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Lebensmittel "Was der Kunde an der Kasse zahlt, ist nicht der wahre Preis"

Lebensmittelproduktion: Einkaufswagen mit Lebensmitteln
© benjaminnolte / Adobe Stock
Abgeholzte Wälder, verschmutztes Grundwasser: Wer zahlt für die wahren Kosten, die bei der Produktion von Lebensmitteln anfallen? Der Ökonom Tobias Gaugler hat da eine Idee.

BRIGITTE: Wir stecken mitten in einer Inflation, merken das jeden Tag im Supermarkt – und Sie sagen, dass Lebensmittel noch mehr kosten müssten. Wie kann das sein?

Prof. Dr. Tobias Gaugler: Das, was der Kunde aktuell an der Kasse zahlt, ist nicht der wahre Preis. Es gibt Schäden wie Nitratbelastung von Böden oder Klima-Emissionen, die durch die Produktion entstehen und Kosten verursachen. Ressourcen werden verbraucht, CO2 ausgestoßen. Mit den aktuellen Lebensmittelpreisen ist es so, als ginge ich in den Supermarkt und zahlte nur jedes zweite Produkt. Und an der Kasse sagte ich: "Den Rest zahlt jemand anders später für mich."

Welche Kosten stecken denn genau in diesem Rest?

Man unterscheidet zwischen Umwelt- und sozialen Folgekosten. Zu den ersten zählen die Kosten, die durch die Emission von Klimagasen anfallen, aber auch die Regenwaldabholzung in Südamerika, der Energiebedarf bei der Produktion und der Verarbeitung von Lebensmitteln. Auch die Überdüngung verursacht "externe Kosten". Zum Beispiel gelangt durch Überdüngung Nitrat in die Böden. Trinkwasserversorger müssen als Folge mehr Geld für die Aufbereitung der Wässer aufbringen oder tiefere Brunnen bohren. 

Und was versteckt sich hinter den sozialen Kosten?

Hier geht es um Tierwohlfragen, aber auch um faire Preise und gute Arbeitsbedingungen für Produzenten. Zudem fallen Gesundheitsfolgekosten an, etwa Krankenkosten durch Übergewicht oder einen hohen Fleischverzehr. Die zahlen im Endeffekt alle Steuerzahler – unabhängig davon, wie sie sich tatsächlich ernähren. 

Klimagase sind hier aber noch nicht eingepreist, oder?

Diese Kosten entstehen ja zum Teil in anderen Ländern, wo der Klimawandel schon deutlich spürbar ist. Bei uns werden sie erst in der Zukunft sichtbar, wenn es immer mehr Starkwetterereignisse auch bei uns geben wird und man etwa mit höherem finanziellen und technischen Aufwand die Landwirtschaft unterstützen muss. Und das ist ein echtes Problem, denn viele fragen sich: Warum sollte ich heute für etwas zahlen, das mich hier in Deutschland nur eingeschränkt betrifft oder erst die künftigen Generationen? 

Bei welchen Produkten gäbe es denn theoretisch die höchsten Aufschläge?

Je tierischer, desto höher die externen Kosten. Der Klimarucksack des Tierfutters ist schon sehr hoch. Zudem muss man acht bis zehn Kalorien Futter an ein Tier verfüttern, um eine Kalorie Milch oder Fleisch zu erhalten. Dann kommen noch Gülle dazu sowie Methan-Emissionen. Ein Rind auf der Weide verursacht übrigens weniger Umweltkosten, weil CO2 im Boden gebunden wird. Grundsätzlich gilt: Je natürlicher der Stoffkreislauf, desto geringer sind die Umweltfolgeschäden. Darum ist bio im Durchschnitt auch besser als konventionell. Auch der Verarbeitungsgrad spielt eine Rolle, aber weniger.

Um wie viel Prozent müsste man die Preise erhöhen?

Wir haben ermittelt: Rechnet man nur die genannten Umweltkosten, müsste ein Apfel acht Prozent mehr kosten. Mozzarella wäre 52 Prozent teurer, Bio-Fleisch 126 Prozent, konventionelles sogar 173 Prozent. Und: Wir gehen davon aus, dass die sozialen Folgekosten noch höher ausfallen als die Umweltkosten. Grob überschlagen müsste man also die von uns ermittelten Preisaufschläge verdoppeln.

Dürfen wir überhaupt über Preissteigerungen reden, wo alles gerade so teuer geworden ist?

Ja, wir müssen sogar! Denn selbst wenn wir als Gesellschaft nicht darüber reden wollen, entstehen die Kosten ja trotzdem. Wir können es uns nicht leisten, Krisensituationen wie die Corona-Pandemie oder aktuell in der Ukraine zu nutzen, um uns aus der Klimakrise rauszureden. 

In Berlin-Spandau gibt es eine Penny-Filiale, die die wahren Kosten für einige Produkte ausweist. Sie und Ihr Team haben das True-Cost-Projekt wissenschaftlich begleitet. Wie sind die Reaktionen?

Die Kunden sagen, sie würden Aufpreise bezahlen, zumindest, wenn es gering höhere Preise wie bei Gemüse und Obst sind. Aber in der Realität greifen sie dann doch allzu oft zur Billigware, das Phänomen nennt sich "Attitude-Behavior-Gap". Wir können also nicht erwarten, dass allein der Verbraucher aktiv wird. 

Was muss also passieren?

Teilweise ist der Handel schon vorangegangen, etwa beim freiwilligen Tierwohl-Label. Solche Initiativen müssten aber mehr und deutlich ambitionierter werden. Der einzelne Landwirt hingegen kann wenig tun, er ist zumeist das schwächste Glied in der Kette. Es geht nicht ohne verbindliche Vorgaben vom Gesetzgeber.

Wie könnten die aussehen?

Der Staat oder die EU könnte eine Klimadividende einführen. Das heißt: Jede ausgestoßene Tonne Klimagas kostet sektorenübergreifend etwas. Anfangs müsste dieser Preis nicht so hoch sein, aber dann über die nächsten zehn Jahre deutlich steigen. Der Staat sammelt damit von allen Inverkehrbringern von Klimagasen Geld ein. Somit würde erst mal alles ein bisschen teurer, die Unternehmen wären aber gezwungen und dazu in der Lage, klimafreundliche Alternativen zu wählen. Der Staat sollte die Einnahmen jedoch nicht behalten, sondern komplett – und zwar in gleichen Teilen – wieder an jeden Bürger auszahlen. Das heißt, diejenigen, die einen geringen CO2-Abdruck haben, bekommen sogar Geld zurück, und das sind alle außer den wirklich wohlhabenden Menschen, die ein sehr hohes Konsumniveau haben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Gaugler forscht an der Technischen Hochschule Nürnberg und den Universitäten Greifswald und Augsburg.

Brigitte

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