituation von ungewollt schwangeren Frauen konfrontiert. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass sie die Möglichkeit bekommen, wohnortnah abzutreiben. Nach schweren politischen Auseinandersetzungen bekamen wir endlich das Pro-Familia-Zentrum, wo Beratung und Abtreibung unter einem Dach möglich waren, aber dann sind uns die Ärzte abgesprungen. 

Wieso das?

Die politische Situation hatte sich verschärft, die Abtreibungsgegner hatten massiv an Einfluss gewonnen. Der soziale Druck, die Anfeindungen, die drohende strafrechtliche Verfolgung – das wurde den Ärzt:innen zu viel.

Und dann sind Sie eingesprungen?

Ja, weil ich dachte: "Du bist Ärztin und kannst dich nicht verweigern." Ich konnte und kann es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, zu sagen: Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen, jede kann ungewollt schwanger werden – aber wenn es passiert, ist mir das egal. Es muss auch jemanden geben, der bereit ist, die Eingriffe durchzuführen.

Sind alle Abtreibungsärzt:innen Anfeindungen ausgesetzt?

Der Abtreibungsgegner Klaus Günter Annen listet auf seiner Website "babykaust" ungefähr 600 Ärzt:innen, die er wegen 219a angezeigt hat. Da stehen jede Menge Verfahren dahinter, die zwar eingestellt worden sind, aber viel Kosten, Ärger und Aufwand verursacht haben. Hinzu kommt die Bedrohung. Annen fordert ja dazu auf, die Ärzt:innen auf der Liste zu verfolgen. Wir bekommen Droh-Mails und finden entsprechende Post in unseren Briefkästen. Das muss man aushalten.

Und wie halten Sie das aus?

Ich habe mich auf eine Art daran gewöhnt, aber es bleibt belastend. Doch man darf sich davon nicht vom Weg abbringen lassen. Das ist es ja, was die erreichen wollen.

2019 wurde der Paragraf 219a leicht angepasst. Seitdem dürfen Ärzt:innen darüber informieren, dass sie Abbrüche durchführen - mehr aber nicht. Spielte Ihr Fall für die Gesetzesänderung eine Rolle? 

Mit Sicherheit. Die Parteien sind 2017 relativ schnell angetreten, um den 219a zu reformieren oder abzuschaffen. Gestrichen wurde er nicht, aber ich sehe gute Chancen, dass das Urteil des Bundesverfassungsgerichts positiv ausfallen wird. Ich bin mir sicher, den 219a wird es auf Dauer nicht geben - der Konsens in der Gesellschaft ist eindeutig. 

Wie kam es eigentlich zu dem Informationsverbot für Abtreibungsärzt:innen? 

Das ist historisch gewachsen. Unter den Nationalsozialisten wollte man Ärzte schon verfolgen können, bevor man sie beim Abbruch erwischt – wenn klar war, dass sie bereit sind, den Eingriff vorzunehmen, was damals eine kriminelle Handlung war. Heute darf ich als Ärztin zwar Abbrüche vornehmen, aber nicht über die Risiken und Komplikationen aufklären. Das ist absurd. Überall in der Medizin kann ich informierte Entscheidungen treffen, nur beim Abbruch nehme ich Betroffenen die Möglichkeit und überlasse das Informieren diesen Abtreibungsgegner-Haien. Wenn ich mich als Frau damit beschäftige, ob ich eine Schwangerschaft beende oder nicht, muss ich auch andere Bilder sehen dürfen, als die auf "babykaust", wo der Abbruch mit Auschwitz verglichen wird. Diese Website existiert, da gehen die Frauen drauf – und das lässt der Staat zu.

2020 haben Sie eine Unterlassungsklage gegen Annen gewonnen, der Ihre Tätigkeit mit dem Holocaust verglichen hat. 

Ja, und wir haben jetzt auch Strafanzeige gegen ihn gestellt. Da geht es auch um den Aspekt der Volksverhetzung. 

Nicht nur rechtlich, auch bei den Methoden des Schwangerschaftsabbruchs hinkt Deutschland hinterher, schreiben Sie. Was ist da los?

Wir haben hier immer noch um die 15.000 Ausschabungen pro Jahr, dabei ist schon seit 30 Jahren die Absaugmethode der Goldstandard. Bei der Ausschabung gibt es ein höheres Blutungs- und Verletzungsrisiko, deshalb zählt Deutschland auch nicht zu den Ländern, die sichere Methoden anwenden. Ich kenne ein katholisches Krankenhaus, wo die Kirche das Absauggerät extra entfernen ließ, damit keine heimlichen Abbrüche vorgenommen werden können. Das bedeutet aber auch, dass eine Patientin nach einer Fehlgeburt ebenfalls mit einer Ausschabung vorliebnehmen muss. Das ist nur ein Beispiel für die Haltung: Mich interessiert nur der sogenannte Schutz des ungeborenen Lebens - nicht aber die Gesundheit der Frau.  

Welchen Preis zahlen Sie für Ihr Engagement?

Ich habe sehr, sehr viel Zeit und Gedanken investiert, hatte schlaflose Nächte, musste eine Wahnsinnsbedrohung und eine hohe Belastung aushalten, besonders seit 2017. Man braucht einen langen Atem und muss Rückschläge einstecken. Manchmal denke ich, jetzt kann ich nicht mehr, aber dann hilft mir meine Marathonerfahrung. 

Hat sich Ihr Marathonlauf gegen 219a gelohnt?

Unterm Strich stehen für mich die positiven Aspekte im Vordergrund: 30 Jahre lang habe ich in einem Beruf gearbeitet, von dem keiner hören wollte, was man da eigentlich macht – außer, man war selbst betroffen. Jetzt interessieren sich viele dafür, die Gesellschaft nimmt die Probleme wahr und das ist die richtige Entwicklung. Ich bin Teil einer Bewegung geworden. Als ich nach der Zeit bei Pro Familia in meine eigene Praxis ging, war ich mit dem Thema isoliert. Das hat sich total verändert, und es ist schön, dass so viele junge Leute nachkommen. Es gibt inzwischen viele Pro Choice Gruppen, Medizinier:innen, Juris:tinnen und andere, die sich engagieren. Das Thema ist plötzlich überall.

Wann sagen Sie: Ich habe mein Ziel erreicht? 

Wenn Frauen auch im Fall einer ungewollten Schwangerschaft menschlich behandelt werden – und nicht wie Menschen zweiter Klasse. Dazu gehört auch eine medizinisch korrekte Behandlung. Das ist mein großes Ziel. 

Brigitte

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