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Läufigkeit bei Hündinnen: Zeit für ein neues #MeToo

Läufigkeit bei Hündinnen: Zwei Hunde stehen sich gegenüber
© yulana / Shutterstock
Mit der Gleichberechtigung ist es in der Hundewelt nicht allzu weit her, findet Meike Dinklage. Aber es gibt Hoffnung.

Der Frühling kam, meine Hündinnen wurden läufig. Ich stand um 5.30 Uhr auf, um ab sechs durch die Seitenwege der Parks zu schleichen, in der Hoffnung, möglichst ungestört Gassi gehen zu können. Vergeblich. Wenn es nach Östrogenen riecht, nehmen sich manche Rüden ein Taxi, um als Erste vor Ort zu sein.

Tiere und das Verhalten der Besitzer*innen

So lernten wir Johnboy kennen. Johnboy ist ein älterer Golden Retriever, beleibt, mit gemächlichem Gang. Er verfolgte meine Collies quer durch den Park, umkreiste sie, baute sich posend vor ihnen auf. Während Yva, die Jüngere, kläffend versuchte, ihr Hinterteil vor ihm in Sicherheit zu bringen, und Fee, die Ältere, drohend die Lefzen hochzog, setzte sich Johnboys Frauchen entspannt auf eine Bank und ließ sich die aufgehende Sonne ins Gesicht scheinen.

Es gibt Rüden, die kurz schnüffeln und dann ihrer Wege gehen, und es gibt viele Hundebesitzer*innen, die sofort handeln, wenn sie merken, ihr Hund fährt hoch. Und es gibt Leute wie Johnboys Besitzerin, die finden, dass der Park ihrem Hund gehört. Mit allem, was drin ist.

Ich bat sie, den Hund abzurufen. Sie lachte und sagte: "Wie denn? Der kommt doch jetzt nicht." Ich bat sie, ihren Hund anzuleinen und abzuholen, sie sagte: "Laut Hundegesetz dürfen läufige Hündinnen gar nicht frei herumlaufen. Es tut mir richtig in der Seele weh, mit ansehen zu müssen, wie Sie Ihre Tiere diesem Stress hier aussetzen."

Rüden wollen immer. Und Hündinnen haben immer Schuld

Schöne Antworten fielen mir auf dem Weg nach Hause ein. Im Moment aber war ich zu sehr damit beschäftigt, Johnboy in Schach zu halten. Ich versuchte ihn zu blocken, stellte mich zwischen ihn und Yva, es war ein Kampf, die Besitzerin rief mir aus der Ferne zu: "Sehen Sie, sag ich ja."

Ich glaube, dass ich nicht handgreiflich wurde, hat damit zu tun, dass ich als Hündinnen-Besitzerin die Gender-Hackordnung der Hundewelt tief verinnerlicht habe. Und die funktioniert nach dem Verursacherinnen­prinzip: Rüden wollen immer. Und Hündinnen haben immer Schuld.

Genau – das hatten wir schon mal, im Zusammenhang mit Miniröcken. Johnboy war eigentlich nichts anderes als der hündische Widergänger des dicken Herrn Weinstein, der mal eben losgrapscht, einfach, weil er es kann. Und während die Menschheit zunehmend versteht, dass Frauen nicht in sexuelle Vorkasse gehen müssen, um Jobs zu bekommen, es kratertiefe Unterschiede zwischen Flirt und Belästigung gibt, und Nein tatsächlich Nein heißt, reproduzieren wir im Umgang mit der Sexualität unserer Hunde die alte Idee von der weiblichen Schuld an der männlichen Verführbarkeit, dem Luderhaften der Lust.

Hunde-#MeToo – Hündinnen nicht belästigen 

Ich überlegte, ein Hunde-#MeToo zu starten, denn wie in der Menschenwelt ist es auch hier eine systemische Schwäche, die das Unrecht mitträgt: Gesetze, die läufige Hündinnen auch dann an die kurze Leine legen, wenn sie nicht ihre "Stehtage" haben, also wirklich und ehrlich überhaupt keinen Sex wollen; Rüdenbesitzer*innen, die ihren aufdringlichen Hund kavalieresk und irgendwie ursprünglich finden; ich selbst, defensiv, immer eine Entschuldigung auf den Lippen für die Aufregung, die wir verursachen.

Dann bog Poncho um die Ecke. Ein fröhlicher Labrador, 13 Monate, voll in der hormonellen Blüte. Er zollte meiner älteren Hündin mit schnellem Blick Respekt, forderte dann die junge zum Spielen auf, sie tobten ein bisschen, ich fragte seine Besitzerin, wie lang er schon kastriert sei, sie sagte: "Gar nicht. Ich habe ihm beigebracht, dass man Hündinnen nicht belästigt." Basta.

Ich war sprachlos. Poncho respektierte uns. Ich dachte, so einfach kann es sein. Man sagt schlicht: ist nicht. Seltsam, dass man einem Hund diese Botschaft in 13 Monaten beibringen kann. Wenn es bei den Menschen doch ein paar Jahrhunderte gedauert hat.

Weiß, wovon sie schreibt

Meike Dinklage, kennt auch die andere Seite, weil sie selbst mal einen Rüden hatte, dem die Tier­ärztin Hypersexualität bescheinigte: Sam, der Beste aller Hunde – nach der Kastration.

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BRIGITTE 14/2020

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