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Leben nach dem Loveparade-Unglück: Ist Julia Wilms noch dieselbe Frau?

Wie das Leben weiterging für Julia Wilms, 22, die beim Loveparade-Unglück in Duisburg den Tod gesehen hat.

Die Julia von früher ist eine 22-jährige, fröhliche Frau, die genau weiß, in welche Richtung ihr Leben gehen soll. Im Frühling beschließt sie, ihren Job als Bürokauffrau in Krefeld zu kündigen und nach Duisburg zurückzuziehen, um sich zur Sozialhelferin ausbilden zu lassen. Sie möchte etwas Sinnvolles tun. Mit drei Freundinnen will sie ihre Rückkehr feiern - auf der Loveparade am 24. Juli.

Sie stylen sich auf, trinken Sekt, ziehen gegen Mittag los, fotografieren sich auf dem Weg zum Festgelände. Sie gehen mit dem Partyvolk in den Tunnel. Plötzlich stockt es. Von hinten drängen neue Menschen hinein, es wird immer enger und stickiger. Die Freundinnen verlieren sich, Julia bleibt ruhig, sie fühlt sich sicher, weil überall Polizisten stehen. Es kann nichts passieren, denkt sie. Gleich wird sie auf der Party sein, tanzen. Sie kann schon die Musik hören. Erst als ein Junge neben ihr schreit, dass er keine Luft mehr bekommt, kriegt auch Julia Angst. Sie überlegt, ihr Pfefferspray einzusetzen, um sich Raum zum Atmen zu verschaffen. Zum Glück ist ihre Hand mit der Handtasche und dem Spray eingekeilt. Hunderte Körper drücken gegen sie. Um Luft zu bekommen, stemmt Julia sich nach oben und hängt plötzlich quer in der Menschenmenge. Sie fällt auf den Rücken, fühlt, dass jemand unter ihr liegt. Ein Mann stürzt auf ihr Gesicht. Julia beißt ihm verzweifelt in den Rücken und versucht, durch sein T-Shirt hindurch zu atmen. Dann wird es still um sie.

Als sie aufwacht und sich zur Seite dreht, hört sie noch immer den Bass, trotzdem ist es im Tunnel merkwürdig ruhig geworden. Sie schaut das Gesicht des Jungen an, der unter ihr liegt. Es ist blau. Der Junge ist tot. Julia wird erneut bewusstlos. Als sie das nächste Mal aufwacht, stehen Sanitäter um sie herum. Sie kommt ins Krankenhaus, darf aber schon nach kurzer Zeit nach Hause.

Seither gibt es die Julia von früher nicht mehr. Sie kann nicht mehr schlafen, fast ununterbrochen muss sie an das blaue Gesicht des Jungen denken, der unter ihr erstickt ist. Wenn sie doch einmal einnickt, hat sie Albträume. Julia isst kaum noch, sie raucht Kette und geht nur selten raus. Sie vermeidet es, mit vielen Menschen Bahn zu fahren, auch der Weg zum Supermarkt fällt ihr schwer. Es gibt Tage, an denen sie einfach nur hofft, dass sie vorbeigehen, weil sie es nicht schafft, an etwas anderes zu denken als an die Szenen im Tunnel.

Ein Therapeut rät ihr, eine Weile in eine Klinik zu gehen. 17 Tage bleibt sie dort. Seitdem geht es ihr besser. Die Therapie setzt sie fort, die Gespräche helfen ihr. Den Plan, Sozialhelferin zu werden, gibt sie auf. Ihr fehlt jetzt die Kraft, sich mit dem Leid anderer auseinanderzusetzen. Sie beginnt ein Fernstudium zur Kosmetikerin. Für sie ist auch das ein Heilberuf, aber einer, der nichts mit Leid zu tun hat. Wenn ein Krimi im Fernsehen läuft, schaltet sie um.

Sie hat einen Youtube-Suchaufruf ins Netz gestellt, um ihren "Engel" zu finden, einen Mann, der sie kurz nach der Katastrophe in den Arm genommen und gesagt hat: Alles wird gut. Julia weiß nur, dass er Frederik heißt. Sie will ihn finden und Danke sagen. Danke, dass ich noch lebe.

Zusammen mit dem Initiator des Loveparade-Sammelverfahrens will Julia eine Anlaufstelle für Opfer und Angehörige der Geschehnisse in Duisburg gründen. Betroffene sollen sich dort über das Unglück austauschen und für ihre Rechte einsetzen können. Mehr dazu unter www.loveparade-sammelverfahren.de.

Mirja Hammer

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